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Norby

Eine dramatische Dichtung

von

Waldemar Bonsels

1921

Verlegt bei Schuster & Loeffler
Berlin und Leipzig

Die Dichtung ist in den Jahren 1908 bis 1915 entstanden. Die vorliegende Ausgabe ist die dritte Auflage. Die erste Auflage ist unter dem Titel: »Der Pfarrer von Norby« im Verlag von Walter Schmidkunz in München im Jahre 1916 erschienen. Copyright 1919 by Schuster & Loeffler. Gedruckt in der Spamerschen Buchdruckerei in Leipzig. Alle Rechte vorbehalten.

=Viertes und fünftes Tausend.=

Die Personen der Dichtung

Bernd Oerlsund, Lotse
Holger, sein Sohn
Naemi, Oerlsunds Pflegetochter
Arne, Pfarrer von Norby
Der Kirchenrat
Der Knecht Jörgen
Der Amtmann von Norby
Der Küster
Die Moorvettel
Zwei Moormännchen
Ein Fischer
Eine Pflegefrau, Burschen, Gesinde, Volk

Ort: irgendwo, Zeit: irgendwann, am Meer.

Erster Aufzug

Wohnraum des Lotsenhauses der Oerlsunds auf Norby. Nacht. Sturm. Mond und die wechselnden Lichter des Leuchtfeuers an den Scheiben. Auf dem Kamin Kerzen. Auf seinem Lager der sterbende =Bernd Oerlsund=. =Holger Oerlsund=. =Der Großknecht Jörgen=. =Eine Pflegefrau=. Am Kamin =Gesinde=.

=Jörgen=

Ihr habt noch keinen Sturm gehört wie diesen!
Und zwiefach bringt sein Brausen Licht und Tod.
Ich sah den Tod im düstern Abendrot,
nun hat ihn Gott in dieses Haus gewiesen.
Solang ich denke, brach der Sturm noch nie
so fessellos und so allmächtig ein.
Gott soll dem Haus der Oerlsund gnädig sein.
Und die in Seenot sind, Gott schütze sie. --
Der Kranke schläft. Der Sturm wiegt seinen Traum.

=Holger=

Sein starkes Angesicht verrät es kaum,
daß er uns läßt. Er stirbt, wie er gelebt.
Nie hat der Tod ihm Graun und Furcht gemacht.

=Jörgen=

Sprich leise, daß er nicht erwacht.

=Holger=

Im Frühling, in diesem bösen Jahr,
als Hög den letzten Seeadler erlegt,
der auf den Norbyer Klippen war,
war ich erzürnt und tief bewegt,
als sei nun eine große Zeit,
ihre freie und wilde Herrlichkeit
für immer dahin. Glutrot hinter den Hügeln
versank der Tag. Der Schuß traf gut.
Der Vogel peitschte mit zornigen Flügeln
das Meer, das aussah wie Blut.
Lang hinhallend über die See
klagte sein letztes Geschrei,
dann sanken die Schwingen. Es war vorbei.
Mir tat sein Tod in der Seele weh,
und immer war mir ums Herz bis heute,
als ob das Unheil für uns bedeute.

=Jörgen=

So darfst du nicht denken. Wie kann das sein.

=Holger=

Das Unglück brach bald genug herein.
Zwei Wochen darauf ohne Dank und Gruß
verließ Naemi im Trotz das Haus.
Die Dirne des Pfarrers wurde daraus!

=Jörgen=

Kein Herz weiß, was ein anderes muß.

=Holger=

Ich aber weiß, welch Unheil mir geschehn.
Oh, wer begreift den Zorn, die bittere Pein,
den Taumel von Erniedrigung und Not,
wenn die geliebten Augen nicht mehr sehn
und nicht mehr kennen, was ihr treuer Schein
noch gestern traf als Leben oder Tod!?
Ach, keine Macht auf Erden je gekannt,
war groß genug, den trüben Bann zu brechen,
in dem die teuren Augen nicht mehr sprechen,
was einst Verheißung allen Glücks genannt.
So muß ich gehen, wo ich kommen möchte,
und dort entweichen, wo ich stetig bin,
und alle Kraft erschöpft sich im Vergeben.
Mich würgt der Haß, den ich ihr täglich brächte,
wenn nicht mein Stolz ihn, im verkehrten Sinn,
zu Gift vertauschte meinem eigenen Leben.

=Jörgen=

Wie gern ich deine Lasten auf mich nähme
und deinen Gram und deine Ungeduld.
Ich bin zu alt, als daß der Menschen Schuld
mir nicht erst weit nach ihren Schmerzen käme.
Doch sag mir eins, auf daß ich gut empfinde,
wie tief die Hoffnung noch in deiner Brust
zu recht sich regt. Du gabst dem lieben Kinde
dein ganzes Herz, mit Willen und bewußt,
doch hat auch sie dir je ein Wort gesprochen,
das sie mit ihrem Abschiedsgruß gebrochen?

=Holger=

Was gelten Worte, wo mir jeder Blick
und ihres ganzen Wesens holde Fülle
zu eigen war, wie ein vertrautes Glück,
fernher aus unserer Kindheit erster Stille.
Schlief nicht ihr Haupt an meinem Herzen ein,
wenn wir am Strand, als Kinder, müde waren.
Wer durfte ihr in Freuden und Gefahren
ihr Freund, ihr Retter, ihre Zuflucht sein?
Nur ich und niemand! Binden solche Gaben
und solch Vertrauen erst nach einem Spruch?
Oh, weh der Seele, der sie nicht genug
und mehr als alles eingegeben haben.
Wie sollt ich fordern, was ich nie erflehte,
und wie verlangen, was ich tief besaß.
Oh, schlechter Rat, durch den ich mich verräte,
wer denkt das Licht, das er noch nie vergaß?
Das Meer erwacht im unsichtbaren Wind,
und wer erblickt die Kraft, in der es ruht?

=Jörgen=

Die Herzen der jungen Frauen sind
Gottes geheimnisvollstes Gut,
mit dem er nach seinem Willen tut.
Was uns wie Trotz und Willkür scheint,
war oft von seiner Güte gemeint.

=Holger=

Das mögen die Alten, die nichts mehr begehren,
hinter dem Ofen einander lehren.
Ich finde mich nie und nie darein.
Naemi war mein, Naemi ist mein.
Verflucht der Tag, an dem der fremde Mann
mit Satanskünsten und verstelltem Willen,
im heiligen Kleid sein Gaukelspiel begann,
um ihre reinen Sinne einzuhüllen.
Ach, dies Gewand der Schwermut lockt die Frauen,
Verrat an ihrer mütterlichen Seele
ist dieses Schauspiel aus Gelüst und Grauen,
das frömmelnd naht, auf daß es lüstern stehle,
was niemals aus gesundem, klarem Sinn,
aus Freimut oder Lust gegeben würde.
Er lockte durch die priesterliche Hürde
ein arglos Kind zu seinem Schandbett hin.

=Jörgen=

Nimm dich in acht, des Pfarrers Wert
mit Ungebühr herabzusetzen!
Hat er Naemi je für sich begehrt?
Ein weites Herz ist leichter zu verletzen,
als zu erkennen. Schweig und hüte deins!
Sie ging zu ihm, er nahm sie hin,
weil sie nicht leben konnte ohne ihn.

=Holger=

Nur umso bittrer kränkt mich ihr Geschick.

=Jörgen=

So manche leiden unter ihrem Glück.
Bedenke wohl, Naemi ist kein Kind
aus deiner Heimat und aus deinem Land.
Von Meer und Sturm ward sie uns fremd gesandt,
mit ihrer Seele, die in Licht und Wind
aus heißen Wundern unter uns erwachte.
Gott, der sie einst in unsre Mitte brachte,
der wußte auch, wozu er sie bestimmt.

=Holger=

Damit sein Diener sie zur Dirne nimmt.

=Jörgen=

Das hat die Niedrigkeit der Welt erfunden!

=Holger=

Der dort, der hat es nie verwunden. --
Das war des dunklen Unheils zweiter Schlag,
das ihm so jäh die Lebenskraft zerbrach.

Ein Hornruf.

