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Anmerkungen zur Transkription

Der vorliegende Text wurde anhand der Buchausgabe von 1816 so weit wie möglich originalgetreu wiedergegeben. Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert. Ungewöhnliche und heute nicht mehr verwendete Schreibweisen bleiben gegenüber dem Original unverändert; fremdsprachliche Ausdrücke wurden nicht korrigiert.

Die Sammlung stammt aus zahlreichen verschiedenen Quellen, daher kommen viele Wortvarianten vor (z.B. fodern/fordern; Hühne/Hüne). Diese wurden nur harmonisiert, wenn eine bestimmte Form in einem Abschnitt vorherrscht oder wenn ansonsten der Sinn des Texts unklar wäre.

Das Original wurde in Frakturschrift gesetzt. Besondere Schriftschnitte werden im vorliegenden Text mit Hilfe der folgenden Symbole gekennzeichnet:

gesperrt: +Pluszeichen+
Antiqua: ~Tilden~

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Deutsche Sagen.

Herausgegeben

von

den Brüdern Grimm.

+Berlin+, in der Nicolaischen Buchhandlung.

+1816.+

Unserm Bruder

Ludwig Emil Grimm

aus herzlicher Liebe

zugeeignet.

Vorrede.

[Sidenote: I. Wesen der Sage.]

Es wird dem Menschen von heimathswegen ein guter Engel beigegeben, der ihn, wann er ins Leben auszieht, unter der vertraulichen Gestalt eines Mitwandernden begleitet; wer nicht ahnt, was ihm Gutes dadurch widerfährt, der mag es fühlen, wenn er die Grenze des Vaterlands überschreitet, wo ihn jener verläßt. Diese wohlthätige Begleitung ist das unerschöpfliche Gut der Märchen, Sagen und Geschichte, welche nebeneinander stehen und uns nacheinander die Vorzeit als einen frischen und belebenden Geist nahe zu bringen streben. Jedes hat seinen eigenen Kreis. Das Märchen ist poetischer, die Sage historischer; jenes stehet beinahe nur in sich selber fest, in seiner angeborenen Blüte und Vollendung; die Sage, von einer geringern Mannichfaltigkeit der Farbe, hat noch das Besondere, daß sie an etwas Bekanntem und Bewußtem hafte, an einem Ort oder einem durch die Geschichte gesicherten Namen. Aus dieser ihrer Gebundenheit folgt, daß sie nicht, gleich dem Märchen, überall zu Hause seyn könne, sondern irgend eine Bedingung voraussetze, ohne welche sie bald gar nicht da, bald nur unvollkommener vorhanden seyn würde. Kaum ein Flecken wird sich in ganz Deutschland finden, wo es nicht ausführliche Märchen zu hören gäbe, manche, an denen die Volkssagen blos dünn und sparsam gesät zu seyn pflegen. Diese anscheinende Dürftigkeit und Unbedeutendheit zugegeben, sind sie dafür innerlich auch weit eigenthümlicher; sie gleichen den Mundarten der Sprache, in denen hin und wieder sonderbare Wörter und Bilder aus uralten Zeiten hangen geblieben sind, während die Märchen ein ganzes Stück alter Dichtung, so zu sagen, in einem Zuge zu uns übersetzen. Merkwürdig stimmen auch die erzählenden Volkslieder entschieden mehr zu den Sagen, wie zu den Märchen, die wiederum in ihrem Inhalt die Anlage der frühesten Poesien reiner und kräftiger bewahrt haben, als es sogar die übrig gebliebenen größeren Lieder der Vorzeit konnten. Hieraus ergibt sich ohne alle Schwierigkeit, wie es kommt, daß fast nur allein die Märchen Theile der urdeutschen Heldensage erhalten haben, ohne Namen, (außer wo diese allgemein und in sich selbst bedeutend wurden, wie der des alten Hildebrand); während in den Liedern und Sagen unseres Volks so viele einzelne, beinahe trockene Namen, Örter und Sitten aus der ältesten Zeit festhaften. Die Märchen also sind theils durch ihre äußere Verbreitung, theils durch ihr inneres Wesen dazu bestimmt, den reinen Gedanken einer kindlichen Weltbetrachtung zu fassen, sie nähren unmittelbar, wie die Milch, mild und lieblich, oder der Honig, süß und sättigend, ohne irdische Schwere; dahingegen die Sagen schon zu einer stärkeren Speise dienen, eine einfachere, aber desto entschiedenere Farbe tragen, und mehr Ernst und Nachdenken fodern. Ueber den Vorzug beider zu streiten wäre ungeschickt; auch soll durch diese Darlegung ihrer Verschiedenheit weder ihr Gemeinschaftliches übersehen, noch geleugnet werden, daß sie in unendlichen Mischungen und Wendungen in einander greifen und sich mehr oder weniger ähnlich werden. Der Geschichte stellen sich beide, das Märchen und die Sage, gegenüber, insofern sie das sinnlich natürliche und begreifliche stets mit dem unbegreiflichen mischen, welches jene, wie sie unserer Bildung angemessen scheint, nicht mehr in der Darstellung selbst verträgt, sondern es auf ihre eigene Weise in der Betrachtung des Ganzen neu hervorzusuchen und zu ehren weiß. Die Kinder glauben an die Wirklichkeit der Märchen, aber auch das Volk hat noch nicht ganz aufgehört, an seine Sagen zu glauben, und sein Verstand sondert nicht viel darin; sie werden ihm aus den angegebenen Unterlagen genug bewiesen, d. h. das unleugbar nahe und sichtliche Daseyn der letzteren überwiegt noch den Zweifel über das damit verknüpfte Wunder. Diese +Eingenossenschaft~ der Sage ist folglich gerade ihr rechtes Zeichen. Daher auch von dem, was wirkliche Geschichte heißt, (und einmal hinter einen gewissen Kreis der Gegenwart und des von jedem Geschlecht durchlebten tritt,) dem Volk eigentlich nichts zugebracht werden kann, als was sich ihm auf dem Wege der Sage vermittelt; einer in Zeit und Raum zu entrückten Begebenheit, der dieses Erforderniß abgeht, bleibt es fremd oder läßt sie bald wieder fallen. Wie unverbrüchlich sehen wir es dagegen an seinen eingeerbten und hergebrachten Sagen haften, die ihm in rechter Ferne nachrücken und sich an alle seine vertrautesten Begriffe schließen. Niemals können sie ihm langweilig werden, weil sie ihm kein eiteles Spiel, das man einmal wieder fahren läßt, sondern eine Nothwendigkeit scheinen, die mit ins Haus gehört, sich von selbst versteht, und nicht anders, als mit einer gewissen, zu allen rechtschaffenen Dingen nöthigen Andacht, bei dem rechten Anlaß, zur Sprache kommt. Jene stete Bewegung und dabei immerfortige Sicherheit der Volkssagen stellt sich, wenn wir es deutlich erwägen, als eine der trostreichsten und erquickendsten Gaben Gottes dar. Um alles menschlichen Sinnen ungewöhnliche, was die Natur eines Landstrichs besitzt, oder wessen ihn die Geschichte gemahnt, sammelt sich ein Duft von Sage und Lied, wie sich die Ferne des Himmels blau anläßt und zarter, feiner Staub um Obst und Blumen setzt. Aus dem Zusammenleben und Zusammenwohnen mit Felsen, Seen, Trümmern, Bäumen, Pflanzen entspringt bald eine Art von Verbindung, die sich auf die Eigenthümlichkeit jedes dieser Gegenstände gründet, und zu gewissen Stunden ihre Wunder zu vernehmen berechtigt ist. Wie mächtig das dadurch entstehende Band sey, zeigt an natürlichen Menschen jenes herzzerreißende Heimweh. Ohne diese sie begleitende Poesie müßten edele Völker vertrauern und vergehen; Sprache, Sitte und Gewohnheit würde ihnen eitel und unbedeckt dünken, ja hinter allem, was sie besäßen, eine gewisse Einfriedigung fehlen. Auf solche Weise verstehen wir das Wesen und die Tugend der deutschen Volkssage, welche Angst und Warnung vor dem Bösen und Freude an dem Guten mit gleichen Händen austheilt. Noch geht sie an Örter und Stellen, die unsere Geschichte längst nicht mehr erreichen kann, vielmal aber fließen sie beide zusammen und untereinander; nur daß man zuweilen die an sich untrennbar gewordene Sage, wie in Strömen das aufgenommene grünere Wasser eines anderen Flusses, noch lange zu erkennen vermag.

