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Anmerkungen zur Transkription

Passagen, die im Originaltext kursiv gedruckt waren, sind hier so, gesperrt gedruckte Passagen +so+ gekennzeichnet. Weitere Anmerkungen befinden sich am Ende des Textes.

Signet

ESKIMOMÄRCHEN

ÜBERSETZT
VON
PAUL SOCK

1.-3. Tausend

AXEL JUNCKER VERLAG
BERLIN W15

FÜR OLGA K.

Flutlegende von St. Michael

(Aljaska)

In den ersten Tagen war die ganze Erdoberfläche mit Ausnahme eines sehr hohen Berges in ihrer Mitte überflutet. Vom Meer her stieg das Wasser und bedeckte alles Land, mit Ausnahme dieses Berges; nur ein paar Tiere wurden gerettet und entkamen dadurch, daß sie die Berghänge hinanstiegen. Einige wenige Leute entkamen, indem sie ein Familienboot bestiegen. Ihr Leben fristeten sie mit Fischen, die sie bei Ebbe fingen. Als schließlich das Wasser zurückging, gingen die Leute, die gerettet waren, auf die Berge und lebten da; gelegentlich stiegen sie dann zur Küste herab. Auch die Tiere kamen wieder herab und belebten die Erde mit ihrem Geschlecht. Während der Flut schnitten Wogen und Ströme in die Oberfläche des Landes Furchen und Risse und als dann das Wasser zurückging und immer weiter zum Meer abfloß, waren die heutigen Berge und Täler entstanden.

Die große Flut

(Von den Zentral-Eskimos)

Vor langer Zeit begann einmal der Ozean plötzlich zu steigen, bis er das ganze Land bedeckt hatte. Das Wasser floß über die Gipfel der Berge und das Eis trieb über sie hinweg. Als die Flut sich dann zurückzog, strandete das Eis und bildete überall auf den Gipfeln der Berge eine Eishaube. Viele Schaltiere, Fische, Seehunde und Wale blieben hoch oben am Trocknen zurück und da sind ihre Schalen und Knochen noch bis zum heutigen Tage sichtbar. Eine große Anzahl Inuit starben während dieses Zeitraumes, aber viele andere, die, als das Wasser zu steigen begann, ihre Kajaks bestiegen hatten, wurden gerettet.

Die Schöpfung

(Geschichten vom Raben Tu-lu-kau-guk I.)

Es gab eine Zeit da auf der Erdoberfläche noch keine Menschen waren. Die ersten vier Tage war der erste Mensch noch eingehüllt in der Schote einer Stranderbse. Am fünften Tag streckte er seine Füße heraus, zersprengte die Schote und fiel als völlig ausgewachsener Mann auf den Boden und stand auf. Er sah sich um, bewegte seine Hände und Arme, seinen Hals und seine Beine und untersuchte sich selbst ganz neugierig. Als er sich umsah, erblickte er die Schote, aus der er herausgefallen war, noch an der Ranke hängend und an ihrem unteren Ende das Loch, aus dem er gekommen war. Dann sah er sich wieder um und bemerkte, daß er sich von seinem Ausgangspunkt entfernt hatte und der Boden unter seinem Tritt nachgab und ganz weich war. Nach einiger Zeit spürte er im Magen ein unangenehmes Gefühl und bückte sich, um aus einer kleinen Pfütze vor seinen Füßen Wasser in den Mund zu schöpfen. Das Wasser lief in seinen Magen hinunter und er fühlte sich wieder wohler. Als er wieder aufsah, bemerkte er ein schwarzes Ding mit flatternden Bewegungen geradewegs auf sich zukommen. Wenn es anhielt und am Boden stand, sah es ihn an. Das war der +Rabe+, und als er stehen blieb hob er einen Flügel und schob seinen Schnabel, wie eine Maske, auf den Kopf hinauf und verwandelte sich im selben Augenblick in einen Mann. Schon bevor er seine Maske hochgehoben, hatte er den Menschen angestarrt und nachdem er sie aufgehoben, glotzte er noch mehr und bewegte sich, um genauer sehen zu können, hin und her. Endlich sagte er: »Was bist du? Von wo bist du gekommen? So etwas wie dich habe ich noch nie gesehen!« Der Rabe blickte den Menschen an und war immer mehr darüber verwundert, daß dieses fremde Wesen ihm an Gestalt so ähnlich war.

Dann ließ er den Menschen ein paar Schritte gehen und rief wieder erstaunt: »Von wo bist du gekommen? Ich habe früher nie so etwas, wie dich, gesehen!« Darauf antwortete der Mensch: »Ich komme aus dieser Erbsenschote«, und zeigte auf die Pflanze, aus der er gekommen war. »Ah«, rief der Rabe, »ich habe zwar diese Pflanze geschaffen, aber niemals geglaubt, es könnte so etwas, wie du daraus hervorkommen. Komm mit mir auf jene Anhöhe dort; ich habe sie zwar erst ein wenig später gemacht und sie ist noch weich und nachgiebig, aber es ist dort doch fester und härterer Grund als hier.«

Sie gewannen bald das höher gelegene Land und hatten nun festeren Boden unter ihren Füßen. Der Rabe fragte den Menschen, ob er etwas gegessen hätte. Dieser antwortete, daß er aus einer Pfütze irgend ein feuchtes Zeug zu sich genommen. »Ah«, sagte der Rabe, »du hast Wasser getrunken. Warte jetzt hier auf mich.«

Er zog die Maske wieder vors Gesicht, verwandelte sich so in einen Vogel und flog hoch in den Himmel, wo er verschwand. Der Mensch wartete wo er geblieben war, bis der Rabe am vierten Tag zurückkam. In seinen Klauen brachte er vier Beeren. Er schob seine Maske hinauf und wurde wieder ein Mann, der ihm zwei Brombeeren und zwei schwarze Rauschbeeren entgegen hielt und sagte: »Das habe ich für dich zum essen gebracht. Ich will auch, daß diese Beeren auf Erden häufig vorkommen; jetzt iß sie aber!« Der Mensch nahm die Beeren und steckte sie nacheinander in den Mund und sie stillten seinen Hunger, den er schon unangenehm gespürt hatte. Dann führte der Rabe den Menschen zu einem kleinen Bach in der Nähe; dort ließ er ihn stehen, ging zum Rand des Wassers und formte aus ein paar Lehmpatzen ein Paar Bergschafe und behielt sie in der Hand. Als sie getrocknet waren, forderte er den Menschen auf, sich anzusehen, was er gemacht habe. Der Mensch fand sie sehr schön und der Rabe befahl ihm nun, seine Augen zu schließen. Sowie er die Augen geschlossen hatte, nahm der Rabe wieder seine Maske vor und machte über den Bildwerken vier Flügelschläge, womit ihnen das Leben eingehaucht war und als vollausgewachsene Schafe sprangen sie davon. Nun hob er wieder seine Maske hoch und befahl dem Menschen zu sehen. Wie der Mensch die Schafe sich so voll Leben bewegen sah, schrie er vor Freude auf, und der Rabe sagte: »Wenn diese Tiere zahlreich geworden sein werden, werden die Menschen sehr danach trachten, sie zu bekommen.« Darauf sagte der Mensch, er hoffe, sie würden zahlreich werden. »Gut«, sagte der Rabe, »es wird aber für sie besser sein, in den hohen Felsen zu hausen, sodaß sie nicht jeder töten kann, und man soll sie nur dort finden.«

Dann schuf der Rabe aus Lehm noch zwei weitere Tiere, denen er wie früher Leben einhauchte, aber da sie nur stellenweise trocken waren, als sie belebt wurden, blieben sie braun und weiß gefleckt und so entstand das zahme Renntier mit seinem fleckigen Fell. Sie gefielen dem Mensch gut, und der Rabe belehrte ihn, daß sie sehr wertvoll werden würden. Auf die gleiche Weise wurde dann ein Paar wilder Renntiere geschaffen, die der Rabe nur am Bauch trocknen und weiß werden ließ, bevor er sie belebte; daher kommt es, daß der Bauch der einzige weiße Teil der wilden Renntiere ist. Der Rabe verriet nun dem Menschen, daß diese Tiere sehr gewöhnlich sein werden und die Menschen würden viele von ihnen töten.