=Jörgen=

Horch auf! Sei still! Ein Notruf durch die Nacht!

=Holger=

rüstet sich zur Ausfahrt

Ein Schiff in Seenot! Sollte diese Nacht vergehn und uns nicht harte Arbeit bringen, die schon soviel an Bösem aufgebracht! Seht mich bereit, das Schwerste soll gelingen! Ein Schiff in Seenot! -- Vater, schlaf du still. Dich soll Gefahr das letzte Mal nicht wecken. Es soll kein Mensch in Seegefahr erschrecken, weil dich der Tod nicht steuern lassen will! Noch lebt ein Oerlsund, Norbys Ruhm bleibt wach.

=Jörgen=

Fahr nicht hinaus, es sind genug am Ort.
Wenn er erwacht, ein letztes Mal, er litte
zu schwer, dich nicht an seinem Bett zu sehn.
Laß andre fahr'n. Geh du nicht fort!
Versteh mich, weil ich für den Vater bitte.

Ein zweiter Hornstoß nah am Haus.

=Holger=

Weiß er, daß ich sein Erbe treu begann,
stirbt er am leicht'sten, der getreue Mann.

Zum Gesinde

Was starrt ihr tatlos in die laute Nacht? Schafft die Geräte, weckt mir, die noch ruhn. Holt mir den Teerrock, Seile, geht mir sacht. Die Ruder von den Stangen! Christen soll es tun.

Ein =Schiffer= tritt auf, Licht und Sturm im Nacken.

=Der Schiffer=

Vor Attang liegt ein Schoner auf den Klippen!
Der Sturm riß uns das letzte Feuer aus!
Das beste Boot zerbrach die Eichenrippen.
Ich lief nach Norby, Oerlsunds Lotsenhaus
war unsre Hoffnung. Helft uns, wenn ihr könnt!
Was muß ich sehn?! Bernd Oerlsund liegt darnieder?
Wenn Sturm und Tod dies letzte Haus berennt,
sieht draußen keiner je die Küste wieder.
Sie sind verloren! -- Gott sei ihnen nah.

=Jörgen=

Seid ihr verraten, wenn ein Oerlsund euch
nicht Mut in die verzagten Knochen brüllt,
daß ihr dies Haus mit eurer Klage füllt?
Nehmt Mann und Boot und denkt an eure Pflicht.
Wenn diese Nacht nur einer schlafen mag,
ruft rasch das Horn die Schläfer wach!
Die besten unserer Leute gehn zur Hand
und auch ich selbst -- ein Weilchen nur --

=Der Schiffer=

Bernd Oerlsund stirbt!

=Holger=

Dort draußen sterben Viele!
Das Rettungsboot von Norby ist bereit.
Hier kommt der Tod gewiß zu seinem Ziele,
dort draußen ist für uns noch Zeit!

=Jörgen=

zu =Holger=

So geh. Gott sei mit dir. Ich fühl's mit Leid, oft nimmt die große Pflicht der kleinen Kleid, die nächste aber zwingt.

=Bernd Oerlsund=

Ich höre Sturm und Schrein! Es muß ein Schiff in Seenot sein. Gebt mir die Hand. Helft mir, ich muß in See. Daß ich nicht kann ... mich quält kein andres Weh.

=Jörgen=

Wenn der im Sterben seine Pflicht vergißt,
hab ich für meine meinen Lohn dahin.
Auf, Holger! Eh die Zeit vorüber ist.
Das Boot vom Balken nach des Vaters Sinn,
jag' den Verzagten Feuer in die Seele,
doch du komm wieder, daß dein Angesicht
dem letzten Trost des Sterbenden nicht fehle.

=Der Schiffer=

Herr, zögern wir, kommt nur der Tod zur Tat,
kommt mit hinab, das ist mein Bitt' und Rat.
Und habt auch Dank. Von Attang kamen
fünf Leute mit mir. Kommt in Gottes Namen.

Er geht ab. Die Tür bleibt geöffnet.

Sturm und Licht in der Nacht.

=Holger=

Soll ich dich, Vater, nicht mehr lebend sehn,
so wird mit mir an deinem Lager stehn
der stumme Jubel der vom Tod Befreiten.

Zu den Knechten

Wer ihn geliebt hat, wird uns gern begleiten.

=Holger=, das =Gesinde= ab.

Es bleibt eine Weile still. Von draußen klingt der Lärm und die Rufe der Arbeitenden. =Jörgen= verriegelt die Tür.

=Die Pflegefrau=

Ich ließ den Pfarrer rufen. Es tut not.
Wie wünsch ich, daß ihn diese Stunde bringt.
Oh, steht mir bei! Bernd Oerlsund ringt
mit seinem letzten Funken Leben.

=Jörgen=

Gebt ihm den Trank, der Anfall wird sich geben.
Daß auch die Botschaft, die er eben hörte,
dem Sterbenden die letzte Kraft empörte.
Ach, ich bin traurig. Dieses weiße Haar
an meinen Schläfen ist mit ihm erbleicht.
Ach einst, als er ein kleiner Knabe war,
hab ich die ersten Ruder ihm gereicht.
Die Kunst des Schwimmens hab ich ihm gezeigt,
ich hab bewacht, in dienender Geduld,
sein ganzes Leben, ohne Ruh und Schuld.
Ich seh im Geist, um dieses Bett geschart
die Menschen, die sein starker Arm bewahrt,
ich hör Gebete, Schluchzen, Dank,
ich seh sie knien und jauchzen, bleich vor Freude.
Ein junges Weib, das seinen Hals umschlang,
ward so, dem Tod entrissen, ganz die Seine.
Ach, Holgers Mutter hat der Tod genommen,
wie er sie brachte, fremd und über Nacht.
Auf meinen Armen hat das Kind gelacht,
an meinem Herzen ist sein Leben kommen.

=Bernd Oerlsund=

Tiefe Nacht du ohne Morgen,
sinkst du auf mein liebes Leben,
und der neue Tag kommt ohne mich?
Kommt mit Licht und Dank und Sorgen,
und das Meer beruhigt sich ...

Er lauscht hinaus.

Stunden kommen, Tage, Wochen,
Jahre, meinem Sinn verhüllt ...
Meine Kraft ist ungebrochen,
meine Wünsche ungestillt.
Laßt mich leben! Über Maßen
schaurig ist die Nacht, die naht.
Erst im Dunkel kann ich fassen,
wie das Licht der Seele tat.

Es pocht heftig.

=Stimme von draußen=

Macht auf! Der Sturm verschlingt uns fast!

=Jörgen=

Wer's immer sei, geht, öffnet diesem Gast!

Die =Pflegefrau= öffnet die Tür.

Der =Küster=, =Arne=, der Pfarrer von Norby, =Naemi= treten auf.

Licht und Sturm.

=Der Küster=

Die Nacht ist schaurig! Von Naemi. Ihr erging es schlecht.
Empfangt sie freundlich. Möchte unser Gang
gesegnet sein, auch ohne Chorgesang.

=Arne=

Ihr ließt mich rufen, komme ich zurecht?

=Jörgen=

Gelobt sei Gott. Ich heiße Euch willkommen, Herr Pfarrer. Ein bitter Leid hat Euren Weg gewollt, Bernd Oerlsund, unser Herr, wird uns genommen.

=Naemi= tritt an das Lager =Bernd Oerlsunds=.

=Arne=

Ich hab die Botschaft spät vernommen.

=Jörgen=

Ich bitt Euch herzlich, lieber Herr, ach grollt Bernd Oerlsund nun nicht länger, der mit Zorn und edlem Haß Euch bitterlich gekränkt. Verzeiht ihm freundlich, Herr, bedenkt, es sind die letzten Stunden seines Lebens.

=Arne=

Seid unbesorgt. Ihr bittet nicht vergebens.
Hat er von mir den Kelch des Herrn begehrt?

=Jörgen=

Wir rieten es, er hat uns nicht gewehrt.

=Naemi=

Er schlägt die Augen auf, er zittert, er erschrickt. Er kennt mich nicht, obgleich er mich erblickt. Wie bleich die Stirn, wie matt die Hände sind. Oh sieh mich an, ich bin's, dein Kind.