[Sidenote: II. Treue der Sammlung.]

Das erste, was wir bei Sammlung der Sagen nicht aus den Augen gelassen haben, ist +Treue und Wahrheit+. Als ein Hauptstück aller Geschichte hat man diese noch stets betrachtet; wir fodern sie aber eben so gut auch für die Poesie und erkennen sie in der wahren Poesie eben so rein. Die Lüge ist falsch und bös; was aus ihr herkommt, muß es auch seyn. In den Sagen und Liedern des Volks haben wir noch keine gefunden: es läßt ihren Inhalt, wie er ist und wie es ihn weiß; dawider, daß manches abfalle in der Länge der Zeit, wie einzelne Zweige und Äste an sonst gesunden Bäumen vertrocknen, hat sich die Natur auch hier durch ewige und von selbst wirkende Erneuerungen sicher gestellt. Den Grund und Gang eines Gedichts überhaupt kann keine Menschenhand erdichten; mit derselben fruchtlosen Kraft würde man Sprachen, und wären es kleine Wörtchen darin, ersinnen; ein Recht oder eine Sitte alsobald neu aufbringen, oder eine unwirkliche That in die Geschichte hinstellen wollen. Gedichtet kann daher nur werden, was der Dichter mit Wahrheit in seiner Seele empfunden und erlebt hat, und wozu ihm die Sprache halb bewußt, halb unbewußt, auch die Worte offenbaren wird; woran aber die einsam dichtenden Menschen leicht, ja fast immer verstoßen, nämlich an dem richtigen Maaß aller Dinge, das ist der Volksdichtung schon von selbst eingegeben. Ueberfeine Speisen widerstehen dem Volk, und für unpoetisch muß es gelten, weil es sich seiner stillen Poesie glücklicherweise gar nicht bewußt wird; die ungenügsamen Gebildeten haben dafür nicht blos die wirkliche Geschichte, sondern auch das gleich unverletzliche Gut der Sage mit Unwahrheiten zu vermengen, zu überfüllen und überbieten getrachtet. Dennoch ist der Reiz der unbeugsamen Wahrheit unendlich stärker und dauernder, als alle Gespinnste, weil er nirgends Blößen gibt und die rechte Kühnheit hat. In diesen Volkssagen steckt auch eine so rege Gewalt der Ueberraschung, vor welcher die überspannteste Kraft der aus sich blos schöpfenden Einbildung zuletzt immer zu Schanden wird und bei einer Vergleichung beider würde sich ein Unterschied dargeben, wie zwischen einer geradezu ersonnenen Pflanze und einer neu aufgefundenen wirklichen, bisher von den Naturforschern noch unbeobachteten, welche die seltsamsten Ränder, Blüten und Staubfäden gleich aus ihrem Innern zu rechtfertigen weiß oder in ihnen plötzlich etwas bestätiget, was schon in andern Gewächsen wahrgenommen worden ist. Ähnliche Vergleichungen bieten die einzelnen Sagen untereinander, so wie mit solchen, die uns alte Schriftsteller aufbewahrt haben, in Ueberfluß dar. Darum darf ihr Innerstes bis ins kleinste nicht verletzt und darum müssen Sache und Thatumstände lügenlos gesammelt werden. An die Worte war sich, so viel thunlich, zu halten, nicht an ihnen zu kleben.

[Sidenote: III. Mannichfaltigkeit der Sammlung.]