»So allein wirst du dich einsam fühlen«, sagte dann der Rabe, »ich will dir einen Gefährten schaffen.« Er ging nun zu einer Lacke, die etwas von der, wo er die Tiere geschaffen hatte, entlegen war und schuf, indem er ab und zu auf den Menschen sah, ein ihm sehr ähnliches Bildwerk. Dann befestigte er als Haar ein Büschel feinen Wassergrases an seinem Kopf, und nachdem er in seinen Händen das Bild getrocknet hatte, schwang er wie früher seine Fittige über ihm und ein wunderschönes Weib entstand neben dem Mann. »Da ist ein Gefährte für dich!« sagte der Rabe und führte sie zu einem kleinen Hügel in der Nähe weg.

In diesen Tagen gab es weit und breit keine Berge und es war ewig heller Sonnenschein. Kein Regen fiel und keine Winde wehten. Als sie zu dem Hügel kamen, zeigte ihnen der Rabe, wie man aus trockenem Moos ein Bett macht und sie schliefen da gut und warm; der Rabe zog seine Maske herab und schlief als Vogel in der Nähe. Er erhob sich vor den andern, ging wieder an den Bach und schuf je ein Paar Äschen, Stichlinge und Lippfische. Als die im Wasser herumschwammen, rief er die Menschen, sie anzusehen. Der Mensch sah hin und wie die Stichlinge mit wirbelnden Bewegungen gegen die Strömungen schwammen, streckte er überrascht die Hände nach einem aus, aber der Fisch entkam ihm. Nun zeigte ihm der Rabe die Äschen und belehrte ihn, daß sie in den klaren Bergflüssen zu finden seien, während die Stichlinge an der Meeresküste leben würden, und daß diese beiden Arten gut zu essen seien. Danach wurde die Spitzmaus geschaffen, von der der Rabe sagte, daß man sie zwar nicht essen könne, daß sie aber den Boden belebe und das Land davor bewahre, freudlos und unfruchtbar auszusehen.

So schuf der Rabe noch einige Tage lang Vögel, Fische und Säugetiere, zeigte sie den Menschen und erklärte ihren Nutzen.

Dann flog er in den Himmel und blieb vier Tage lang weg. Als er zurückkam, brachte er dem Menschen einen Lachs. Er sah sich um und bemerkte, daß die Pfützen und Seen still und einsam waren, und so schuf er viele Wasserinsekten für ihre Oberflächen, und aus dem gleichen Material machte er den Biber und die Bisamratte, um die Ufer zu beleben. Dann wurden noch Fliegen, Mücken und andere Land- und Wasserinsekten geschaffen, und der Mensch dessen belehrt, daß sie nur geschaffen seien, um die Erde zu beleben und fröhlich zu machen. Zu jener Zeit waren alle Mücken wie die Hausfliegen und stachen nicht, wie heutzutage.

Er zeigte dem Menschen dann die Bisamratte und riet ihm, ihr Fell als Kleidung zu verwenden. Er erzählte ihm auch, daß der Biber an den Flüssen hausen und starke Baue errichten werde, und daß er diesem Beispiel folgen müsse und auch so schlau sein, denn ihn könnten nur gute Jäger erwischen.

Um diese Zeit gebar die Frau ein Kind und der Rabe gab dem Menschen Anleitungen, wie es zu ernähren sei und erklärte, daß es auch zu so einem Menschen, wie er sei, heranwachsen werde. Kaum war das Kind geboren, da brachte es der Rabe mit dem Menschen an einen Bach, rieb es mit Schlamm ab und sie kehrten dann wieder zu ihrem Aufenthaltsort am Hügel zurück. Am anderen Morgen lief das Kind schon herum und riß Gras und andere Pflanzen aus, die der Rabe in der Nähe wachsen ließ. Am dritten Tag war es schon ein erwachsener Mann.

Nun fiel es dem Raben ein, daß die Menschen alles was er geschaffen, zerstören würden, wenn er nicht etwas schüfe, um sie zu schrecken. Er ging also an einen Bach in der Nähe und formte einen Bären; er belebte ihn dann und wie der Bär grimmig dreinschauend dastand, sprang er rasch zur Seite. Dann holte er den Menschen und belehrte ihn, daß der Bär ganz schrecklich sei, und wenn er ihn störe, ihn in Stücke reißen werde. Dann wurden die verschiedenen Robbenarten geschaffen und ihre Namen und Gewohnheiten dem Menschen erklärt. Der Rabe lehrte den Menschen noch, wie man aus Seehundsfellen ungegerbte Schnüre und Schlingen für Rotwild mache, aber er warnte ihn davor mit dem Rotwildfang früher zu beginnen, als bis es zahlreich genug sei.

Um diese Zeit war das Weib wieder in der Hoffnung und der Rabe erklärte, es werde diesmal ein Mädchen werden und sobald es geboren sei, müßten sie es mit Schlamm abreiben, und wenn es erwachsen sei, müsse es den Bruder ehelichen. Dann ging der Rabe weg, zu dem Platz, wo er in der Erbsenranke den ersten Menschen gefunden hatte. In seiner Abwesenheit wurde ein Mädchen geboren und das Paar tat wie ihm befohlen war; am nächsten Tag lief das Mädchen schon herum. Am dritten war es eine erwachsene Frau und wurde, wie der Rabe befohlen hatte, dem jungen Mann vermählt, auf daß die Erde rascher bevölkert werde.

Als der Rabe zur Erbsenschote kam, fand er drei andere Männer, die gerade aus der Schote, die den ersten hervorgebracht hatte, gefallen waren. Diese Männer sahen sich, wie der erste, verwundert um, und der Rabe führte sie in einer Richtung, die jener, in der er den ersten mitgenommen hatte, entgegengesetzt war, weg und brachte sie hart am Meer aufs Festland. Hier blieben sie und der Rabe blieb lange Zeit bei ihnen und lehrte sie, wie sie leben sollten. Er lehrte sie Feuerbohrer und Bogen aus einem trockenen Holzstück und einer Saite anzufertigen; das Holz nahm er von Sträuchern und kleinen Bäumen, die er an geschützten Orten in Rinnen an den Abhängen wachsen ließ. Er schuf für jeden der Männer ein Weib und viele Pflanzen und Vögel, die die Seeküste bewohnen; es waren aber weniger Arten, als er im Land, wo der erste Mensch lebte, gemacht hatte. Er lehrte die Menschen Bogen, Pfeile, Netze und alle anderen Jagdgeräte machen und auch ihren Gebrauch, besonders, wie man die Robben fängt, die jetzt im Meer massenhaft vorkamen. Er lehrte sie Kajaks machen und zeigte ihnen, wie man aus angeschwemmten Balken, Ästen und Erde gutgedeckte Häuser baue. Jetzt wurden auch die drei Frauen der Männer schwanger und der Rabe ging wieder zum ersten Menschen zurück, wo er die Kinder verheiratet fand. Er erzählte dem Menschen dann alles, was er für die Leute an der Küste getan hatte; sah sich dann um und fand, daß die Erde kahl aussehe. Er ließ also, als die anderen schliefen, an geschützt gelegenen Stellen Birken, Rottannen und kanadische Pappeln wachsen und weckte dann die Leute, die sich über den Anblick der Bäume sehr freuten. Dann lernten sie mit dem Feuerbohrer Feuer machen, wie man den Zunderfunken in ein Bündel trockenen Grases legt und herumfächelt bis es aufflammt und dann trockenes Holz nachlegt. Er zeigte ihnen, wie man Fische auf einem Stock braten kann, aus Weidenrinde und Spänen Fischfallen macht, Lachse für den Winter trocknet und Häuser baut.