=Jörgen=

zu =Arne=

Es war nicht gut, Naemi mitzubringen.
Er hat es nie verschmerzt, sie zu verlieren,
und böse Reden, die den Ort durchdringen,
erreichten ihn. Sie setzten ihren
und Euren Wert vor ihm herab.

=Arne=

Sein Zorn vertrieb sie, und sie kam zu mir, obgleich sie Oerlsund längst als eigen Kind betrachtet. Glaube mir, wer ihren Schritt verachtet und sie doch liebt, wie Oerlsund sie geliebt, der stirbt nicht leicht, bevor sie ihm vergibt.

=Jörgen=

Herr, es war Unrecht. Seht, ein alter Mann,
der lange hier gedient hat, spricht Euch an
und bittet Euch, vergebt die Ungebühr,
mein weißes Haupt entschädigt Euch dafür.
Ich weiß es, daß Naemis Gegenwart
die Ruhe scheucht, die wir ihm alle gönnen.
Er wird den Kelch des Herrn nicht nehmen können.
Das letzte Lebensfünklein arm bewahrt,
wird neu entfacht zu Zorn und Haß entbrennen.

=Naemi=

Er streckt die Hände nach mir aus!
Oh, lieber Vater, glaube meiner Treue.
Wie lange sah ich nicht dein liebes Haus,
in dem ich Kind war. -- Vater, ach erneue
noch einmal, eh der Tod dein Sein beschließt,
die alte Liebe, die ich flehend suche.

=Bernd Oerlsund=

Wie, ist dies Bild das letzte Licht der Erde?
Bist du ein Engel, daß ich selig werde?
Ach, wie von Herzen hab ich dich geliebt.
Du bist es wahrhaft? Ach, den Traum zerstört
die dunkle Welt, der noch mein Leib gehört.
So kommst du heute, um mir abzubitten,
was ich durch deinen leichten Sinn erlitten.
Ach, du kommst spät, und doch, hätt'st du gesäumt!
Ich hätte lieber so von dir geträumt,
wie du als Kind warst, eh man dich genommen.
Hinweg! Du bist mir herzlich unwillkommen.

=Arne=

zu =Oerlsund=

Im Schatten der allmächtig dunklen Flügel,
die Euch behüten, löschen manche Lichter
der irdischen Erkenntnis ängstlich hin.
Bedenkt, verändert schaun die Angesichter
der schwachen Menschen, wie von Anbeginn,
und ohne Schein der armen Tagesplage.
Wie leicht und mühlos löst sich manche Frage,
kein Vorteil winkt, kein Nachteil droht.
Was Pflicht und Klugheit einst gebot,
sinkt klein dahin im Schatten dieser Flügel.
Zürnt nicht Naemi, daß sie zu mir kam,
und zürnt nicht meiner Liebe, die sie nahm.

=Bernd Oerlsund=

Auch Ihr seid da? Hat alles sich verschworen, mir meine letzte Stunde zu vergällen?! Schweig still, Verführer! Hohle Narrenschellen sind deine falschen Worte meinen Ohren.

=Der Küster=

Erbarm dich, Jesu! Habt ihr das gehört!

=Naemi=

Oh, Vater, was hat deinen Sinn verstört?

=Jörgen=

Des Satans Tücke schüttelt ihn im Fieber.

=Der Küster=

Ich will den Kelch erheben über
dem Lager, denn er bannt des Bösen Macht.

=Jörgen=

Herr, Herr, bleibt ruhig. Kennt Ihr mein Gesicht? Ich bleibe bei Euch. Ich verlass' Euch nicht. Ich war Euch alles, Diener, Bruder, Freund, laßt mich nicht leiden, daß Ihr ernstlich meint, was Euch der Satan in die Sinne täuschte.

=Bernd Oerlsund=

Du bist es! Du ... Was täuscht der Böse vor?
Sind diese Beiden an mein Bett getreten,
um sich bei frechen, sündigen Gebeten
der Schwäche ihres Gegners zu erfreun?!

Zu =Arne=

Geht fort! Hinaus! Ich sterb allein!

=Arne=

Ich biete Euch den Trost der Sakramente,
zu denen Ihr Euch lebenslang bekannt.
Was immer Euch von Gottes Liebe trennte,
sein Blut verwand es. Gebt mir Eure Hand.
Es hat noch keines Dieners Schuld entweiht
die Hoheit dessen, welcher ihn gesandt.
Des Knechtes Schwäche ist sein eigen Leid,
doch Euer Leid liegt in des Vaters Hand.

=Oerlsund=

Wohl aber macht das Laster ungeschickt
den Knecht, des Herren Rechte zu vertreten.
Wer, sagt mir an, wer hat Euch hergebeten?
Gott ist in keines Menschen Tun verstrickt.

=Arne=

Seht keine Schuld, auch unsre seht nicht an.
Was Ihr ein reiches Leben lang getan,
wird keiner Euch in Norby je vergessen.
Wie tröstet unser schwankendes Gemüt,
daß Liebe abschließt, was sie selbst begonnen.
Sie lenkt uns alle, heimlich und besonnen,
was uns geschieht, verleitet in ihr Wesen,
ist schon für ihr Erlösungswerk erlesen.
Drum richtet nicht, bevor Ihr recht erkannt.
Es fällt kein Blättlein ohne Gottes Hand.

=Bernd Oerlsund=

Ihr maßt Euch billig hohe Reden an.
Was habt Ihr je für Gott und Welt getan?
Was wißt denn Ihr von unsern Lebenslasten?
Ihr könnt nur das Bestehende betasten.
Sagt nicht die Schrift, mit der Ihr Euch gebrüstet:
An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen?
Wenns Euch zum Abschied noch danach gelüstet,
will ich Euch Eure faulen Früchte nennen.
Wollt' mir die Kraft nur noch ein Stündlein reichen,
ich würde mit den Fäusten unterstreichen.

=Jörgen=

Oh lieber Herr, laßt uns die Welt vergessen.
Für Schuld ist oft die kleinste Zeit noch lang,
wer will die Zeit für ihre Sühne messen?
Mir ist um Eure letzte Ruhe bang.

=Naemi=

Oh dunkle Macht, die blind, mit Ungeduld
in hartem Irrtum ihre Rechte wahrt,
kein starkes Herz ward je vor ihr bewahrt,
die Not des Zweifels wird zu neuer Schuld.
Hör, Vater, hör, bevor dein Sinn vergeht,
du tust dem liebsten Freund, den ich gefunden,
ein bitterliches Unrecht an.

=Bernd Oerlsund=

Die Wunden,
die du mir schlugst, sind mir Gewähr, mein Kind,
von welchem Wesen deine Freunde sind.
Der Ort in Aufruhr, jedes Herz verwirrt,
Hochmut bei Jungen, Zorn und Schmerz bei Alten.
Wers Tugend nennt, wenn er mit Freuden irrt,
soll unsres Gottes Ämter nicht verwalten.

=Jörgen=

Ihr schadet Euch, ach Herr, ach hört mich Alten, nehmt keinen Zorn im Scheiden mit ...

=Arne=

für sich

Er ist im Recht, weil er in Wahrheit litt.

=Bernd Oerlsund=

Wo sind die Ruhe, die Beständigkeit,
die Andacht und die Ehrfurcht hingekommen?
Bald jeder Bube hat sich vorgenommen,
er änderte und ordnete die Zeit.

Zu =Naemi=

Wie will ein Weib wie du, verführt, betört,
den Trug erkennen, den sie gerne hört?
Was wollt ihr?! Laßt mich alten Mann
glauben und sterben so gut ich kann.

=Holger Oerlsund= tritt auf. Licht und Sturm.

=Holger=

Das Boot ist flott. Die Fahrt gelingt!
Nun füge Gott, daß sie Errettung bringt.

Er erblickt =Arne=

Der Pfarrer von Norby in diesem Haus!?

=Jörgen=

Des Vaters Wille rief ihn, seine Pflicht ...

=Holger=

Das war des Vaters Wille nicht!

Pause.

=Naemi=

richtet sich am Bett =Bernd Oerlsunds= auf.

Holger!

Sie tritt auf ihn zu.