Das zweite, eigentlich schon im ersten mitbegriffene Hauptstück, worauf es bei einer Sammlung von Volkssagen anzukommen scheint, bestehet darin, daß man auch ihre Mannichfaltigkeit und Eigenthümlichkeit sich recht gewähren lasse. Denn darauf eben beruhet ihre Tiefe und Breite, und daraus allein wird ihre Natur zu erforschen seyn. Im Epos, Volkslied und der ganzen Sprache zeigt sich das Gleiche wieder; bald haben jene den ganzen Satz miteinander gemein, bald einzelne Zeilen, Redensarten, Ausdrücke; bald hebt, bald schließt es anders und bahnt sich nur neue Mittel und Uebergänge. Die Ähnlichkeit mag noch so groß seyn, keins wird dem andern gleich; hier ist es voll und ausgewachsen, dort stehet es ärmer und dürftiger. Allein diese Armuth, weil sie schuldfrei, hat in der Besonderheit fast jedesmal ihre Vergütung und wird eine Armuthseligkeit. Sehen wir die Sprache näher an, so stuft sie sich ewig und unendlich in unermeßlichen Folgen und Reihen ab, indem sie uns ausgegangene neben fortblühenden Wurzeln, zusammengesetzte und vereinfachte Wörter und solche, die sich neu bestimmen oder irgend einem verwandten Sinn gemäß weiter ausweichen, zeigt; ja es kann diese Beweglichkeit bis in den Ton und Fall der Silben und die einzelnen Laute verfolgt werden. Welches unter dem Verschiedenen nun das Bessere sey und mehr zur Sache gehöre, das ist kaum zu sagen, wo nicht ganz unmöglich und sündlich, sofern wir nicht vergessen wollen, daß der Grund, woraus sie alle zusammen entsprungen, die göttliche Quelle an Maas unerhört, an Ausstrahlung unendlich selber war. Und, weil das Sonnenlicht über Groß und Klein scheint, und jedem hilft, so weit es seyn soll, bestehen Stärke und Schwäche, Keime, Knospen, Trümmer und Verfall neben und durcheinander. Darum thut es nichts, daß man in unserm Buch Ähnlichkeiten und Wiederholungen finden wird; denn die Ansicht, daß das verschiedene Unvollständige aus einem Vollständigen sich aufgelöst, ist uns höchst verwerflich vorgekommen, weil jenes Vollkommene nichts irdisches seyn könnte, sondern Gott selber, in den alles zurückfließt, seyn müßte. Hätten wir also dieser ähnlichen Sagen nicht geschont, so wäre auch ihre Besonderheit und ihr Leben nicht zu retten gewesen. Noch viel weniger haben wir arme Sagen reich machen mögen, weder aus einer Zusammenfügung mehrerer kleinen, wobei zur Noth der Stoff geblieben, Zuschnitt und Färbung aber verloren gegangen wäre, noch gar durch unerlaubte, fremde Zuthaten, die mit nichts zu beschönigen sind und denen der unerforschliche Gedanke des Ganzen, aus dem jene Bruchstücke übrig waren, nothwendig fremd seyn mußte. Ein Lesebuch soll unsere Sammlung gar nicht werden, in dem Sinn, daß man alles, was sie enthält, hinter einander auszulesen hätte. Jedwede Sage stehet vielmehr geschlossen für sich da, und hat mit der vorausgehenden und nachfolgenden eigentlich nichts zu thun; wer sich darunter aussucht, wird sich schon begnügen und vergnügen. Uebrigens braucht, so sehr wir uns bemühten, alles lebendig verschiedene zu behüten, kaum erinnert zu werden, daß die bloße Ergänzung einer und derselben Sage aus mehrern Erzählungen, das heißt, die Beseitigung aller nichts bedeutenden Abweichungen, einem ziemlich untrüglichen critischen Gefühl, das sich von selbst einfindet, überlassen worden ist.

[Sidenote: IV. Anordnung der Sammlung.]

Auch bei Anordnung der einzelnen Sagen haben wir am liebsten der Spur der Natur folgen wollen, die nirgends steife und offenliegende Grenzen absteckt. In der Poesie gibt es nur einige allgemeine Abtheilungen, alle andern sind unrecht und zwängen, allein selbst jene großen haben noch ihre Berührung und greifen in einander über. Der Unterschied zwischen Geschichte, Sage und Märchen gehört nun offenbar zu den erlaubten und nicht zu versäumenden; dennoch gibt es Puncte, wo nicht zu bestimmen ist, welches von dreien vorliege, wie z. B. Frau Holla in den Sagen und Märchen auftritt, oder sich ein sagenhafter Umstand auch einmal geschichtlich zugetragen haben kann. In den Sagen selbst ist nur noch ein Unterschied, nach dem eine äußerliche Sammlung zu fragen hätte, anerkannt worden; der nämlich, wonach wir die mehr geschichtlich gebundenen von den mehr örtlich gebundenen trennen und jene für den zweiten Theil des Werks zurücklegen. Die Ortssagen aber hätten wiederum nach den Gegenden, Zeiten oder dem Inhalt abgetheilt werden mögen. Eine örtliche Anordnung würde allerdings gewisse landschaftliche Sagen-Reihen gebildet und dadurch hin und wieder auf den Zug, den manche Art Sagen genommen, gewiesen haben. Allein es ist klar, daß man sich dabey am wenigsten an die heutigen Theilungen Deutschlands, denen zufolge z. B. Meissen: Sachsen, ein großer Theil des wahren Sachsens aber Hannover genannt, im kleinen, einzelnen noch viel mehr untereinander gemengt wird, hätte halten dürfen. War also eine andere Eintheilung, nicht nach Gebirgen und Flüssen, sondern nach der eigentlichen Richtung und Lage der deutschen Völkerstämme, unbekümmert um unsere politischen Grenzen, aufzustellen; so ist hierzu so wenig Sicheres und Gutes vorgearbeitet, daß gerade eine sorgsamere Prüfung der aus gleichem Grund verschmähten und versäumten Mundarten und Sagen des Volks erst muß dazu den Weg bahnen helfen. Was folglich aus der Untersuchung derselben künftig einmal mitherausgehen dürfte, kann vorläufig jetzo noch gar nicht ihre Einrichtung bestimmen. Ferner, im allgemeinen einigen Sagen vor den andern höheres Alter zuzuschreiben, möchte großen Schwierigkeiten unterworfen und meistens nur ein mißverständlicher Ausdruck seyn, weil sie sich unaufhörlich wiedergebären. Die Zwerg- und Hühnensagen haben einen gewissen heidnischen Anstrich voraus, aber in den so häufigen von den Teufelsbauten brauchte man blos das Wort Teufel mit Thurst oder Riese zu tauschen, oder ein andermal bei dem Weibernamen Jette sich nur der alten Jöten (Hühnen) gleich zu erinnern, um auch solchen Erzählungen ein Ansehen zu leihen, das also noch in andern Dingen außer den Namen liegt. Die Sagen von Hexen und Gespenstern könnte man in sofern die neusten nennen, als sie sich am öftersten erneuern, auch örtlich betrachtet am lockersten stehen; inzwischen sind sie im Grund vielmehr nur die unvertilglichsten, wegen ihrer stetigen Beziehung auf den Menschen und seine Handlungen, worin aber kein Beweis ihrer Neuheit liegt. Es bewiese lediglich, daß sie auch alle andere überdauern werden, weil die abergläubische Neigung unseres Gemüths mehr Gutes und Böses von Hexen und Zauberern erwartet, als von Zwergen und Riesen; weshalb merkwürdigerweise gerade jene Sagen sich beinahe allein noch aus dem Volk Eingang unter die Gebildeten machen. Diese Beispiele zeigen hinlänglich, wie unthunlich es gewesen wäre, nach dergleichen Rücksichten einzelne Sagen chronologisch zu ordnen, zudem fast in jeder die verschiedensten Elemente lebendig in einander verwachsen sind, welche demnächst erst eine fortschreitende Untersuchung, die nicht einmal bei der Scheidung einzelner Sagen stehen bleiben darf, sondern selbst aus diesen wiederum Kleineres heraussuchen muß, in das wahre Licht setzen könnte. Letzterer Grund entscheidet endlich auch ganz gegen eine Anordnung nach dem Inhalt, indem man z. B. alle Zwergsagen oder die von versunkenen Gegenden u. s. w. unter eigene Abschnitte faßte. Offenbar würden blos die wenigsten einen einzigen dieser Gegenstände befassen, da vielmehr in jeder mannichfaltige Verwandtschaften und Berührungen mit andern anschlagen. Daher uns bei weitem diejenige Anreihung der Sagen am natürlichsten und vortheilhaftesten geschienen hat, welche, überall mit nöthiger Freiheit und ohne viel herumzusuchen, unvermerkt auf einige solcher geheim und seltsam waltenden Uebergänge führt. Dieses ist auch der nothwendig noch überall lückenhaften Beschaffenheit der Sammlung angemessen. Häufig wird man also in der folgenden eine deutliche oder leise Anspielung auf die vorhergehende Sage finden; äußerlich ähnliche stehen oft beisammen, oft hören sie auf, um bei verschiedenem Anlaß anderswo im Buch von neuem anzuheben. Unbedenklich hätten also noch viele andere Ordnungen derselben Erzählungen, die wir hier mittheilen, in sofern man weitere Beziehungen berücksichtigen wollte, versucht werden können, alle aber würden doch nur geringe Beispiele der unerschöpflichen Triebe geben, nach denen sich Sage aus Sage und Zug aus Zug in dem Wachsthum der Natur gestaltet.