Dann ging der Rabe wieder zurück zu den Küstenbewohnern. Als er weggegangen war, ging der Mensch mit seinem Sohn hinunter zum Meer und der Sohn fing einen Seehund, den sie dann mit den Händen umbringen wollten; es gelang nicht, aber schließlich tötete ihn der Sohn mit einem Faustschlag. Dann zog ihm der Vater allein mit den Händen das Fell ab und sie machten Riemen daraus und trockneten sie. Aus diesen Riemen machten sie in den Wäldern Schlingen für die Renntiere. Als sie am nächsten Morgen diese nachsehen gingen, fanden sie die Stricke durchgebissen und die Schlingen weg, denn damals hatten die Renntiere noch scharfe Zähne, wie die Hunde. Der Sohn dachte eine Zeitlang nach und machte dann am Weg der Tiere ein tiefes Loch und hängte, an der Schlinge befestigt, einen schweren Stein hinein und zwar so, daß der Stein, wenn sich ein Tier in der Schlinge fing, ins Loch hinunterrutschen, seinen Nacken herunterziehen und es so festhalten mußte. Als sie am andern Morgen zurückkamen, fanden sie ein Renntier in der Schlinge verwickelt. Sie nahmen es heraus, töteten es und zogen ihm das Fell ab, das sie für ein Bett nach Hause nahmen. Etwas von dem Fleisch brieten sie am Feuer und fanden es ganz genießbar. --

Eines Tages ging der Mensch hinaus, um an der Küste Robben zu jagen. Er sah sehr viele, aber jedesmal, wenn er sich vorsichtig herangeschlichen hatte, krochen sie ins Wasser, bevor er ganz an sie heran konnte. Schließlich war nur noch ein Tier am Strand. Der Mensch schlich sich noch vorsichtiger heran als früher, aber auch dies entkam ihm. Nun stand er auf und ein seltsames Gefühl bewegte seine Brust und Tränen tropften aus seinen Augen ins Gesicht. Er hob seine Hände und fing einige Tropfen auf, um sie anzusehen und er entdeckte, daß sie wie Wasser waren. Ohne daß er es wollte, entrangen sich ihm laute Schreie und Tränen fielen in sein Gesicht, als er heim ging. Als sein Sohn ihn kommen sah, machte er seine Frau und seine Mutter darauf aufmerksam, mit welch seltsamem Lärm der Mensch daherkomme. Als er sie erreicht hatte, waren sie noch mehr erstaunt, Wasser aus seinen Augen rinnen zu sehen. Nachdem er ihnen die Geschichte seiner Enttäuschung erzählt hatte, wurden sie alle vom gleichen fremden Schmerz ergriffen und klagten mit ihm, und so lernten die Menschen zum erstenmal das Weinen. Danach fing dann der Sohn einen anderen Seehund und sie machten noch weitere Renntierfallen aus seiner Haut.

Als diesmal das gefangene Renntier nachhause gebracht wurde, trug der Mensch seinen Leuten auf, einen Knochensplitter von seinem Vorderfuß zu nehmen und in das breite Ende ein Loch zu bohren. In dies steckten sie Renntiersehnen und nähten Felle über ihren Körper, um sich für den Winter warm zu halten. Der Rabe hatte ihnen befohlen, das so zu machen, damit die frischen Renntierfelle auf ihnen trockneten. Dann zeigte der Mensch, wie man Bogen und Pfeile mache und letztere mit Hornspitzen versehe, um damit Renntiere zu erlegen. Hiermit brachte der Sohn auch sein erstes Renntier zur Strecke. Er schnitt es dann auf und legte seinen Speck auf ein Gebüsch und schlief daneben ein. Als er erwachte, hatten die Mücken den Speck ganz aufgefressen. Das ärgerte ihn sehr. Bis dahin hatten die Mücken nie die Menschen gestochen, aber dieser Mensch beschimpfte sie wegen dessen, was sie getan hatten und sagte: »Nie mehr sollt ihr Speck fressen, freßt lieber noch die Menschen.« Und von da an haben die Mücken immer die Menschen gestochen.

Dort wo der erste Mensch gelebt hatte, war jetzt ein großes Dorf entstanden, denn die Menschen taten alles, was der Rabe ihnen gezeigt hatte, und sobald ein Kind geboren war, wurde es mit Schlamm abgerieben und so bewirkt, daß es in drei Tagen erwachsen war. Eines Tages kam nun der Rabe zurück, setzte sich zum Menschen und sie sprachen von vielen Dingen. Der Mensch erkundigte sich beim Raben nach dem Land, das er im Himmel geschaffen. Der Rabe sagte, er habe dort ein sehr gutes Land gemacht und der Mensch bat ihn, er möchte ihn dorthin mitnehmen, damit er es sehe. Der war damit einverstanden und sie machten sich nach dem Himmel auf den Weg und kamen dort auch in kurzer Zeit an. Da war der Mensch in einem wunderbaren Land mit einem viel besseren Klima, als auf Erden. Die Leute, die dort lebten, waren aber sehr klein; wenn sie neben ihm standen, reichten ihre Köpfe ihm nur bis zum Oberschenkel. Während sie hier herumzogen, erblickte der Mensch viel fremde Tiere; auch der Boden war viel besser als der, den er verlassen hatte. Der Rabe erzählte, daß dies Land mit seinen Tieren und Menschen das erste gewesen sei, das er erschaffen habe.

Die Leute, die da lebten, machten schöne Pelzkleider mit eingearbeiteten Mustern, wie sie die Menschen jetzt auch auf Erden tragen, denn der Mensch hat nach seiner Rückkehr den Leuten gezeigt solche Kleider zu machen und die Muster haben sich allenthalben erhalten. Nach einiger Zeit kamen sie an ein großes Haus und traten ein. Ein uralter Mann, der erste, den der Rabe im Himmel geschaffen hatte, kam von seinem Ehrenplatz gegenüber der Haustür herab und bewillkommte sie; er beauftragte jetzt seine Leute, den Gästen aus dem unteren Land, die seine Freunde seien, Speisen zu bringen. Es wurde dann eine Art gesottenen Fleisches, wie es der Mensch vorher nie gesehen hatte, gebracht. Der Rabe belehrte ihn, daß es von Bergschafen und zahmen Renntieren sei. Nachdem der Mensch gegessen hatte, wollte ihm der Rabe noch andere Dinge, die er gemacht hatte, zeigen, warnte ihn aber davor, aus den Seen, an denen sie vorüberkommen würden, zu trinken, denn er habe in sie Tiere gesetzt, die ihn umbringen und zerfleischen würden, wenn er näherkäme.

Auf ihrem Weg kamen sie an ein ausgetrocknetes Teichbett, das dicht mit hohen Gräsern bewachsen war. Auf den Grasspitzen, die sich unter der Last aber gar nicht bogen, lag ein großes, seltsames, sechsbeiniges Tier mit einem langen Kopf. Die beiden Hinterbeine waren ungewöhnlich lang, die vorderen waren kurz und aus dem Bauch ragte ein ganz kurzes Beinpaar hervor. Der ganze Körper des Tieres war mit feinem, dünnem Haar bewachsen, wie die Spitzmaus, nur war es an den Füßen länger. Am Kopf standen zwei kurze, dicke nach rückwärts gebogene Hörner hervor. Die Augen waren klein und die Farbe des Tieres dunkel, schwärzlich.

Danach kamen sie zu einer runden Öffnung im Himmel, um deren Rand kurzes Gras wuchs, das wie Feuer glimmte. Dies war, so sagte der Rabe, ein Stern, Mondhund genannt. Die Spitzen des die Öffnung umrahmenden Grases fehlten und der Rabe erzählte, daß seine Mutter einmal einige, und er den Rest, um auf Erden das erste Feuer zu machen, weggenommen habe. Er fügte noch hinzu, daß er zwar versucht habe diese Grasart auch auf Erden zu schaffen, es sei ihm aber nicht gelungen.