=Holger=

Naemi! Warum tatst du das?!
Ich trug mit Würde, was das Schicksal sandte.
Warum bedankst du meinen Schmerz mit Haß?
Dies Haus bleibt rein von eurer Schande!
Hinaus!

=Jörgen=

Der Vater stirbt!

=Holger=

Hinaus!

=Arne=

zu =Holger=

Die Hand laß sinken. Deine rasche Kraft
bedenkt nicht, was dem Kranken Frieden schafft.
Hier, wo der Tod vollenden soll,
ist nicht der Ort für deinen Groll.
Ich denke mir mein Recht nicht zu erbitten!
Verlaß das Haus. Du siehst den Tod zu klein.
Komm wieder, wenn der Vater ausgelitten,
kannst du nicht Zeuge meiner Pflichten sein.

=Holger=

Es glaube wer da will den Sakramenten
in eines Buben ungeweihten Händen!

=Jörgen=

zu =Holger=

Halt ein! Halt ein. Du weißt nicht, was du tust.

=Bernd Oerlsund=

Was schreit ihr, daß ein alter Mann
nicht ruhig in Christo sterben kann.

Zu =Naemi=

Hast du dich über mich zu beklagen,
Naemi, Kind, sprich.
Das Meer hatte dein Schiff zerschlagen,
ich hab' dich über den Strand getragen.
Warum verließt du mich?
In meine Hände, die du preßt,
hat Holger um dich geweint.
Eh mein Geist die Erde verläßt,
will ich euch wieder vereint.

=Arne=

So wahr wie Ihr mit Gottes Kraft und Willen
dies Kind dem Meer zu neuem Sein entrißt,
so sollte Gottes Einsicht sich erfüllen,
als sie in meine Arme kommen ist.
Hab nicht die Hand um sie gerührt,
mein Blick, mein Mund war stumm.
Gott hat sie zu mir geführt.
Er weiß warum.

=Bernd Oerlsund=

Es rühmt der Arge seit je in der Welt
als Gottes Wille, was ihm gefällt.
Holger, du kennst die rostigen Waffen,
Degen der Oerlsunds, Jahrhunderte alt,
reiß sie herunter! Laß dich vom Pfaffen
nicht tückisch berauben. Brauch Gewalt!

Mit versinkenden Sinnen

Hast du vergessen, mein einziges Kind,
wer die Oerlsunds auf Norby sind?
Deine Ahnen waren ein Seeräubergeschlecht,
was ihnen gefiel, war auch ihr Recht.
Das Meer war unsicher weit und breit,
das war ihre Schuld, ihre Herrlichkeit ...

Mit letzter Kraft

Ich, ich hab alles eingebracht!
Ich hab das Meer wieder sicher gemacht.

Im Todeskampf

Heiland der Welt, du hast es gesehn.
Laß mich in deinen Frieden gehn.

Er stirbt.

=Jörgen=

Das ist der Tod.

=Naemi=

Oh, Vater, sieh mich an!
Nur einmal noch sei deinem Kinde gut.
Du starbst im Zorn! Wie weh das tut.
Oh, ungeschickter Tag, betrübte Stunde!
Daß nun des Todes Willkür deinen Fluch
zur dunklen Wahrheit meinen Schmerzen macht.
Daß kein Vertrauen dir die arge Kunde
erleichtert hat, kein freundlicher Versuch.
Zieh meine Kindheit nicht in deine Nacht!

=Arne=

Er war ein Leben lang den Kräften treu,
die ihn zu seinem Tun und Lassen trieben,
es konnte keiner noch die Menschen lieben,
der nicht sich selbst mit Schmerzen treu geblieben.
Gib du uns, Vater, daß es jeder sei.
Oh, gib uns Armen, die du selig preist,
ein mutig Herz bis in die letzten Stunden,
der du allein den Weg der Seele weißt,
gib ihrer Heimkehr Licht aus deinem Geist
und Trost aus deinen bittern Todeswunden.
Oh selig, wer, wie der entschlafne Mann,
der seines Werkes Frucht und Segen schaute,
im reinen Sinn des Wirkens schlummern kann,
dem er, als Kind, bis in den Tod vertraute.

=Holger=

Mein Vater ist tot! Pfaff, laß dein Plärren!
Du höhnst den Toten. Du lästerst den Herren!

=Naemi=

zu =Holger=

Du schweigst! Ich will es! Jedes freche Wort
wirft rechtlos Schmerz und Schande auch auf mich.
Ich ging aus eignem Wunsch und Willen fort,
was kümmern meines Lebens Zeichen dich?

=Holger=

zu =Naemi=

Sprich nicht von Recht. Die Pflichten, die mich schlagen und leiten werden, gabst nicht du mir ein. Soll ich ein Weib nach meinen Rechten fragen? Das ist der Schwachen Art und Tugendschein.

=Naemi=

weicht vor ihm zurück

Ich fürchte deine Drohung, deine Macht
so wenig, wie ich deine Rechte kenne.
Kein Band, kein Wort, kein Blick ward dir gebracht,
daß ich dich mehr als meinen Bruder nenne.
Und wahrlich hast als Bruder du mißbraucht
die Liebe, die ein arglos Kind dir schenkte.

=Holger=

Dem Herzen, das aus Liebeseifer kränkte,
hat noch kein Zorn zur Schande je getaugt.
War ich als Bruder milde, nun wohlan!
Erfahre, wer ich bin als Herr und Mann.

Er zieht sie zu sich hinüber

=Naemi=

befreit sich

Schmach über jeden, der des Leibes Kraft
als Wert für seiner Seele Schwäche setzt!

=Holger=

Was eurem Leib die rechte Seele schafft,
das hat noch jedes Mannes Blut ergötzt.

Zu =Arne=

Und nun, Herr Pfarrer, rührt Euch nicht die Not
des armen Schäfleins vor des Wolfes Rachen?
Hier herrscht das Leben, dort der große Tod,
nun leitet den bedrängten Lebensnachen
gerecht hindurch, nach göttlichem Gebot!

=Arne=

Bin ich berufen, euren Streit zu schlichten,
ließt ihr mich holen, um mich anzuklagen,
wo die Natur schon längst mit Kraft entschied?
Ihr habt es leicht, von eurem Leid zu sagen,
ich kann von meiner Mühsal nicht berichten,
nicht, was mein Herz mit Leidenschaft vermied.
Wer sagte euch, daß, wenn ich euch gefiele,
ich Gott im Himmel nicht mit Schuld betröge,
wenn ich mein Herz in eure seichten Spiele
und mein Gefühl in eure Trauer zöge.
Oh, tief gebeugt von meiner strengen Pflicht,
an deren Recht ich nur mit Zweifeln glaube,
fühl ich aufs neue, daß ich euch beraube,
wo ich euch gebe, helfen kann ich nicht.

=Holger=

Ihr seid ein Pfarrer, wie ihn Gott erschaffen!

=Arne=

Mißt du den Wert des Gegners an den Waffen?

=Holger=

Nicht an den Waffen, aber an den Taten.

=Arne=

Wer hat dir meines Handelns Sinn verraten?
Dank deinem Schöpfer, daß du arm und stark
dein Dasein lebst in Mißgeschick und Freude.
Im Leiden stolz, im Jubel ohne Arg.
Du, den ich heiß um jeden Schmerz beneide.

Er wendet sich zum Gehen.

=Naemi=

hält ihn auf

Was könnte jemals meinem Leben sein
die flache Kraft, die deinen Zwiespalt höhnt?
Sieh, meiner Seele Zuflucht ward allein
dein ruhlos Herz, von keinem Glück versöhnt.
Schließ mich in Schuld und Zweifel ein
und in das Schicksal, das dir frommt.
Nie könnte meine Freude sein,
was nicht aus deinen Händen kommt.

Sie wirft den Mantel um =Arne=, und =beide= eilen hinaus. =Holger= eilt ihnen nach, bleibt aber in der geöffneten Tür stehen und schaut ihnen ohne Entschluß im Bann der letzten Worte Naemis nach. Der Sturm dringt ins Haus.

=Der Küster=

Ich stand, mein Herr, nur schuldlos in der Mitte, laßt mich hinaus, mein Herr, ich bitte.