[Sidenote: V. Erklärende Anmerkungen.]

Einen Anhang von Anmerkungen, wie wir zu den beiden Bänden der Kinder- und Hausmärchen geliefert, haben wir dieses mal völlig weggelassen, weil uns der Raum zu sehr beschränkt hätte und erst durch die äußere Beendigung unserer Sammlung eine Menge von Beziehungen bequem und erleichtert werden wird. Eine vollständige Abhandlung der deutschen Sagenpoesie, so viel sie in unsern Kräften steht, bleibt also einer eigenen Schrift vorbehalten, worin wir umfassende Uebersichten des Ganzen nicht blos in jenen dreien Eintheilungen nach Ort, Zeit und Inhalt, sondern noch in anderen versuchen wollen.

[Sidenote: VI. Quellen der Sammlung.]

Diese Sammlung hatten wir nun schon vor etwa zehn Jahren angelegt, (man sehe Zeitung für Einsiedler oder Trösteinsamkeit. Heidelberg 1808. Nr. 19 u. 20.) seitdem unablässig gesorgt, um für sie sowohl schriftliche Quellen in manchen allmälig selten werdenden Büchern des 16. und 17. J.H. fleißig zu nutzen und auszuziehen, als auch vor allen Dingen mündliche, lebendige Erzählungen zu erlangen. Unter den geschriebenen Quellen waren uns die Arbeiten des +Johannes Prätorius+ weit die bedeutendsten. Er schrieb in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts und verband mit geschmackloser aber scharfsichtiger Gelehrsamkeit Sinn für Sage und Aberglauben, der ihn antrieb, beide unmittelbar aus dem bürgerlichen Leben selbst zu schöpfen und ohne welchen, was er gewiß nicht ahnte, seine zahlreichen Schriften der Nachwelt unwerth und unfruchtbar scheinen würden. Ihm dankt sie zumal die Kenntniß und Beziehung mannichfacher Sagen, welche den Lauf der Saale entlang und an den Ufern der Elbe, bis wo sich jene in diese ausmündet, im Magdeburgischen und in der Altmark bei dem Volke gehn.

Den Prätorius haben spätere, oft ohne ihn zu nennen, ausgeschrieben, selten durch eigene mündliche Zusammlung sich ein gleiches Verdienst zu erwerben gewußt. In den langen Zeitraum zwischen ihm und der Otmarischen Sammlung (1800) fällt kein einzig Buch von Belang für deutsche Sagen, abgesehn von bloßen Einzelnheiten. Indessen hatten kurz davor Musäus und Frau Naubert in ihren Verarbeitungen einiger ächten Grundsagen aus Schriften, so wie theilweise aus mündlicher Ueberlieferung, die Neigung darauf hingezogen, wenigstens hingewiesen. In Absicht auf Treue und Frische verdient Otmar’s Sammlung der Harzsagen so viel Lob, daß dieses den Tadel der hin und wieder aufgesetzten unnöthigen Bräme und Stilverzierung zudeckt. Viele sind aber auch selbst den Worten nach untadelhaft und man darf ihnen trauen. Seitdem hat sich die Sache zwar immer mehr geregt und ist auch zuweilen wirklich gefördert, im Ganzen jedoch nichts Bedeutendes gesammelt worden, außer ganz neuerlich (1815.) ein Dutzend Schweizersagen von Wyß. Ihr Herausgeber hat sie geschickt und gewandt in größere Gedichte versponnen; wir erkennen neben dem Talent, was er darin bewiesen, doch eine Trübung trefflicher einfacher Poesie, die keines Behelfs bedarf und welche wir unserm Sinn gemäß aus der Einkleidung wieder in die nackende Wahrheit einzulösen getrachtet haben, darin auch durch die zugefügt gewesenen Anmerkungen besonders erleichtert waren. Dieses, so wie daß wir aus der Otmarischen Sammlung etwa eben so viel, oder einige mehr aufgenommen, war für unsern Zweck und den uns seinethalben vorschwebenden Grad von Vollständigkeit unentbehrlich; theils hatten wir manche noch aus anderen Quellen zu vergleichen, zu berichtigen und in den einfachen Stil zurückzuführen. Es sind außerdem noch zwei andere neue Sammlungen deutscher Volkssagen anzuführen, von Büsching (1812.) und Gottschalk (1814.), deren die erste sich auch auf auswärtige Sagen, sodann einheimische Märchen, Legenden und Lieder, selbst Vermuthungen über Sagen, wie Spangenbergs, mit erstreckt, also ein sehr ausgedehntes, unbestimmtes Feld hat. Beide zusammen verdanken mündlicher Quelle nicht über zwölf bisher ungekannte deutsche Sagen, welche wir indessen aufgenommen haben würden, wenn nicht jede dieser Sammlungen selbst noch im Gang wäre und eigene Fortsetzungen versprochen hätte. Wir haben ihnen also nichts davon angerührt, übrigens, wo wir dieselben schriftlichen Sagen längst schon aus denselben oder verschiedenen Quellen ausgeschrieben hatten, unsre Auszüge darum nicht hintanlegen wollen; denn nach aufrichtiger Ueberlegung fanden wir, daß wir umsichtiger und reiflicher gesammelt hatten. Beide geben auch vermischt mit den örtlichen Sagen die geschichtlichen, deren wir mehrere Hunderte für den nächsten Theil aufbehalten. Wir denken keine fremde Arbeit zu irren oder zu stören, sondern wünschen ihnen glücklichen Fortgang, der gottschalkischen insbesondere mehr Critik zur Ausscheidung des Verblümten und der Falschmünze. Die dobeneckische Abhandlung endlich von dem Volksglauben des Mittelalters (1815.) breitet sich theils über ganz Europa, theils schränkt sie sich wieder auf das sogenannt Abergläubische und sonst in anderer Absicht zu ihrem Schaden ein; man kann sagen: sie ist eine mehr sinnvolle als reife, durchgearbeitete Ansicht der Volkspoesie und eigentlich Sammlung blos nebenbei, weshalb wir auch einige Auszüge aus Prätorius, wo wir zusammentrafen, nicht ausgelassen haben; sie wird inzwischen dem Studium dieser Dichtungen zur Erregung und Empfehlung gereichen. Ausdrücklich ist hier noch zu bemerken, daß wir vorsätzlich die vielfachen Sagen von Rübezahl, die sich füglich zu einer besonderen Sammlung eignen, so wie mehrere Rheinsagen auf die erhaltene Nachricht: Voigt wolle solche zu Frankfurt in diesem Jahr erscheinen lassen, zurücklegen.