Nun befahl er dem Menschen die Augen zu schließen, er werde dann an einen anderen Ort versetzt werden. Der Rabe nahm ihn auf seine Flügel und ließ sich durch die Öffnung hindurch. Lange glitten sie dahin, bis sie an etwas stießen, das sie in ihrer Bewegung aufhielt. Sie blieben stehen und der Rabe sagte, sie seien jetzt am Meeresgrund. Der Mensch atmete ganz leicht und der Rabe erklärte ihm, daß der Nebelschleier ringsum durch das Wasser hervorgerufen sei; dann sagte er: »Ich werde hier einige neue Tierarten schaffen; du darfst aber nicht herumgehen, leg dich nieder und wenn du müde bist, so dreh dich auf die andere Seite.«

Der Rabe ließ den Menschen nun lange auf einer Seite liegen. Endlich erwachte er dann, fühlte sich sehr müde und wollte sich umdrehen; es gelang ihm aber nicht. Da dachte der Mensch bei sich: »Wenn ich mich doch nur umdrehen könnte!« und im selben Augenblick drehte er sich auch schon ohne Schwierigkeit herum. Wie er das tat, bemerkte er voll Erstaunen, daß sein ganzer Körper mit langen weißen Haaren bedeckt war und seine Finger lange Krallen bekommen hatten; er fiel aber sofort wieder in Schlaf. Noch dreimal erwachte er und schlief dreimal wieder ein. Als er zum viertenmal erwachte, stand der Rabe neben ihm und sagte: »Ich habe dich in einen Eisbär verwandelt; wie gefällt dir das?« Der Mensch wollte antworten, konnte aber keinen Laut von sich geben; da schwang der Rabe seine Zauberflügel über ihm und er antwortete nun, daß es ihm nicht gefalle, denn so müsse er am Meer leben, während sein Sohn am Land leben könne und er werde sich hierbei unglücklich fühlen. Da tat der Rabe einen Flügelschlag und das Bärenfell fiel vom Menschen und blieb leer am Boden liegen, während dieser in seiner natürlichen Gestalt wieder aufstand. Nun nahm der Rabe eine seiner Schwanzfedern und steckte sie als Rückgrat ins Bärenfell, machte einige Flügelschläge darüber und ein Eisbär stand da. Sie gingen dann weiter; seit dieser Zeit aber findet man am zugefrorenen Meer Bären.

Der Rabe fragte den Menschen nun, wie oft er sich umgedreht habe und er antwortete: »Viermal.« »Das waren vier Jahre«, sagte der Rabe, »denn du hast genau vier Jahre lang dort geschlafen.« Sie waren noch nicht weit gegangen, als sie ein kleines Tier sahen, das einer Spitzmaus ähnelte. Das war ein Wi-lu-gho-yuk. Es gleicht der am Land lebenden Spitzmaus, lebt aber am Meereis. Wenn es einen Menschen sieht, fährt es auf ihn los, kriecht ihm zu den Schuhen hinein und krallt über seinen ganzen Körper. Wenn der Mann ganz still hält, verläßt es ihn wieder und er wird dann ein erfolgreicher Jäger werden. Wenn aber der Mensch, so lang das Tier auf ihm ist, auch nur einen Finger rührt, beißt es sich durch sein Fleisch geradewegs aufs Herz los und tötet ihn so.

Dann schuf der Rabe den A-mi-kuk, ein großes, schleimiges Tier mit lederartiger Haut und vier langen, weitausgreifenden Armen. Dieses wilde Tier lebt im Meer, schlingt seine Arme um Männer und Kajaks und zieht sie unters Wasser. Sucht ihm der Mensch dadurch zu entrinnen, daß er den Kajak verläßt und aufs Eis steigt, so taucht es unter, bricht das Eis unter seinen Füßen und es verfolgt ihn auch noch an der Küste, wo es sich unter der Erde, genau so leicht, wie es im Wasser schwimmt, weitergräbt, sodaß ihm niemand, der einmal von ihm verfolgt wird, entkommen kann.

Danach sahen sie dann zwei große, schwarze Tiere, die um ein kleineres herumschwammen. Der Rabe eilte voraus und setzte sich auf den Kopf des kleineren Tieres, das nun ruhig blieb. Als der Mensch herankam, zeigte ihm der Rabe die zwei Walrosse und sagte, das kleine, auf dessen Kopf er säße, sei ein »Walroßhund«. Dies Tier, sagte er noch, wird immer mit den großen Walrossen ziehen und die Leute umbringen. Es war lang, ziemlich schlank und mit schwarzen Schuppen bedeckt, die aber nicht so hart waren, als daß man sie mit einem Speer nicht hätte durchstechen können. Sein Kopf und seine Zähne hatten eine gewisse Ähnlichkeit mit denen eines Hundes. Er hatte vier Beine und einen langen, runden Schwanz, der, wie der Körper, mit Schuppen bedeckt war. Durch einen einzigen Schlag mit diesem Schwanz kann es einen Mann töten.

Sie sahen nun viele Wale und allerlei Raubtiere. Der Rabe erklärte dem Menschen, daß nur gute Jäger die Wale töten könnten, wenn aber einer erlegt sei, könne ein ganzes Dorf daran essen. Dann sahen sie den I-mum-ka-boi-a-ga oder »Seefuchs«, ein Tier, das dem roten Fuchs sehr ähnlich sieht, nur im Meer lebt und so wild ist, daß es den Menschen tötet. In der Nähe waren auch zwei Seeottern, die auch den Landottern gleichen, aber ein viel feineres Fell haben. Sie sind weiß gesprenkelt, sehr selten und nur die besten Jäger sind imstande, sie zu fangen. An vielen Fischarten kamen sie noch vorüber und dann erhob sich vor ihnen die Küste und oben konnte man das Gekräusel der Wasseroberfläche sehen. »Schließ deine Augen und halte dich an mir fest«, sagte der Rabe. Kaum hatte der Mensch das getan, da stand er auch schon am Strand, in der Nähe seines Hauses und war sehr erstaunt, da, wo er ein paar Hütten verlassen hatte, ein großes Dorf zu sehen. Seine Frau war sehr alt geworden und sein Sohn war auch schon ein alter Mann. Als ihn die Leute sahen, bewillkommten sie ihn und machten ihn zu ihrem Häuptling. Im Festhaus wurde ihm der Ehrenplatz eingeräumt und er erzählte dort den Leuten was er alles gesehen hatte und lehrte die jungen Leute viele Sachen. Die Dorfbewohner wollten dem Raben einen Sitz neben dem Alten am Ehrenplatz einräumen; er schlug es aber aus und wählte sich seinen Platz beim gewöhnlichen Volk, in der Nähe des Eingangs.

Nach einiger Zeit wollte der erste Mensch das schöne Himmelsland wieder sehen, aber seine Leute wollten lieber, er bliebe bei ihnen. Er ermahnte seine Kinder, in seiner Abwesenheit nicht unglücklich zu sein und kehrte dann in Begleitung des Raben ins Himmelsland zurück. Die Zwerge nahmen sie freundlich auf und die beiden lebten dort lange Zeit; indessen waren die Erdbewohner sehr zahlreich geworden und töteten sehr viele Tiere. Das ärgerte den Menschen und den Raben sehr. Eines Nachts nahmen sie also ein langes Seil und einen Korb und stiegen zur Erde herab. Der Rabe fing da zehn Renntiere und steckte sie mit dem Menschen in den Korb. Dann befestigte er ein Ende des Seils am Korb und erhob sich, das Ganze hinter sich ziehend, wieder in den Himmel. Am nächsten Abend stiegen sie in der Nähe des Menschen-Dorfes mit den Renntieren wieder herab. Den Renntieren wurde aufgetragen, das nächste Haus, zu dem sie kämen, niederzubrechen und die Bewohner zu vernichten, weil die Menschen zu zahlreich geworden seien. Die Renntiere taten, wie ihnen befohlen war, fraßen mit ihren scharfen Wolfszähnen die Leute auf und kehrten dann wieder in den Himmel zurück. In der nächsten Nacht kamen sie wieder und vernichteten in gleicher Weise ein anderes Haus samt seinen Bewohnern. Nun waren die Dorfbewohner sehr erschrocken und beschmierten das nächste Haus mit einer Mischung von Renntierfett und Beeren. Als die Renntiere dieses Haus zerstören wollten, bekamen sie die Mäuler voll Fett und sauere Beeren, worauf sie herumlaufen und die Köpfe so schütteln mußten, daß ihnen alle Zähne ausfielen. Später wuchsen ihnen nur kleine Zähne, wie sie die Renntiere heute haben, nach und diese Tiere sind seither harmlos.