=Holger= tritt zur Seite und läßt ihn vorüber. Der alte =Jörgen= sinkt auf die Bank am Kamin.

=Holger=

an der Leiche seines Vaters

Oh Schmach der Liebe, nun mit Schmerz gepaart,
in dem die letzte Zuflucht mir versank,
daß nun die Heimkehr, meiner Jugend Dank,
zu dir, mein Vater, mir genommen ward.
Ich fasse über deiner Augen Stille
und bleicher Ruhe die Verlassenheit
zum ersten Mal, eh' noch der arme Wille
zu einer eigenen Zukunft recht bereit.
Zum Abgrund wird nun die Vergangenheit,
kein pochend Herz eint mich dem Ursprung mehr,
daraus ich kam. Die Zukunft stürmt den Mann
am Rand des Abgrunds ungebärdig an,
und läßt ihm keinen Weg, als den: voran.
Und machtvoll höhnt ihr mitleidsloser Schritt:
Nimm deinen Schmerz zum eignen Grabe mit.

Ende des ersten Aufzugs

Zweiter Aufzug

Im Pfarrhaus von Norby. =Naemi=. =Arne=.

=Naemi=

Von allem unberührt, was uns bewegt,
erstrahlt der Sommerhimmel überm Meer.
Das blaue Wasser, das kein Wind erregt,
schickt seine tausend Lichter zu mir her.
Wie seltsam durch den Gleichmut der Natur
stürmt unser übereifrig Tun und Hasten
und läßt doch von uns allen keine Spur.
Sag, ist es nicht, als ob selbst unsere Lasten
und Lust, die wir als unser Teil
zu tragen glaubten, sich einst Anderen geben?
So still verhallt das ernste, eigene Leben.

=Arne=

Du denkst an deines alten Vaters Tod,
lebt er nicht fort in deinem Leid, mein Kind?
Erinnerung ist ein heiliges Gebot,
und die Natur ist treuer als wir sind.
Sieh, selbst die Einfalt weiß von dieser Pflicht.
Oh, wie viel mehr kennt sie der Geist im Licht.
Doch sich zu gründen, aller Welt zum Dank,
bleibt allen Geistes höchster Lebenshang.

=Naemi=

Du sendest dein Verlangen in ein Reich,
in das mein Herz nur zögernd folgen kann.
Was, sag mir, unterscheidet Weib und Mann,
was macht sie unter Gottes Augen gleich?
Wie soll mich selbst die höchste Lust beglücken,
weiß ich dein Herz vor meinem auf der Flucht,
wenn meine Seele nicht in allen Stücken,
der deinen ähnlich, ihre Heimat sucht?

=Arne=

Wie ahnst du lieblich den gespaltenen Sinn,
um dessen Harmonie ich ruhlos ringe,
doch schon, wenn ich dir meine Zweifel bringe,
geb ich mich wieder neuen Kämpfen hin.
Des Weibes Tugend und des Mannes Wert
verbindet irdisch kein bestehend Recht.
Gelobt sei, wer im Schicksal sich bewährt,
des Weibes Schicksal aber heißt Geschlecht.

=Naemi=

So sieh in meinem Schicksal meine Tugend!
Ich habe keinen andern Rat für dich.
Geb ich nicht willig meine ganze Jugend
und will nicht Preis noch Dank von dir für mich?
Nur sag mir, daß ich innig dich erfülle,
gib mir den Trost, daß ich dir alles bin.
Ach, mich beseligt schon dein Wunsch und Wille.

=Arne=

Mein Wunsch zu dir ist meiner Sehnsucht feind.
Du lenkst den Sinn zu fröhlichem Genügen.
Den warmen Wohlstand, der die Menschen eint,
sah ich noch nie in eines Kämpfers Zügen.
Was kränkt mein Herz, verbittert meinen Mund,
dir meine Liebe fröhlich zu gestehn?
Von Furcht und Scham in tiefster Seele wund,
bin ich bestimmt, allein den Weg zu gehn,
der mich zu Gott, nach meiner Hoffnung führt.
Und weiß, indem ich deine Liebe quäle,
sucht doch allein nach Liebe meine Seele,
von deinem Leid zu wehem Glück gerührt.

=Naemi=

Die Elemente, welche Gott verklären,
sind wohl in allem, was da lebt und schafft,
jedoch die Liebe nicht. Sie ist als Kraft
nicht mehr als Licht und Wind auf toten Meeren.
Erst als Gemeinschaft kann sie sich bewähren.
So sage mir den einen großen Sinn,
das letzte Ziel, nach dem die Guten streben.
Wie soll ich anders werden als ich bin?
Was gibt es mehr für mich als liebend leben?

=Arne=

Ich habe keinen andern Sinn gefunden,
als den, in jener Harmonie zu ruhn,
in welcher Unschuld mit Geduld verbunden
die lichten Wunder neuer Hoffnung tun.
Und diese Hoffnung führt zuletzt zu Gott,
und nicht Natur noch Geist umfaßt ihn voll,
du wirst ihn niemals ungewiß umschreiben.
Er ist ein Schöpfer, und er wird es bleiben!
Wahrhaftig wesenhaft und liebevoll.
Im ewigen Wechsel wird kein Herz befreit,
Gott ist als Wesen Sinn der Ewigkeit!
Es ist nicht Einfalt, die sich sinnlos beugt,
die solchen Glauben tief in mir erzeugt,
es ist mein Anspruch, dem die Welt zu klein,
ich will des ewigen Vaters Erbe sein.

=Naemi=

Wem sich das Liebste, was er sucht und meint,
in tiefster Seele nicht als Gott vereint,
der schließt Natur als arm und böse aus
und schilt die Heimat in des Vaters Haus.
Vergib, Geliebter, wenn mein hartes Wort
als unverständig dein Gemüt verwundet;
ich treib die Kraft, an der mein Blut gesundet,
nicht von der Schwelle meiner Seele fort.

=Arne=

Gesegnet sei, was ich als schön empfinde,
gesegnet die Natur im hellen Bilde.
Ach, daß die Seele, wie bei einem Kinde,
den Durst nach Gott in Spiel und Schlafen stillte!
Doch die Natur erlöst nicht durch ihr Wesen,
wer sie versteht, dem wendet sie den Sinn
auf die Gemeinschaft mit dem Schöpfer hin,
von dessen Herrschaft er in ihr gelesen.
Zum Zeitlichen, zum Irdischen geschickt
mit allen Sinnen und mit Kraft begabt,
hab' ich in Kampf und Leiden Gott erblickt,
wie ihr ihn nie im Glück gesehen habt!
Und leuchtend lockt dies herrliche Gesicht
den Geist zu Heimkehr, Frieden und Verzicht.

=Naemi=

Gib nicht das Gold von Lust und Freude hin!
Des irdischen Lebens lichten Himmelsboten.
Glaubst du, ich fühlte nicht, wie bang dein Sinn
und stolz zugleich, den quälenden Geboten
der zeitlichen Gerechtigkeit gehorcht?
Doch wer die Ruhe vom Gewissen borgt,
der findet sie erst dort, wo keine Schranken
die Seele ziehn vom lieblichen Gedanken.

=Arne=

Dort seh ich alles, aber dich nicht mehr.
Komm nah heran, laß mich den blauen Glanz
aus diesen hellen Augen innig trinken.
Oh, einmal bis zur Ohnmacht zu versinken!
Daß sich in reiner Glut der blasse Kranz
unendlicher Gedanken, wie im Meer
ein Samenkorn, zu ewiger Ruh verliert.

=Naemi=

Ach, lerne preisen, was dich so verführt!
Ich hörte einst aus ur-uralten Sagen
der Priesterinnen, meiner Schwestern, Pflicht,
die heilige Glut, das Feuer, zu bewahren.
Ich lobte sie, doch ich verstand sie nicht.
Erst heute fühl ich jene Menschheitsrechte,
die ihrer Reinheit, ihrem Maß vertraut.
Ach, daß der Altar, den mein Herz gebaut,
auch deinem Leben Glück und Wärme brächte.