[Sidenote: VII. Zweck und Wunsch.]

Wir empfehlen unser Buch den Liebhabern deutscher Poesie, Geschichte und Sprache, und hoffen, es werde ihnen allen, schon als lautere deutsche Kost, willkommen seyn, im festen Glauben, daß nichts mehr auferbaue und größere Freude bei sich habe, als das Vaterländische. Ja, eine bedeutungslos sich anlassende Entdeckung und Bemühung in unserer einheimischen Wissenschaft kann leicht am Ende mehr Frucht bringen, als die blendendste Bekanntwerdung und Anbauung des Fremden, weil alles Eingebrachte zugleich auch doch etwas Unsicheres an sich trägt, sich gern versteigt und nicht so warm zu umfassen ist. Es schien uns nunmehr Zeit hervorzutreten und unsere Sammlung zu dem Grad von Vollständigkeit und Mannichfaltigkeit gediehen zu seyn, der ihre unvermeidlichen Mängel hinreichend entschuldigen könne und in unsern Lesern das Vertrauen erwecke, daß und in wiefern wir ihre Beihilfe zur Vervollkommnung des Werkes brauchen und nicht mißbrauchen werden. Aller Anfang ist schwer, wir fühlen, daß uns eine große Menge von deutschen Sagen gänzlich fehlt, und daß ein Theil der hier gegebenen genauer und besser noch aus dem Mund des Volks zu gewinnen ist; manches in Reisebeschreibungen des vorigen Jahrhunderts zerstreute mag gleichfalls mangeln. Die Erfahrung beweist, daß auf Briefe und Schreiben um zu sammelnde Beiträge wenig oder nichts erfolge, bevor durch ein Muster von Sammlung selbst deutlich geworden seyn kann, auf welche verachtete und scheinlose Dinge es hierbei ankommt. Aber das Geschäft des Sammelns, sobald es einer ernstlich thun will, verlohnt sich bald der Mühe und das Finden reicht noch am nächsten an jene unschuldige Lust der Kindheit, wann sie in Moos und Gebüsch ein brütendes Vöglein auf seinem Nest überrascht; es ist auch hier bei den Sagen ein leises Aufheben der Blätter und behutsames Wegbiegen der Zweige, um das Volk nicht zu stören und um verstohlen in die seltsam, aber bescheiden in sich geschmiegte, nach Laub, Wiesengras und frischgefallenem Regen riechende Natur blicken zu können. Für jede Mittheilung in diesem Sinn werden wir dankbar seyn und danken hiermit öffentlich unserm Bruder Ferdinand Grimm und unsern Freunden August von Haxthausen und Carove, daß sie uns schon fleißig unterstützt haben. Cassel, am 14. März 1816.

Inhalt.