Nachdem die Renntiere weggelaufen waren, gingen der Mensch und der Rabe zurück in den Himmel und der Mensch sagte: »Wenn nicht etwas geschieht, was die Leute hindert, so viel Tiere umzubringen, werden sie es so lange treiben, bis sie alle Wesen, die du geschaffen hast, umgebracht haben. Es wäre besser, ihnen die Sonne wegzunehmen, sodaß sie im Dunkeln leben und sterben.«

Darauf antwortete der Rabe: »Bleib du hier, ich werde gehen und die Sonne wegnehmen.« Er ging dann fort, nahm die Sonne, steckte sie in seinen Fellsack und trug sie weit weg, in jene Gegenden des Himmelslandes, wo seine Eltern lebten, und es wurde sehr finster auf Erden. In dem Dorf seines Vaters nahm er sich dann aus den Jungfern eine Frau und lebte dort; die Sonne hielt er sorgfältig in dem Sack versteckt.

Die Erdbewohner hatten große Angst, seit ihnen die Sonne genommen war und suchten sie zurückzubekommen, indem sie dem Raben reichliche Spenden an Speise und Wild anboten; das war aber ohne Erfolg. Nach langen Versuchen versöhnten sie den Raben so weit, daß er ihnen für kurze Zeit Licht gewährte. Er holte die Sonne heraus und hielt sie zwei Tage lang in einer Hand, sodaß die Leute jagen und sich Nahrung verschaffen konnten. Dann nahm er sie wieder weg und es war wieder ganz dunkel. Nun verstrich eine lange Zeit und es bedurfte vieler Opfer, bevor er den Menschen wieder Licht gewährte. Das wiederholte sich so einige Zeit.

In dem Dorf lebte ein älterer Bruder des Raben, der Mitleid mit den Erdenkindern zu fühlen begann und der dachte nach, wie er die Sonne bekommen und auf ihren alten Platz zurückbringen könnte. Nachdem er lange nachgedacht hatte, stellte er sich tot und wurde in eine Grabkiste gelegt, wie es der Brauch war. Sobald die Trauernden sein Grab verlassen hatten, erhob er sich und ging in die Nähe des Dorfes. Hier nahm er seine Rabenmaske vor und versteckte sich in einem Baum bei der Quelle, wo die Dorfbewohner ihr Wasser holten, und wartete. Bald kam seines Bruders Frau, um Wasser zu holen und füllte einen Eimer an; dann nahm sie einen Schöpflöffel voll Wasser und wollte trinken. Mit Hilfe seiner Zauberkraft verwandelte sich nun der Bruder-Rabe in ein kleines Blatt, fiel in den Löffel und wurde mit dem Wasser verschluckt. Die Frau hustete etwas und eilte dann nachhause, wo sie ihrem Gatten erzählte, sie habe, als sie aus der Quelle trank, irgend einen Fremdkörper verschluckt. Er legte dem aber keine Bedeutung bei und sagte, es werde ein Blatt gewesen sein.

Bald darauf wurde die Frau schwanger und gebar in ein paar Tagen einen Knaben, der sehr aufgeweckt war und gleich herumkroch; einige Tage darauf konnte er schon laufen. Er schrie immer nach der Sonne, und da sein Vater ganz in ihn vernarrt war, gab er sie dem Kind oft als Spielzeug, achtete aber immer streng darauf, sie wieder zurückzunehmen. Als der Sohn dann schon vor dem Haus zu spielen begann, schrie und bettelte er mehr denn je um die Sonne. Lange Zeit schlug ihm der Vater seine Bitte ab, dann aber erlaubte er ihm doch, die Sonne zu nehmen, und der Knabe spielte damit im Haus. Als einen Augenblick niemand zusah, warf er sie hinaus, lief rasch zum Baum, legte Rabenmaske und Gewand an und flog weit fort. Er war vom Himmel schon weit weg, da hörte er seinen Vater hinter sich schreien: »Versteck die Sonne nicht! Gib sie aus dem Sack, damit wieder etwas Licht ist; laß es nicht immer dunkel sein!« Er glaubte nämlich, sein Sohn habe sie gestohlen, um sie für sich zu behalten.

Der Rabe ging ins Haus und der Rabenknabe flog dorthin, wo die Sonne lag. Dort schnitt er die Fellhülle herunter und brachte die Sonne an ihren alten Platz. Von da führte ein breiter Pfad weg und er folgte ihm. Er gelangte an eine Öffnung, die von kurzem, glimmendem Gras umgeben war und er pflückte etwas davon. Dann erinnerte er sich der Mahnung seines Vaters, es nicht immer dunkel sein zu lassen, sondern einmal hell und dann wieder dunkel. Dessen eingedenk verursachte er nun, daß sich der Himmel um die Erde drehe, Sonne und Sterne mit sich bewege und so Tag und Nacht einander folgen.

Als er da, gerade vor Sonnenaufgang, ganz nah am Erdrand stand, steckte er ein Büschel des glimmenden Grases, das er in der Hand hatte, in den Himmel und seither ist es dort geblieben und erscheint als glänzender Morgenstern. Er ging dann weiter auf die Erde und kam schließlich zu dem Dorf, wo die erstgeschaffenen Menschen lebten. Dort bewillkommten ihn die Leute und er erzählte ihnen, daß der Rabe auf sie bös geworden sei und die Sonne weggenommen, daß er sie aber wieder zurückgebracht habe, und daß sie nie mehr verschwinden werde.

Unter den Leuten, die ihn empfingen, war auch der Häuptling der Himmelszwerge, der mit einigen der Seinen herabgekommen war, um auf Erden zu leben. Ihn befragten die Leute, was aus dem ersten Menschen geworden sei, der mit dem Raben in den Himmel hinaufgegangen war. Damals hörte der Rabenknabe zum erstenmal von jenem Menschen und er wollte in den Himmel hinauffliegen, um ihn zu sehen; dabei bemerkte er aber, daß er sich nur wenig über die Erdoberfläche erheben konnte. Als er gewahr wurde, daß er nie mehr in den Himmel zurückgelangen könnte, wanderte er fort, bis er an ein Dorf kam, wo die Nachkommen jener Männer lebten, die zuletzt aus der Erbsenschote geboren worden waren. Da nahm er ein Weib und lebte lange Zeit; er hatte viele Kinder, die alle Raben-Menschen waren, wie er selbst, und über die Erde fliegen konnten. Aber sie verloren immer mehr ihre Zauberkräfte, bis sie ganz gewöhnliche Raben wurden, genau wie jene Vögel, die wir noch heute in der Tundra sehen. --

Der Ursprung von Land und Menschen

Ursprünglich war Wasser über der ganzen Erde und es war sehr kalt. Das Wasser war vom Eis bedeckt und es gab keine Menschen. Dann zog sich das Eis zusammen und bildete lange Risse und Buckeln. Zu dieser Zeit kam ein Mann von der anderen Seite des großen Wassers, blieb bei den Eishügeln, nahe dem Ort, wo jetzt Pikmiktalik liegt und nahm eine Wölfin zum Weib. Nach und nach bekam er viele Kinder, die immer paarweise geboren wurden -- ein Bub und ein Mädchen. Jedes dieser Paare sprach seine eigene Sprache, die verschieden von der seiner Eltern und auch verschieden von jeder jener Sprachen war, die seine Brüder und Schwestern sprachen. Sobald sie groß genug waren, wurde jedes Paar in anderer Richtung ausgeschickt, und so verstreute sich die Familie weit und nah von den Hügeln, die jetzt schneebedeckte Berge waren. Als der Schnee schmolz, floß er die Hänge herunter, Rinnen und Flußbette ausschürfend, und so entstand das Land mit seinen Strömen.