=Arne=

Bewundernd lausch' ich, Mädchen, dem Geschick,
wie dein Geschlecht der Erde Sinn verwaltet.
Solang ihr wirkt, ist keine Welt veraltet,
als gäbe es kein Glück, als euer Glück ...
Die heiligen Pflichten jener Priesterinnen
glühn anderen Werten, als dem Licht des Bluts.
Wahr' mir die Feuer meiner Seele rein,
so sollst du ewig mir verbunden sein!

=Naemi=

So sag mir, welche Macht des Wesens tuts?
Die Priester nenn ich pfäffisch, welche scheiden,
was Blut und Seele, eng verwoben, leiden,
und was sie freut. -- Ich ahne, die Natur
wird furchtbar wider deine Weisheit drohn,
und ihre Bahn geht meine Leidensspur.

=Arne=

Du sprichst der Not der tiefsten Zweifel Hohn.

=Naemi=

Und du vergißt, daß deine hohen Pflichten
nicht meine sind. Zu jung noch zum Verzichten,
zum Kampf durch unverstandenen Wert beschränkt,
seh ich dich, durch dein eigenes Schwert bedrängt,
die guten Kräfte deines Geists vernichten.
Mir war im Traum, als säh ich eine Zeit
erneuter Offenbarung glühend nahn.
Du hast ihr weit die Tore aufgetan,
doch Andere schmeckten ihre Herrlichkeit.
Ich sah dich über deine Fahne sinken
und sah die Erde, die dich treu begehrt,
mit gierigem Mund dein Blut und Leben trinken,
wie wenn dein Wille ihr ein Recht verwehrt.

Es =pocht=. Der Kirchenrat tritt auf.

=Der Kirchenrat=

So hab ich, lieber Herr und Amtskollege,
nach mancher Drangsal doch hierhergefunden
und grüß Euch herzlich. Aber welche Wege!
Die armen Pferde wurden arg geschunden.
In meinem Alter ist es nicht mehr leicht.
Ich bin erfreut, da nun das Ziel erreicht.

=Arne=

Ihr kommt zu seltsam abgepaßter Zeit
und findet mich, Euch günstig, vorbereitet.
Merkwürdig innig zu mir selbst verleitet
und doch zugleich wie von mir selbst befreit.

=Naemi=

zum Kirchenrat

Daß kein Empfang am Tore Euch geehrt,
woll' uns der Herr in Freundlichkeit verzeihn.
Nach herzlichem Willkomm sei mir gewährt,
für kurz zu gehn um Brot für Euch und Wein.

Ab.

=Arne=

So seid begrüßt und fühlt Euch wohl verwahrt.
Wenn Ihr von Eurer mühevollen Fahrt
nicht gar zu sehr ermüdet seid, Herr Rat,
so sagt mir bald, was sie veranlaßt hat.
Ich kenn Euch wohl aus längst verstrichenen Zeiten,
da mir noch Wissen mehr galt als Verstand.
Was konnte Euch zu dieser Fahrt verleiten
in dieses von der Welt vergessene Land?

=Der Kirchenrat=

Fragt Ihr, Herr Pfarrer, nach der Reise Ziel? Ward nicht so manches Schreiben Euch gebracht und eine Antwort uns, bei der wir viel und sorgenvoll an Euer Wohl gedacht?

=Arne=

Nehmt meine Frage nicht, wie sie erscheint,
nehmt sie als Antwort und als wohlgemeint.
Daß ich sie stellte, mag dem Wunsch entstammen,
es führte uns ein anderer Grund zusammen.

=Naemi= tritt auf.

=Naemi=

Vergebung, wenn ich störe. Dieser Wein
wird sicherlich den Herren willkommen sein.
Er soll den Ernst der allzu frommen Reden
ein wenig durch den Geist der Welt befehden.
Wenns mir erlaubt ist, einzuschenken?

=Der Kirchenrat=

Wie lieb und artig, so an uns zu denken,
mein junges Fräulein, gebt mir Eure Hand.
Seid Ihr aus diesem Ort und Land?

=Naemi=

Ich bin es nicht. Das Meer hat mich geboren.
Ihr dürft nicht lächeln, denn ich rede wahr.
Vor Jahren war mein Schiff in Seegefahr,
auf jenen Klippen gings bei Nacht verloren.
Ich weiß nur wenig aus der bösen Nacht,
die mit mir litten, sind zur Ruh gebracht.
Am Morgen schien die Sonne auf den Strand.
Ein bärtig Haupt und eine starke Hand
erkannte ich und fühlte mich getragen.
Der alte Oerlsund, der vor wenig Tagen
gestorben ist, trug mich zurück ins Leben.

=Der Kirchenrat=

Wie hold Ihrs sagt! Das hätte sich begeben?!
Ich werde meiner Rührung mühsam Herr.
Und Eure Heimat kennt Ihr wohl nicht mehr?

=Naemi=

Ich weiß nur dies: sie liegt im hohen Norden,
zuweilen seh ich Berge, wenn ich träume.
Dies Land ist meine Heimat nun geworden.
Jedoch, Herr Rat, ich bin besorgt, ich säume
zu lange hier und halt die Herren auf.

=Der Kirchenrat=

Ich möchte Euch um alles nicht vertreiben.
Da ich genötigt bin, hier Gast zu bleiben,
hab ich die Hoffnung auf ein Wiedersehn.

=Naemi=

Ich wünsche herzlich, daß die Diskussion
nicht zu gelehrt wird, um den Gast zu ehren.

Ab.

=Der Kirchenrat=

Ich muß gestehn, Herr Pfarrer, diese Rede
scheint mir ein schöner Lichtblick dieser Öde.
Wie kommt es, daß ein Mann in Euren Jahren
für seine Wirksamkeit sich hier versteckt?
Ihr lebt hier ja wahrhaftig mit Barbaren.
Gewiß, gewiß, ein Pfarrer ist auch hier
von Nöten, doch, bei Gott, nicht Ihr!
Für einen Mann von Euren reichen Gaben
kann hier kein Einziger Verständnis haben.
Nun wird mir klar, daß, wie gesagt,
der Ort und die Gemeinde sich beklagt.

=Arne=

Zwar habt Ihr es noch nicht gesagt, Herr Rat,
doch weiß ich wohl, was Euch bewogen hat,
die sorgenschwere Fahrt zu übernehmen.
Nehmt doch, ich bitte Euch, dort den bequemen
und alten Sessel, daß des Leibes Ruhe
dem Gang des Geistes gute Dienste tue.
Und was den Ort und mich darin betrifft,
und was Ihr allgemein nicht ganz begrifft,
laßt Euch berichten, daß die Einsamkeit
der ernsten, weiten Küste mich verlockt.
Hier, wo der Puls des lauten Lebens stockt,
lausch ich dem Widerhall der Ewigkeit.
Ich bin gewiß geneigt Euch anzuhören,
doch eins sei in Respekt vorausgeschickt:
Ich lasse mich sehr ungern hierorts stören.

=Der Kirchenrat=

Mir scheint, wir nähern uns schon dem Konflikt.
Doch hoffe ich, es geht im Lauf der Zeit
vielleicht mit etwas zartrer Höflichkeit.

=Arne=

Die Höflichkeit wird uns nur hindern, Herr,
sie wird in dieser Lage von uns Zwei
doch nur ein Mittel, um den heißen Brei
bis zur Erschöpfung ängstlich zu umkreisen.
Ich hörte sie von guten Köpfen preisen,
hier sind mir diese Köpfe einerlei.
Sagt frei und offen, was Ihr denkt und wollt,
versucht zu fassen, was Ihr hören sollt.

=Der Kirchenrat=

Ein sonderbarer Mann seid Ihr, nur Jugend
kennt soviel Gleichmut gegen das Geschick,
doch nur die Jugend hat zugleich das Glück,
und Wagemut ersetzt ihr oft die Tugend
der ernstlichen Besinnung, der Geduld.
Doch eines Mannes Trotz wird rasch zur Schuld,
wenn er die sittliche Gemeinschaft stört.
Ich muß gestehn ...