1. Die drei Bergleute im Kuttenberg Seite 1

2. Der Berg-Geist 3

3. Der Berg-Mönch im Harz 5

4. Frau Hollen-Teich 6

5. Frau Holla zieht umher 8

6. Frau Hollen Bad 9

7. Frau Holla und der treue Eckart 9

8. Frau Holla und der Bauer 10

9. Die Springwurzel 11

10. Fräulein von Boyneburg 13

11. Der Pielberg 16

12. Die Schloß-Jungfrau 16

13. Die Schlangen-Jungfrau 17

14. Das schwere Kind 19

15. Der Weinkeller bei Salurn 20

16. Das Hünen-Spiel 23

17. Das Riesen-Spielzeug 24

18. Riese Einheer 25

19. Riesen-Säulen 26

20. Der Köterberg 27

21. Geroldseck 28

22. Kaiser Karl zu Nürnberg 28

23. Friedrich Rothbart auf dem Kyfhäuser 29

24. Der Birnbaum auf dem Walserfeld 30

25. Der verzauberte König zu Schildheiß 31

26. Kaiser Carl V. Auszug 32

27. Der Unterberg 32

28. Kaiser Karl im Unterberg 33

29. Der Scherfenberger und der Zwerg 34

30. Das stille Volk zu Plesse 38

31. Des kleinen Volks Hochzeit-Fest 39

32. Steinverwandelte Zwerge 40

33. Zwerg-Berge 42

34. Zwerge leihen Brot 42

35. Der Graf von Hoia 44

36. Zwerge ausgetrieben 45

37. Die Wichtlein 46

38. Beschwörung der Bergmännlein 48

39. Die Bergmännlein beim Tanz 49

40. Das Keller-Männlein 50

41. Die Ahnfrau von Ranzau 51

42. Herrmann von Rosenberg 54

43. Die osenberger Zwerge 55

44. Das Erdmännlein und der Schäferjung 56

45. Der einkehrende Zwerg 57

46. Zeitelmoos 58

47. Das Moosweibchen 59

48. Der wilde Jäger jagt die Moosleute 60

49. Der Wassermann 61

50. Die wilden Frauen im Unterberge 63

51. Tanz mit dem Wassermann 66

52. Der Wassermann und der Bauer 67

53. Der Wassermann aus der Fleischerbank 68

54. Der Schwimmer 69

55. Bruder Nickel 70

56. Nixen-Brunnen 71

57. Magdeburger Nixen 71

58. Der Dönges-See 72

59. Mummel-See 73

60. Die Elbjungfer und das Saalweiblein 76

61. Wasser-Recht 78

62. Das ertrunkene Kind 79

63. Schlitz-Oehrchen 80

64. Die Wasser-Nixe und der Mühlknappe 80

65. Vor den Nixen hilft Dosten und Dorant 81

66. Des Nixes Beine 84

67. Die Magd bei dem Nix 84

68. Die Frau von Alvensleben 85

69. Die Frau von Hahn und der Nix 87

70. Das Streichmaaß, der Ring und Becher 89

71. Der Kobold 90

72. Der Bauer mit seinem Kobold 93

73. Der Kobold in der Mühle 93

74. Hütchen 97

75. Hinzelmann 103

76. Klopfer 128

77. Stiefel 128

78. Ekerken 129

79. Nacht-Geist zu Kendenich 129

80. Der Alp 130

81. Der Wechselbalg 132

82. Die Wechselbälge im Wasser 134

83. Der Alraun 135

84. ~Spiritus familiaris~ 137

85. Das Vogelnest 140

86. Der Brutpfennig 143

87. Wechselkind mit Ruthen gestrichen 144

88. Schauen auf Kinder 145

89. Die Roggen-Muhme 146

90. Die zwei unterirdischen Weiber 147

91. König Grünewald 148

92. Blümelis-Alp 150

93. Die Lilie 152

94. Johann von Passau 153

95. Das Hündlein von Bretta 154

96. Das Dorf am Meer 155

97. Die verschütteten Silbergruben 156

98. Der Fundgrübner 157

99. Ein gespenstiger Reuter 159

100. Der falsche Eid 160

101. Zwölf ungerechte Richter 161

102. Die heiligen Quellen 161

103. Der quillende Brunnen 162

104. Hunger-Quelle 163

105. Der Lieben-Bach 163

106. Der Helfenstein 164

107. Die Wiege aus dem Bäumchen 166

108. Hessenthal 167

109. Reinstein 167

110. Der stillstehende Fluß 168

111. Arendsee 168

112. Der Ochsenberg 169

113. Die Moor-Jungfern 170

114. Andreas-Nacht 171

115. Der Liebhaber zum Essen eingeladen 172

116. Die Christnacht 174

117. Das Hemdabwerfen 176

118. Krystall-Schauen 177

119. Zauber-Kräuter kochen 182

120. Der Salzknecht in Pommern 184

121. Jungfer Eli 184

122. Die weiße Frau 187

123. Taube zeigt einen Schatz 187

124. Taube hält den Feind ab 188

125. Der Glockenguß zu Breslau 189

126. Der Glockenguß zu Attendorn 190

127. Die Müllerin 193

128. Johann Hübner 195

129. Eppela Gaila 198

130. Der Blumenstein 200

131. Seeburger See 201

132. Der Burgsee und Burgwall 204

133. Der heil. Niclas und der Dieb 205

134. Riesensteine 205

135. Spuren im Steine 206

136. Der Riesen-Finger 207

137. Riesen aus dem Unterberge 208

138. Der Jetten-Bühel zu Heidelberg 209

139. Riese Haym 210

140. Die tropfende Rippe 211

141. Jungfrau-Sprung 211

142. Der Stierenbach 212

143. Die Männer im Zottenberg 214

144. Verkündigung des Verderbens 215

145. Das Männlein auf dem Rücken 217

146. Gottschee 217

147. Die Zwerge auf dem Baum 221

148. Die Zwerge auf dem Felsstein 221

149. Die Füße der Zwerge 222

150. Die wilden Geister 224

151. Die Heilingszwerge 225

152. Abzug des Zwergvolks über die Brücke 227

153. Der Zug der Zwerge über den Berg 229

154. Die Zwerge bei Dardesheim 230

155. Schmidt Riechert 231

156. Grinken-Schmidt 232

157. Die Hirtenjungen 233

158. Die Nußkerne 234

159. Der soester Schatz 235

160. Das quellende Silber 236

161. Goldsand auf dem Unterberg 238

162. Goldkohlen 239

163. Der Brunnen zu Steinau 240

164. Die fünf Kreuze 241

165. Der Schwerttanz zu Weissenstein 241

166. Der Steintisch zu Bingenheim 242

167. Der lange Mann in der Mordgasse zu Hof 243

168. Krieg und Frieden 244

169. Rodensteins Auszug 244

170. Der Tannhäuser 246

171. Der wilde Jäger Hackelberg 248

172. Der wilde Jäger und der Schneider 249

173. Der Hoselberg 250

174. Des Rechenbergers Knecht 251

175. Geister-Kirche 254

176. Geister-Mahl 257

177. Der Dachdecker 259

178. Die Spinnerin am Creuz 260

179. Buttermilchthurm 260

180. Der heilige Wanfried 261

181. Der Hülfenberg 262

182. Das Teufelsloch zu Goslar 263

183. Die Teufelsmühle 265

184. Der Herrgottstritt 266

185. Die Sachsenhäuser Brücke zu Frankfurt 267

186. Der Wolf und der Tannenzapf 269