Die Zwillinge bevölkerten die Erde mit ihren Kindern, und da jedes Paar mit seinen Kindern eine von den anderen verschiedene Sprache sprach, wurden die verschiedenen Sprachen über die Erde verteilt und blieben so bis zum heutigen Tag.

Ursprung der Lebewesen

Vor langer Zeit, als das Wasser noch die Erde bedeckte, lebten die Menschen von der Nahrung, die sie in Überfluß fanden. Nichts wußten sie zu jener Zeit von Tieren am Land oder im Wasser. Schließlich ging aber das Wasser zurück und aus den Seegräsern wurden Bäume, Büsche, Sträucher und Gras. Die langen Seegräser wurden Bäume, die kleineren Arten Buschwerk und Gras. Das Gras wurde auf allerlei Art durch das Walroß an die verschiedenen Orte gebracht und erst später kamen die Bäume zum Vorschein.

Eine Frau, die ihren Mann verloren hatte, lebte bei Fremden. Als diese ihren Wohnort verlegen wollten, entschlossen sie sich, nach einer Landspitze in einiger Entfernung zu reisen. Die Frau, die von ihrer Mildtätigkeit abhängig war, wurde ihnen zur Last und sie wollten sie los werden. Sie schafften nun alle ihre Habe ins Familienboot und als sie unterwegs waren, ergriffen sie die Frau und warfen sie über Bord. Die strengte sich nun an, wieder ins Boot zu kommen und wie sie es ergriff, schnitten die anderen ihr die Finger ab. Die fielen ins Wasser und verwandelten sich in Seehunde, Walrosse, Walfische und Eisbären. Die Frau verschrie in ihrer Verzweiflung deren Los, um sich für die an ihr begangene Grausamkeit zu rächen. Der Daumen wurde ein Walroß, der Zeigefinger ein Seehund und der Mittelfinger ein Eisbär. Wenn die ersten zwei dieser Tiere einen Mann sehen, so suchen sie zu entfliehen, damit ihnen nicht geschehe wie der Frau.

Der Eisbär lebt sowohl an Land, wie im Wasser, aber wenn er einen Mann bemerkt, fällt ihn die Rachsucht an und er sucht ihn umzubringen, denn er glaubt, daß jener die Frau, aus deren Finger er entstanden, verstümmelt hat.

Sonne, Mond und Sterne

Als die Erde noch in Dunkel gehüllt war, wurde ein Mädchen allnächtlich von jemandem, den sie nicht erkennen konnte, besucht. Sie bemühte sich festzustellen, wer das gewesen sein könnte; dazu mischte sie Ruß und Tran und bemalte damit ihre Brust. Darauf entdeckte sie zu ihrem Schreck, daß ihr Bruder einen Rußkreis um seinen Mund hatte. Sie machte ihm Vorwürfe, er leugnete aber alles ab. Vater und Mutter wurden aber sehr zornig und schimpften so heftig, daß der Bruder in den Himmel rannte, um der Schwester zu entkommen; die aber lief ihm nach. Der Bruder wurde in den Mond verwandelt, das Mädchen aber, das sonst das Feuer bohrte, wurde die Sonne. Die Funken, die vom Feuer stoben, wurden die Sterne. Die Sonne verfolgt immer den Mond, der sich im Dunkeln hält, um nicht entdeckt zu werden. Bei einer gegenseitigen Verfinsterung haben sie sich scheinbar getroffen.

Sonne und Mond

In einem Dorf lebte eine Frau ganz allein in einer Hütte. Eines Abends, als die Leute im Tanzhaus versammelt waren, ging ein Mann zu der Frau und löschte ihre Lampen aus. Nachher kam er jede Nacht, zur Zeit als die Leute im Tanzhaus waren. Die Frau wollte erfahren, wer er sei. Sie fragte ihn oft, aber er nannte seinen Namen nicht, noch gab er einen Laut von sich. Da sie ihn nicht zum Sprechen bringen konnte, nahm sie zu einer List ihre Zuflucht. Eines Tages, nachdem er gekommen war, rieb sie ihre Finger auf dem Boden einer ihrer Töpfe und dann über die linke Seite seines Gesichts. Nach einer Weile verließ er sie. Sie folgte ihm gleich und als sie aus dem Hause kam, hörte sie ein großes Gelächter im Tanzhaus. Sie ging hinein und sah dort, daß die Leute über ihren eigenen Bruder lachten, der die Spuren ihrer Finger in seiner linken Gesichtshälfte trug. Da nahm sie ein Messer, schnitt ihre linke Brust ab und bot sie ihm an mit den Worten: »Iß das!«. Sie hob ein Stück Holz auf, wie man es braucht, um Lampen zu putzen und zündete es an. Er nahm auch einen Kienspan in seine Linke und folgte ihr. Sie ging aus dem Haus, und lief, von ihrem Bruder verfolgt, darum herum. Schließlich fiel letzterer. Die Flamme seines Spans ging aus, während ihrer hell weiter brannte. Sie wurde in den Himmel erhoben und in die Sonne verwandelt. Er wurde der Mond. --

Der Mond, die Sonne und der Böse

In einem Küstenort lebte einst ein Mann mit seiner Frau. Sie hatten zwei Kinder, einen Knaben und ein Mädchen. Als diese Kinder so groß waren, daß der Knabe schon die Strandblöcke umwälzen konnte, verliebte er sich in seine Schwester. Die Schwester schwamm schließlich, um den Knaben, der sie immer belästigte, los zu werden, weg bis in den Himmel und wurde der Mond. Der Knabe, der sie immer verfolgte, wurde die Sonne und manchmal umarmt und verdeckt er sie und verursacht so eine Mondfinsternis.

Nachdem seine Kinder nun weg waren, wurde der Vater sehr traurig und haßte sein Geschlecht; er ging herum, Krankheit und Tod unter den Menschen verbreitend. Die Opfer der Krankheiten wurden seine Nahrung und davon wurde er so böse, daß er, wenn sein Verlangen auf diese Weise nicht mehr gestillt wurde, auch Leute tötete und verzehrte, die ganz gesund waren.

Aus Furcht vor ihm trugen die Menschen ihre Toten vor das Dorf hinaus, damit er sich ernähren möge, ohne die Lebenden zu belästigen. Sooft einer dorthin kam, waren die Leichen über Nacht verschwunden. Schließlich wurde er so gräßlich, daß die mächtigsten Zauberer zusammenkamen, ihn mit Hilfe ihrer Zauberkräfte fesselten, ihm Hände und Füße zusammenbanden, so daß er keinen weiteren Unfug stiften konnte. Und obwohl er gefesselt war und sich nicht bewegen konnte, hatte er doch noch immer die Kraft Krankheit zu verbreiten und die Menschen unglücklich zu machen.

Um böse Geister am Wandern zu hindern und daran, aus böser Absicht sich toter Körper zu bemächtigen und sie so scheinbar zu beseelen und eingedenk der Fesselung dieses einen Bösen, werden seither die Toten nicht mehr ausgestreckt, sondern mit Hand und Fuß, in der gleichen Stellung wie der Böse, gefesselt und so in die Grabkästen gelegt.