=Arne=

Sagt mir, was Ihr gehört.
Es wird Euch schwer? Ich nehme gerne an,
daß oft nur Zartgefühl Euch hindern kann.
So will ich mich aus Höflichkeit bequemen,
Euch einen Teil der Rede abzunehmen:
Man hat gehört, es kam den Herrn zu Ohren,
in Norby sei der Pfarrer obstinat,
die Seelen gingen unter ihm verloren
wie unter Hagel Kohl und Kopfsalat.
Nun kurz und gut, daß seine Kanzellehre
mit keinem Dogma zu vereinen wäre.

=Der Kirchenrat=

Das wäre schließlich dennoch zu vergeben,
wenn Ihr es ändert ...

=Arne=

Aber nun sein Leben!
Es stieg aus seines Daseins Finsternis
ein beispiellos verruchtes Ärgernis.
Man sagt, daß er ein Fräulein bei sich hätt'
und ließ sie Tag und Nacht bei sich verweilen.
Er teilte mit ihr Haus und Tisch und Bett,
kurz alles, was sonst Eheleute teilen.
Und trotz der eklatanten Unmoral,
um nicht von Hurerei und Schmutz zu sprechen,
erteilte er den heiligen Pokal
vor der Gemeinde schamlos dieser frechen
und kecken Dirne. War es dies, Herr Rat?

=Der Kirchenrat=

Ich bin erschrocken -- aber -- in der Tat.
Nur hätte ich das niemals so gesagt.

=Arne=

Ich glaube wohl. Ihr hättets kaum gewagt.

=Der Kirchenrat=

Nicht ohne Dank seh ich den schwersten Teil
der Unterredung glücklich überwunden.

=Arne=

Der zweite wäre, daß ich nun mein Heil
zu retten hätte. Aber unumwunden
mach ich mir Eure Wahrheit gern zur Pflicht:
Es ist kein falsches Wort an dem Gerücht.

=Der Kirchenrat=

Mein Gott im Himmel! Seht mich sehr erschreckt. Es ist unmöglich, was Ihr mir entdeckt.

=Arne=

Soll ich Euch diese Zweifel jetzt vertreiben? Ich glaube, dazu bin ich schlecht geschickt. Ihr müßt nun schon bei der Verpflichtung bleiben, mit der man Euch zu mir herausgeschickt.

=Der Kirchenrat=

So ist es wahr? Wie tief bin ich betrübt.
Mit wieviel Hoffnung hab ich Euch begrüßt,
und was mich ernst und bitterlich verdrießt,
ist dieser kecke Hochmut, den Ihr übt.
Da sinkt dem Mut die letzte Liebeswaffe,
ich zweifle, daß ich jemals Wandel schaffe.

=Arne=

So werdet Ihr Euch sicher nicht verhehlen,
das Beste bleibt, sich wieder zu empfehlen.

=Der Kirchenrat=

Mich Alten mögt Ihr rasch und leicht vertreiben,
doch nicht die Welt, die gegen Eure prallt.
Seid unbesorgt, ich will am Posten bleiben,
und wenn mir Satan selbst die Fäuste ballt!
Ich weiche nicht von dieser argen Stätte,
bis ich des Übels Wurzel nicht gefällt. --
Wenn ich nur gründlich die Gewißheit hätte,
daß Ihr so gottlos seid, wie Ihr Euch stellt.

=Arne=

Da Ihr in mir ein Kind des Satans seht,
bedenkt Euch wohl, bevor Ihr weitergeht.
Galt nicht von je für Euch als Ehrenzeichen,
dem Bösen nach Vermögen auszuweichen?

=Der Kirchenrat=

Ihr seht mich zornig. Hört zunächst, ich wähne, das liebe Fräulein von vorhin ist jene ...

=Arne=

Muß denn zur Sache noch gesprochen werden,
laßt die Personen gütigst aus dem Spiel.

=Der Kirchenrat=

Ihr braucht Euch nicht verletzend zu gebärden,
der Gegenstand besagt zur Sache viel.
Sagt mir nur eins, aus welchen bösen Gründen
verweigert Ihr, Euch ehelich zu binden?
In der Gewöhnung mütterlichem Segen
wird sich der Geist der Widersprüche legen,
der Euch verwirrt. Still gleicht die Glut sich aus
und wärmt das Dasein, wärmt das ganze Haus.
Ihr könnt Euch doch den großen Menschheitspflichten
nicht auf die Dauer ungestraft entziehn.
Des Herzens Wohlstand kommt mit dem Verzichten,
in Maß und Demut fördert Gott uns ihn.

=Arne=

Wärt Ihr mir nicht Repräsentant
der flachen Mächte, die wir hassen,
ich hätte längst mich abgewandt
und Euer Glück in Ruh gelassen.
So will ich Euch denn eine Antwort sagen
und nicht erwägen, wer sie just empfängt.
Nicht nur durch Weise läßt ein Schatz sich tragen,
wenn Not gebietet. Alles Wahre drängt
ganz unerbittlich, trotz Gefahr und Banden
allmählich doch dorthin, wo es verstanden.

=Der Kirchenrat=

Ich muß gestehn, das Wort war wenig fein.

=Arne=

Nehmts nicht persönlich, nehmt es allgemein,
versucht es meiner Einsicht zu verzeihn.
Wie leicht vergibt nicht, wer verstehn kann,
die Schwierigkeit fängt erst beim Zweifel an.

=Der Kirchenrat=

Ihr sprecht so eigenartig in Symbolen.
Wozu das Bild aus weiter Ferne holen?
Auch ist mir oft, ich weiß nicht wie ...
Ihr sprecht nicht ohne Ironie.
Auch in der Ironie bin ich erfahren
und habe manchen heftig eingeschüchtert,
doch glaubt mir, mit ironischem Gebahren
wird keinem eine Weisheit eingetrichtert.
In allem Hohn verrät sich nur der Geist
des eignen Zwiespalts, der das Herz zerreißt.

=Arne=

Was Ihr der Ironie an Kraft bestreitet,
das ist's, Herr Rat, was mich zu ihr verleitet.
Stets hat die Ohnmacht sie heraufbeschworen,
bald die der Rede, bald auch die der Ohren.
Und was uns trennt, Herr Rat, das ändert sich
durch keinen Segen und durch keine Flüche.
Ihr fandet Euch, und ich such mich,
da liegt der Grund für unsre Widersprüche.

=Der Kirchenrat=

Für guten Willen ist es nie zu spät.
Neutraler Boden! Objektivität!

=Arne=

Um wirksam objektiv zu sein,
muß man sich erst persönlich gleichen,
sonst wird ein Punkt zum Fragezeichen.
Ich seh zu groß und Ihr zu klein.
Nun, wenn Ihr wollt, auch umgekehrt!
Doch für Erkenntnis seid Ihr zu gelehrt.
Euch ist das Herz von Wissenschaft verschüttet,
der Kopf ist Euch von lauter Halt zerrüttet.
Was nützt die Objektivität,
wenn Ihr beharrlich und mit Willen
doch nur den Schein der Dinge seht.

=Der Kirchenrat=

Ihr urteilt rasch und ohne guten Willen.

=Arne=

Mir dient mein Urteil nicht, um zu verhüllen, was ich erstritt in Finsternis und Leid.

=Der Kirchenrat=

Es ist der böse Geist der neuen Zeit,
nur Widersprüche überall zu finden,
statt ernst in Ruhe und Beharrlichkeit,
in Demut, still das Gute zu ergründen.

=Arne=

Allein im Streit der harten Gegensätze
wird uns als gut das Gute offenbart.
Im Kampfe tobt der ewigen Gesetze
erbarmungslose Schöpfereigenart.
Was hat ihr Sturm mit Eurem Halt zu tun!
Ihr dürft bequem in Resultaten ruhn.

=Der Kirchenrat=

Das ist ein Irrtum. Wer den Vater kennt,
der weiß, daß er in ewiger Ruhe thront.

=Arne=

Wir aber sind von ihm getrennt.
Und nur die Auserwählten sind verschont.
Nicht alle sind zu ihrem Kampf berufen,
und die berufen sind, haßt Eure Welt.
Zeigt Ihr Euch würdig, wo Ihr an den Stufen
des Heiligsten als Wächter aufgestellt.

=Der Kirchenrat=

Mir scheint, ein Irrtum jagt bei Euch den zweiten, und der Verwirrungsgeist nimmt überhand. Von Gott getrennt? Hat er uns nicht vor Zeiten den eignen Sohn als Bürgen zugesandt?