187. Der Teufel von Ach 270

188. Die Teufelsmauer 270

189. Des Teufels Tanzplatz 271

190. Die Teufelskanzel 272

191. Das Teufelsohrkissen 272

192. Der Teufelsfelsen 272

193. Teufelsmauer 273

194. Teufelsgitter 273

195. Teufelsmühle 274

196. Teufelskirche 274

197. Teufelsstein bei Reichenbach 274

198. Teufelsstein bei Cöln 275

199. Süntelstein zu Osnabrück 275

200. Der Lügenstein 276

201. Die Felsenbrücke 276

202. Das Teufelsbad bei Dassel 277

203. Der Thurm zu Schartfeld 279

204. Der Dom zu Cöln 280

205. Des Teufels Hut 282

206. Des Teufels Brand 282

207. Die Teufels-Hufeisen 284

208. Der Teufel führt die Braut fort 285

209. Das Glücksrad 286

210. Der Teufel als Fürsprecher 289

211. Traum vom Schatz auf der Brücke 290

212. Der Kessel mit dem Schatz 291

213. Der Wärwolf 293

214. Der Wärwolf-Stein 295

215. Die Wärwölfe ziehen aus 296

216. Der Drache fährt aus 297

217. Winkelried und der Lindwurm 299

218. Der Lindwurm am Brunnen 300

219. Das Drachenloch 301

220. Schlangenkönigin 302

221. Die Jungfrau im Oselberg 303

222. Der Krötenstuhl 304

223. Die Wiesenjungfrau 305

224. Das Niesen im Wasser 307

225. Die arme Seele 307

226. Die verfluchte Jungfer 308

227. Das Fräulein vom Staufenberg 308

228. Der Jungferstein 308

229. Das steinerne Brautbett 309

230. Zum Stehen verwünscht 310

231. Die Bauern zu Kolbeck 312

232. Der heilige Sonntag 313

233. Frau Hutt 314

234. Der Kindelsberg 315

235. Die Semmel-Schuhe 317

236. Der Erdfall bei Hochstädt 318

237. Die Brot-Schuhe 319

238. Das taube Korn 320

239. Der Frauensand 321

240. Brot zu Stein geworden 326

241. Der Binger Mäusethurm 328

242. Das Bubenried 329

243. Kindelbrück 330

244. Die Kinder zu Hameln 330

245. Der Rattenfänger 333

246. Der Schlangenfänger 334

247. Das Mäuselein 335

248. Der ausgehende Rauch 336

249. Die Katze aus dem Weidenbaum 337

250. Wetter und Hagel machen 338

251. Der Hexen-Tanz 339

252. Die Weinreben und Nasen 340

253. Fest hängen 341

254. Das Noth-Hemd 342

255. Fest gemacht 343

256. Der sichere Schuß 344

257. Der herumziehende Jäger 344

258. Doppelte Gestalt 346

259. Gespenst als Eheweib 347

260. Tod des Erstgebornen 349

261. Der Knabe zu Colmar 350

262. Tod des Domherrn zu Merseburg 351

263. Die Lilie im Kloster zu Corvei 351

264. Rebundus im Dom zu Lübeck 352

265. Glocke läutet von selbst 355

266. Todes-Gespenst 356

267. Frau Berta oder die weiße Frau 357

268. Die wilde Berta kommt 358

269. Der Türst, das Posterli und die Sträggele 359

270. Der Nachtjäger und die Rüttelweiber 360

271. Der Mann mit dem Schlackhut 360

272. Der graue Hockelmann 361

273. Chimmeke in Pommern 362

274. Der Krischer 362

275. Die überschiffenden Mönche 363

276. Der Irrwisch 365

277. Der feurige Wagen 366

278. Der Räderberg 366

279. Die Lichter auf Hellebarden 368

280. Das Wafeln 369

281. Weberndes Flammen-Schloß 369

282. Der Feuerberg 371

283. Der feurige Mann 373

284. Die verwünschten Landmesser 374

285. Der verrückte Gränzstein 374

286. Der Gränzstreit 375

287. Der Gränzlauf 375

288. Die Alpschlacht 378

289. Der Stein bei Wenthusen 379

290. Die altenberger Kirche 379

291. Der König im lauenburger Berg 380

292. Der Schwanberg 381

293. Der Robbedisser Brunnen 381

294. Bamberger Wage 382

295. Kaiser Friedrich zu Kaiserslautern 382

296. Der Hirt auf dem Kiffhäuser 384

297. Die drei Telle 385

298. Das Bergmännchen 386

299. Die Zirbelnüsse 388

300. Das Paradies der Thiere 388

301. Der Gemsjäger 389

302. Die Zwerglöcher 390

303. Der Zwerg und die Wunderblume 391

304. Der Nix an der Kelle 392

305. Schwarzach 393

306. Die drei Jungfern aus dem See 394

307. Der todte Bräutigam 395

308. Der ewige Jäger 397

309. Hans Jagenteufel 398

310. Des Hackelnberg Traum 399

311. Die Tut-Osel 400

312. Die schwarzen Reuter und das Handpferd 401

313. Der getreu Eckhart 402

314. Das Fräulein vom Willberg 403

315. Der Schäfer und der Alte aus dem Berg 405

316. Jungfrau Ilse 407

317. Die Heiden-Jungfrau zu Glatz 409

318. Der Roßtrapp und der Cretpfuhl 411

319. Der Mägdesprung 417

320. Der Jungfernsprung 418

321. Der Harrassprung 420

322. Der Riese Hidde 420

323. Das ilefelder Nadelöhr 421

324. Die Riesen zu Lichtenberg 422

325. Das Hühnenblut 423

326. Es rauscht im Hühnen-Grab 424

327. Todte aus den Gräbern wehren dem Feind 424

328. Hans Heilings Felsen 425

329. Die Jungfrau mit dem Bart 426

330. Die weiße Jungfrau zu Schwanau 427

331. Schwarzkopf und Seeburg am Mummel-See 427

332. Der Krämer und die Maus 430

333. Die drei Schatzgräber 431

334. Einladung vor Gottes Gericht 431

335. Gäste vom Galgen 435

336. Teufels-Brücke 436

337. Die zwölf Johanneße 437

338. Teufels-Graben 438

339. Der Kreuzliberg 439

340. Die Pferde aus dem Bodenloch 440

341. Zusammenkunft der Todten 441

342. Das weissagende Vöglein 443

343. Der ewige Jud auf dem Matterhorn 443

344. Der Kessel mit Butter 444

345. Trauer-Weide 445

346. Das Christus-Bild zu Wittenberg 445

347. Das Muttergottes-Bild am Felsen 446

348. Das Gnadenbild aus dem Lerchenstock zu Waldrast 447

349. Ochsen zeigen die heilige Stätte 449

350. Notburga 450

351. Mauerkalk mit Wein gelöscht 454

352. Der Judenstein 455

353. Das von den Juden getödtete Mägdlein 456

354. Die vier Hufeisen 457

355. Der Altar zu Seefeld 458

356. Der Sterbensstein 459

357. Sündliche Liebe 460

358. Der schweidnitzer Rathsmann 460

359. Regenbogen über Verurtheilten 462

360. Gott weint mit dem Unschuldigen 462

361. Gottes Speise 463

362. Die drei Alten 464

1.