Das Sternbild Udlegdjun

Drei Männer gingen mit einem Schlitten auf die Bärenjagd und nahmen einen kleinen Jungen mit. Als sie an den Rand der See kamen, sahen sie einen Bären und wandten sich zur Verfolgung. Obwohl die Hunde sehr schnell liefen, konnten sie ihm doch nicht näher kommen und plötzlich bemerkten sie, daß der Bär sich in die Luft hob und ihr Schlitten ihm folgte. In diesem Augenblick verlor der Knabe einen seiner Fäustlinge, und wie er ihn aufheben wollte, fiel er vom Schlitten. Da sah er die Männer höher und immer höher steigen, und schließlich wurden sie in Sterne verwandelt. Der Bär wurde der Stern Nanugdjung (Beteigeuze), die Verfolger die Sterne Udlegdjun (der Gürtel des Orion) und der Schlitten die Sterne Kamutigdjung (das Schwert des Orion). Bis zum heutigen Tag verfolgen die Männer noch den Bären. Der Knabe ist jedenfalls ins Dorf zurückgekehrt und hat erzählt, wie die Männer verloren gegangen sind.

Herkunft der Inuit

Ein Mann wurde geschaffen aus nichts. Im Sommer wanderte er, bis er in einem anderen Land ein Weib fand. Die beiden wurden Mann und Frau, und von ihnen stammt all das Volk, das hier wohnt, ab.

Die Abstammung der Indianer und Europäer

Savirgong, ein alter Mann, lebte allein mit seiner Tochter. Sie hieß Niviarsiang (das Mädchen), aber weil sie keinen Mann nehmen wollte, wurde sie auch Uinigumisuitung (die keinen Mann nehmen will) genannt. Alle ihre Liebhaber wies sie ab, aber zuletzt gewann doch ein weiß und rot gefleckter Hund, der Jjirgang gerufen wurde, ihre Neigung und sie nahm ihn zum Gemahl. Sie hatten zehn Kinder; fünf davon waren Adlets (Indianer) und fünf waren Hunde. Der untere Teil des Körpers der Adlets war der eines Hundes und mit Ausnahme der Sohlen ganz behaart; der Oberkörper glich aber dem eines Mannes. Als die Kinder heranwuchsen, wurden sie sehr gefräßig, und da der Hund Jjirgang überhaupt nicht ausging zu jagen, sondern seinen Schwiegervater für die ganze Familie sorgen ließ, wurde es für Savirgong schwierig alle zu füttern. Überdies waren die Kinder sehr unruhig und lärmend, so daß der Großvater ihrer schließlich überdrüssig wurde und die ganze Familie in ein Boot steckte und auf eine Insel führte. Dem Hund Jjirgang trug er auf, jeden Tag die Nahrung holen zu kommen.

Niviarsiang hing ihm ein Paar Stiefel über den Nacken, und er schwamm dann über den schmalen Kanal. Aber Savirgong füllte, statt ihm Essen zu geben, die Stiefel mit schweren Steinen, die Jjirgang ertränkten, als er versuchte zurückzukehren.

Die Tochter sann auf Rache für den Tod ihres Mannes. Sie schickte die jungen Hunde zur Hütte ihres Vaters und hieß sie seine Füße und Hände annagen. Dafür warf wieder Savirgong Niviarsiang, als sie einmal zufällig in seinem Boot war, über Bord und schnitt ihr, als sie sich an den Planken hielt, die Finger ab; wie die ins Wasser fielen, wurden sie in Seehunde und Wale verwandelt. Schließlich erlaubte er ihr aber doch ins Boot zu steigen.

Da sie befürchtete, ihr Vater werde ihre Kinder töten, oder verstümmeln, schickte sie die Adlet ins Binnenland, wo sie dann die Vorfahren eines zahlreichen Volkes wurden. Für die jungen Hunde machte sie ein Boot, steckte zwei Stangen als Maste in die Sohlen ihrer Schuhe und schickte sie über den Ozean. Sie sang dazu: »Angnaija, wenn ihr drüben über dem Ozean ankommt, werdet ihr viele Dinge machen, die euch Freude bereiten, Angnaija!« Sie erreichten das Land jenseits der See und wurden die Ahnen der Europäer.

Sednamythe

Auf einer Insel lebte einst ein Eskimo mit seiner Tochter Sedna. Seine Frau war schon vor geraumer Zeit gestorben und die beiden führten ein beschauliches Leben. Sedna wuchs zu einem hübschen Mädchen heran und von überall her kamen Freier, die um ihre Hand anhielten, keiner aber konnte ihr stolzes Herz rühren. Als dann im Frühling das Eis aufbrach, kam ein Eissturmvogel übers Eis geflogen und freite um Sedna, indem er sang: »Komm zu mir! Komm ins Land der Vögel, wo nie Hungersnot herrscht, wo mein Zelt aus den allerschönsten Fellen errichtet ist. Auf weichen Bärenfellen wirst du ruhen, was dein Herz nur begehren mag, werden meine Gefährten, die Eissturmvögel, herbeibringen; ihre Väter werden dich kleiden, deine Lampe wird immer mit Fett gefüllt sein, deine Schüsseln immer mit Speisen!« Solchem Werben konnte Sedna nicht lange widerstehen und sie zogen zusammen über das weite Meer.

Als sie schließlich nach langer, beschwerlicher Reise ins Land der Eissturmvögel kamen, entdeckte Sedna bald, daß ihre Hoffnungen schmerzlich getäuscht worden. Ihr neues Heim war nicht aus schönen Fellen, sondern mit erbärmlichen Fischhäuten, voll von Löchern, die Wind und Schnee freien Eintritt ließen, gedeckt. Statt aus weichen Fellen, bestand ihr Lager aus harter Walroßhaut, und sie mußte von schlechten Fischen, die ihr die Vögel brachten, leben. Zu bald nur erkannte sie, daß sie mit ihren Eskimofreiern ihr Glück abgewiesen hatte. In ihrem Kummer sang sie: »Aja! O Vater, wenn du wüßtest, wie unglücklich ich bin, würdest du in deinem Boot übers Wasser herbeieilen. Unfreundlich sehen die Vögel auf mich, die Fremde, herab; kalte Winde rütteln an meinem Bett; nur schlechte Nahrung gibt man mir. O komm und nimm mich in die Heimat zurück, Aja!«

Nachdem ein Jahr verstrichen war und die warmen Winde wieder das Meer bewegten, verließ der Vater seine Heimat, um Sedna zu besuchen. Voll Freude begrüßte ihn seine Tochter und beschwor ihn, sie doch wieder nach Hause zu nehmen. Als der Vater von der Schmach, die seiner Tochter angetan worden war, hörte, sann er auf Rache. Er tötete den Eissturmvogel, nahm Sedna in sein Boot und sie verließen rasch das Land, das Sedna so viel schmerzliche Enttäuschung gebracht hatte. Als die anderen Eissturmvögel zurückkamen und ihren Genossen tot fanden und sahen, daß sein Weib entflohen war, flogen sie alle auf, um die Flüchtige zu suchen. Aus Trauer über den Tod ihres armen ermordeten Kameraden, klagten und schrien sie den ganzen Tag.

Nachdem sie eine kurze Strecke geflogen waren, entdeckten sie das Boot und beschworen einen schweren Sturm herauf. Die See erhob sich zu gewaltigen Wogen und Untergang drohte den beiden. In dieser Todesgefahr beschloß der Vater Sedna den Vögeln zu opfern und warf sie über Bord. Mit schwachem Griff klammerte sie sich an den Bootsrand an. Da nahm der grausame Vater ein Messer und schnitt ihr die Fingerspitzen ab; als die ins Meer fielen, verwandelten sie sich in Wale, und die Fingernägel wurden die Knochen der Wale. Da hielt sich Sedna noch fester am Boot an und auch die zweiten Fingerglieder fielen unter dem scharfen Messer und schwammen als Seehunde weg, und als der Vater die letzten Fingerstümpfe abschnitt, wurden Robben daraus. Inzwischen hatte sich der Sturm gelegt, denn die Eissturmvögel glaubten, Sedna wäre ertrunken. Jetzt erlaubte der Vater ihr wieder ins Boot zu kommen. Von dieser Zeit an hegte sie einen tödlichen Haß gegen ihn und schwor bittere Rache.