=Arne=

Und Jesus Christus ist Euch gut genug
als Heiliger für Euren Selbstbetrug.
Er, der in wilden, übergroßen Flammen
der einsam-starken Schöpferleidenschaft
den Himmel und die Erde neu zusammen
gebracht, die er in eigner Dulderkraft
des großen Herzens rein geborgen trug.
Nun soll der Pöbel, der ihm Kreuze schlug,
bei Orgeljammern und bei Pfaffenplärren
in sein erkämpftes Reich des Friedens ziehn?
Sein Kreuz wird steil die goldne Pforte sperren.
Und nur die Auserwählten finden ihn!

=Der Kirchenrat=

Mir bleibt sein Blut, das wir am Altar reichen, für alle Sünder das Erlösungszeichen!

=Arne=

Wer nicht den Gott im eignen Blut gefunden,
der wird in keinem Abendmahl gesunden.
Der Liebe ewig selig Element
ist unerringbar, von Beginn gegeben!
Gesegnet, wer die eigne Fülle nennt,
er kennt die Ewigkeit, er kennt das Leben.
Verfehlt Geschlecht, das du um Liebe ringst
und Liebe lehrst, verraten Haus des Herrn,
das Liebe spendet, selbst der Liebe fern.
Betrognes Land, das so den Kelch empfängt,
als Zeichen einer stets bereiten Huld.
Es tilgt kein Gott die Fülle unsrer Schuld,
wenn nicht in uns die Fülle Gottes drängt.
Kein Opfer schließt die goldne Pforte auf!
Ach, nur die Liebe findet keine Schranken,
wie Licht zu Licht in ungehemmtem Lauf
hinüberrinnt, Gedanke zu Gedanken.
Das heißt ihr Wort: sie höret nimmer auf.

=Der Kirchenrat=

Mit solchem Hochmut Gottes Knecht zu sein,
dünkt mich Verrat an allem, was wir ehren,
mit Spintisieren und mit Grübeleien
vergiftet Ihr des Heils erprobte Lehren:
Nun fühl ich erst, von Herzen abgeneigt,
wie recht die Klage war, die uns erreicht.
Mich täuscht nicht Eure gut gespielte Kraft,
Euch hetzt der Teufel Eurer Leidenschaft,
der holt seit je für den Entschuld die Gründe
frech aus den Tiefen der gescholtnen Sünde.
Er hat noch stets, was er mit List beschmutzt,
für den Verführten ruhmvoll aufgeputzt.
Die Leidenschaften zeichnen Eure Spur,
Ihr lästert Gott, Ihr lästert die Natur!

=Arne=

Ihr hörtet nie im Lenz die Erde kochen,
saht nie den Zorn des Meers an Felsen sprühn,
seht nur das Kleine, das der Kampf zerbrochen,
und nie die Flammen, die zum Himmel blühn. --
Daß selbst im Kleinsten ewige Symbole,
und daß im Größten nur wir selber glühn,
erkennt Ihr niemals. Des Verführers hohle
und arme Weisheit zeichnet Euch den Gott.

=Der Kirchenrat=

Ihr übt Verrat, Herr Pfarrer, diesen Spott
wird Euch der Herr der Güte schwer vergeben.
Der Satan, den Ihr nennt, hat Sinn und Leben
von Euch in arg verwirrender Gewalt,
hat Euch der Schrift beglückenden Gehalt
verfälscht zu weltlich überspannten Lehren.

=Arne=

Ich will gewiß die alte Weisheit ehren,
es wirkte Satan einzig im Zerstören.
Jedoch was tuts, wenn auch ein Lichtlein lischt!
Nein, daß er tückisch Licht und Nacht vermischt,
daß er die hohe Wacht der Gegensätze
herunterwürdigt auf die Pöbelplätze,
das ist sein Reich. Er haßt den edlen Tod!
Ein Dasein schal und ausgeglichen
hat er mit frechen Höllenstrichen
als seligstes Idol der Zeit gezeichnet.
Der Vorgang hat sich auch bei Euch ereignet.

=Der Kirchenrat=

Ich danke Euch. Ich hab genug kapiert. Und weiß, was mir die bittre Pflicht diktiert.

=Arne=

Ich gebe frei und furchtlos alle Chancen
des eignen Vorteils für die Kämpfe hin,
die mich erfüllen. Schwächliche Nüancen,
im flachen Alltag, sind der leere Sinn
der armen Zeit, der Ihr begeistert huldigt,
weil sie Euch selbst und Eure Not entschuldigt.

=Naemi= tritt auf.

=Naemi=

Ich seh die Herren erregt. Ich scheine sehr zu stören.

=Arne=

Was führt dich her zu uns, mein Kind, laß hören?

=Naemi=

Herr Holger Oerlsund kam, um dich zu sprechen.

=Arne=

Ich lasse mich jetzt ungern unterbrechen.

=Der Kirchenrat=

Ich bitte keine Rücksicht gegen mich.

=Naemi=

Ich weiß, der junge Herr geduldet sich nicht gern. -- Ich seh dich blaß und deine Hände zittern!

Zum Kirchenrat

Mit welcher Botschaft bracht Ihr bei uns ein? Was könnt Ihr diesem Leben noch verbittern?

=Der Kirchenrat=

Hier scheint die Keckheit überall zu Haus.
Ich bitte mir ein wenig Rücksicht aus.
Ist das der Ton, mit einem Vorgesetzten
des eignen Herrn zu sprechen, liebes Kind?

=Naemi=

Wenn meine Worte in der Tat verletzten,
so taten sie's, weil sie die Wahrheit sind.

=Der Kirchenrat=

Mit Frauen bin ich nicht geneigt zu streiten.

=Naemi=

Ich habe nicht im Sinn, Euch zu verleiten.

Zu Arne

Sag mir, Geliebter, sag mir, was geschah!

=Arne=

Du meldest mir, der Oerlsund wäre da.
Ich bitte ihn, mich draußen zu erwarten.
Was wir hier tun, bekümmere dich nicht.
Es tat hier nur mit ungewöhnlich harten
und ernsten Worten jeder seine Pflicht.

=Naemi=

Ich bin besorgt, ich laß dich nicht allein!
Wem würdest du nicht leicht gewachsen sein,
doch wer wie du beschaffen ist, der trägt
am schwersten an den Wunden, die er schlägt.

=Arne=

Ich danke dir. Ich bitte dich zu gehn.
Mir kann nur das Notwendige geschehn.

=Naemi= ab.

=Der Kirchenrat=

Ich kann den harten Spruch, der mir entfahren,
nicht tief genug bedauern, seit dies Wort
aus diesem Kindermund Euch widerfahren.
Ich hörts erstaunt, und seltsam wirkt es fort.
Es sprach die Inbrunst einer reichen Liebe
und viel Verständnis für des Herzens Wert
aus jenem Wort, das mir so schmerzlich trübe,
mehr als ich fragte, liebevoll erklärt.
Im Kopf verwirrt, im Herzen tief gerührt,
fühl ich die Welt der alten Sätze schwanken.
Oh, wieviel mehr als jegliche Gedanken
hat uns das Leid der Wahrheit zugeführt!

=Arne=

Es mag, da schon so viel gesprochen ist,
und da mein Herz sich wider Willen löste,
auch noch ein Wort gesagt sein, das Euch tröste.
Denn wie ich Euch und Eure Welt verstehe,
tut es Euch wohl, wenn sich ein Frevel rächt,
daß das erbarmungswürdige Geschlecht
der armen Menschheit Eure Pflicht erflehe.

=Naemi= tritt auf. Ungesehn von Beiden verharrt sie zwischen den Vorhängen einer Seitentür.

=Der Kirchenrat=

Ich sah dies Mädchen, das Euch Gott geschenkt,
wie soll ich fassen, was Euch so bedrängt?
Laßt Ihr Euch nicht dies holde Wunder blühn?
Verwirrend lieblich schien mir ihr Bemühn
um Euer Wohlsein, Güte und Geduld. --
Warum entweiht Ihr diese Gunst zur Schuld?

=Arne=