Die drei Bergleute im Kuttenberg.

Mündlich in Hessen.

In Böhmen liegt der Kuttenberg, darin arbeiteten drei Bergleute lange Jahre und verdienten damit für Frau und Kind das Brot ehrlich. Wann sie Morgens in den Berg gingen, so nahmen sie dreierlei mit: erstens ihr Gebätbuch, zweitens ihr Licht, aber nur auf einen Tag mit Öhl versehen, drittens ihr Bischen Brot, das reichte auch nur auf einen Tag. Ehe sie die Arbeit anhuben, thaten sie ihr Gebät zu Gott, daß er sie in dem Berge bewahren mögte und darnach fingen sie getrost und fleißig an zu arbeiten. Es trug sich zu, als sie einen Tag gearbeitet hatten und es bald Abend war, daß der Berg vornen einfiel und der Eingang verschüttet wurde. Da meinten sie begraben zu seyn und sprachen: “ach Gott! wir armen Bergleute, wir müssen nun Hungers sterben! wir haben nur einen Tag Brot zu essen und einen Tag Öhl auf dem Licht!” Nun befahlen sie sich Gott und dachten bald zu sterben, doch wollten sie nicht müßig seyn, so lange sie noch Kräfte hätten, arbeiteten fort und fort und bäteten. Also geschah es, daß ihr Licht sieben Jahr brennte und ihr kleines Bischen Brot, von dem sie tagtäglich aßen, ward auch nicht all, sondern blieb eben so groß und sie meinten, die sieben Jahre wären nur ein Tag. Doch da sie sich nicht ihr Haar schneiden und den Bart abnehmen konnten, waren diese ellen-lang gewachsen. Die Weiber hielten unterdessen ihre Männer für todt, meinten sie würden sie nimmermehr wiedersehen und dachten daran, andere zu heirathen.

Nun geschah es, daß einer von den dreien unter der Erde, so recht aus Herzensgrund, wünschte: “ach! könnt ich noch einmal das Tageslicht sehen, so wollt’ ich gerne sterben!” Der Zweite sprach: “ach! könnt ich noch einmal daheim mit meiner Frau zu Tische sitzen und essen, so wollt’ ich gerne sterben!” Da sprach auch der Dritte: “ach! könnt ich nur noch ein Jahr friedlich und vergnügt mit meiner Frau leben, so wollt’ ich gerne sterben!” Wie sie das gesprochen hatten, so krachte der Berg gewaltig und übermächtig und sprang von einander, da ging der erste hin zu dem Ritz und schaute hinauf und sah den blauen Himmel, und wie er sich am Tageslicht gefreut, sank er augenblicklich todt nieder. Der Berg aber that sich immer mehr von einander, also daß der Riß größer ward, da arbeiteten die beiden andern fort, hackten sich Treppen, krochen hinauf und kamen endlich heraus. Sie gingen nun fort in ihr Dorf und in ihre Häuser und suchten ihre Weiber, aber die wollten sie nicht mehr kennen. Sie sprachen: “habt ihr denn keine Männer gehabt?” “Ja, antworteten jene, aber die sind schon sieben Jahre todt und liegen im Kuttenberg begraben!” Der Zweite sprach zu seiner Frau: “ich bin dein Mann,” aber sie wollt’ es nicht glauben, weil er den ellenlangen Bart hatte und ganz unkenntlich war. Da sagte er: “hol mir das Bartmesser, das oben in dem Wandschrank liegen wird und ein Stückchen Seife dazu.” Nun nahm er sich den Bart ab, kämmte und wusch sich, und als er fertig war, sah sie, daß es ihr Mann war. Sie freute sich herzlich, holte Essen und Trinken so gut sie es hatte, deckte den Tisch und sie setzten sich zusammen hin und aßen vergnügt mit einander. Wie aber der Mann satt war und eben den letzten Bissen Brot gegessen hatte, da fiel er um und war todt. Der dritte Bergmann wohnte ein ganzes Jahr in Stille und Frieden mit seiner Frau zusammen, als es herum war, zu derselben Stunde aber, wo er aus dem Berg gekommen war, fiel er und seine Frau mit ihm todt hin. Also hatte Gott ihre Wünsche ihrer Frömmigkeit wegen erfüllt.

2.

Der Berg-Geist.

+Prätor+ Weltbeschreibung I. 110. 127. 128.

+Bräuner’s+ Curiosit. 203. 206.

~+G. Agricola+ de animalib. subterr.~

Mündliche Erzählung.

Der Berg-Geist, +Meister Hämmerling+, gemeiniglich +Berg-Mönch+ genannt, zeigt sich zuweilen in der Tiefe, gewöhnlich als ein Riese in einer schwarzen Mönchs-Kutte. In einem Bergwerk der Graubündner Alpen erschien er oft und war besonders am Freitage geschäfftig, das ausgegrabene Erz aus einem Eimer in den andern zu schütten; der Eigenthümer des Bergwerks durfte sich das nicht verdrießen lassen, wurde aber auch niemals von ihm beleidigt. Dagegen als einmal ein Arbeiter, zornig über dies vergebliche Handthieren, den Geist schalt und verfluchte, faßte ihn dieser mit so großer Gewalt, daß er zwar nicht starb, aber das Antlitz sich ihm umkehrte. Im Annaberg, in der Höhle, welche der Rosenkranz heißt, hat er zwölf Bergleute, während der Arbeit, angehaucht, wovon sie todt liegen geblieben sind, und die Grube ist, obgleich silberreich, nicht ferner angebaut worden. Hier hat er sich in Gestalt eines Rosses mit langem Hals gezeigt, furchtbar blickende Augen auf der Stirne. Zu Schneeberg ist er aber als ein schwarzer Mönch in der St. Georgen-Grube erschienen und hat einen Bergknappen ergriffen, von der Erde aufgehoben und oben in die Grube, die vorzeiten gar silberreich war, so hart niedergesetzt, daß ihm seine Glieder verletzt waren. Am Harz hat er einmal einen bösen Steiger, der die Bergleute quälte, bestraft. Denn als dieser zu Tage fuhr stellte er sich, ihm unsichtbar, über die Grube und als er empor kam, drückte ihm der Geist mit den Knien den Kopf zusammen.

3.

Der Berg-Mönch im Harz.

Mündlich, am Harz.