Nachdem sie gelandet, rief sie ihre Hunde und ließ sie des Vaters Füße und Hände, als er schlief, abfressen. Da verfolgte er sie selbst und ihre Hunde, die ihn verstümmelt hatten, worauf sich die Erde auftat und die Hütte, den Vater, die Tochter und die Hunde verschlang. Seither lebt Sedna im Lande Adlivun als dessen Beherrscherin.

Das Land des Todes

In einem Dorf am unteren Yukon lebte eine junge Frau; sie wurde krank und starb. Als der Tod über sie kam, verlor sie für einige Zeit das Bewußtsein. Dann schüttelte sie jemand, daß sie erwachte und sprach zu ihr: »Steh auf, schlafe nicht; du bist tot!« Sie schlug die Augen auf, bemerkte, daß sie in einem Grabkasten lag und der Schatten ihres verstorbenen Großvaters neben ihr stand. Er streckte die Hand aus, um ihr zu helfen, sich aus dem Grab zu erheben und gebot ihr, sich umzusehen. Sie tat so und sah viel Leute, die sie alle erkannte, sich im Dorf herumtreiben. Dann drehte sie der alte Mann herum, mit dem Rücken gegen das Dorf und sie sah, daß die ihr so wohlbekannte Gegend verschwunden war; an ihrer Stelle lag ein unbekanntes Dorf da, das sich so weit, als ihr Blick nur reichte, erstreckte. Sie gingen in dieses Dorf und der alte Mann hieß sie in eines der Häuser eintreten. Als sie eintrat, hob eine alte Frau, die da saß, ein Holzscheit, um sie zu schlagen und fragte ärgerlich: »Was willst du hier?« Schreiend lief sie hinaus und erzählte dem alten Mann von der Frau. Er erzählte: »Dies hier ist das Dorf der Hundeschatten und du hast nun gesehen, wie es den lebenden Hunden zumute ist, wenn sie von den Leuten geprügelt werden.«

Sie gingen von da weiter und kamen an ein anderes Dorf, in dem ein großes Haus stand. Ganz in der Nähe dieses Dorfes sahen sie einen Mann am Boden liegen; aus allen seinen Gelenken wuchs Gras hervor und er konnte sich zwar bewegen, aber nicht aufstehen. Der Großvater erzählte, dieser Mann sei so bestraft worden, weil er Gras ausgerissen und Grasstengel gekaut hatte, als er noch auf Erden war. Nachdem sie einige Zeitlang diesen Schatten neugierig betrachtet hatte, wandte sie sich, um etwas zu sagen, nach ihrem Großvater. Er war aber verschwunden. Vor ihr lag ein Weg, der zu einem weiter entfernten Dorf führte. Sie folgte ihm und kam bald an einen reißenden Fluß, der ihren Weg versperrte. Dieser Fluß waren die Tränen der Leute, welche auf Erden die Toten beweinen. Als das Mädchen sah, daß sie nicht hinüber konnte, setzte sie sich ans Ufer und begann zu weinen. Wie sie ihre Augen trocknete, sah sie eine Menge Kehricht und Abfall, wie er aus den Häusern geworfen wird, den Fluß herabschwimmen und sich gerade vor ihr zusammenstauen. Wie auf einer Brücke überschritt sie darauf den Fluß. Kaum war sie am anderen Ufer, da verschwand das Zeug und sie ging ihren Weg weiter. Bevor sie noch das Dorf erreichte, hatten die Schatten sie bemerkt und riefen: »Es ist jemand angekommen.« Als sie hin kam, umdrängten sie die Schatten und fragten: »Wer ist sie? Von wo kommt sie?« Sie besahen ihre Kleider und fanden die Totemzeichen, die ihre Stammeszugehörigkeit anzeigten; in alten Zeiten hatten nämlich die Leute ihre Totemzeichen an ihren Kleidern und anderen Gegenständen, so daß man daran die Mitglieder eines jeden Dorfes und jeder Familie erkennen konnte.

Da rief jemand: »Wo ist sie, wo ist sie denn?« und sie sah den Schatten ihres Großvaters auf sich zukommen. Er nahm sie bei der Hand und führte sie in der Nähe in ein Haus. An der Rückwand saß eine alte Frau, die etwas murmelte und dann sagte: »Komm und setze dich zu mir!« Es war ihre Großmutter und sie fragte das Mädchen, ob es nicht etwas trinken wolle und fing gleichzeitig an zu weinen. Das Mädchen wurde ganz traurig, sah sich um und bemerkte einige ganz merkwürdige Wassereimer, von denen nur ein einziger, der fast leer war, so wie die in ihrem Dorf aussah.

Die Großmutter riet ihr, nur aus diesem zu trinken, denn darin sei ihr gewohntes Yukonwasser, während die anderen alle mit dem Wasser des Totendorfes gefüllt seien. Als sie dann hungrig wurde, gab ihr die Großmutter ein Stück Renntierfleisch, das ihr Sohn, der Vater des Mädchens, ihr einst bei einem Totenfest zugleich mit dem Wassereimer, aus dem sie eben getrunken habe, gegeben.

Die Großmutter erzählte dem Mädchen noch, daß ihr Großvater ihr Führer geworden sei, weil sie im Sterben an ihn gedacht hatte. Wenn ein Sterbender nämlich an seine verstorbenen Verwandten denkt, vernimmt man das im Schattenreich und derjenige, dessen der Sterbende gedenkt, beeilt sich, dem neuen Schatten den Weg zu weisen.

Als für das Heimatdorf des toten Mädchens die Zeit des Totenfestes kam, wurden, wie gewöhnlich, zwei Boten ausgesandt, um die Bewohner der Nachbardörfer einzuladen. Nach einem der Dörfer gingen die Boten lange Zeit, und bevor sie es noch erreichten, überraschte sie die Dunkelheit; endlich hörten sie aber vom Festhaus her Tanzlärm und Trommelschlag. Sie traten ein und überbrachten den Leuten ihre Einladung zum Totenfest.

Hier saßen die Schatten des Großvaters und der Großmutter und zwischen ihnen der des Mädchens unsichtbar bei den Leuten und als am nächsten Tag die Boten in ihr Heimatdorf zurückkehrten, folgten ihnen, immer unsichtbar, die Schatten. Als da das Fest schon fast zu Ende war, wurde der Mutter des toten Mädchens Wasser gereicht und sie trank davon. Dann gingen die Schatten aus dem Festhaus, um zu warten, bis bei der Zeremonie, bei welcher die Namensvetter der Toten ihre Kleider annehmen, ihre Namen aufgerufen würden.

Wie die Schatten dazu also aus dem Haus gingen, gab der alte Mann dem Mädchen im Eingang einen Stoß, sodaß sie umfiel und ihr Bewußtsein verlor. Als sie wieder erwachte, sah sie sich um und fand sich allein. Sie erhob sich, stellte sich im Eingang unter die Lampe und wartete auf die anderen beiden Schatten, um sich ihnen anzuschließen. Sie wartete da, bis alle Lebenden in den schönen neuen Kleidern herauskamen, aber von ihren Schattengefährten sah sie keinen.

Bald darauf kam ein alter Mann mit einem Stock hereingehumpelt, und als er aufsah, bemerkte er den Schatten, dessen Füße mehr als eine Spanne hoch über dem Boden schwebten. Er fragte, ob das eine Lebende oder ein Schatten sei, bekam aber keine Antwort und ging rasch ins Haus hinein. Hier sagte er den Männern, sie sollten rasch hinauslaufen und das fremde Wesen im Eingang, dessen Füße den Boden nicht berühren, und das nicht aus dem Dorf sei, ansehen. Alle liefen hinaus und als sie sie sahen, stellten einige ihre Lampen nieder und in ihrem Schein wurde sie erkannt und lief nun ins Haus ihrer Eltern.

Wie man sie da eintreten sah, glich sie in Gestalt und Farbe völlig einer Lebenden, aber sowie sie sich niedersetzte, erblaßte ihre Farbe und sie schwand dahin, bis sie nichts war als Haut und Knochen und zu schwach war, um sprechen zu können.

Frühmorgens des nächsten Tages starb ihre Namensvetterin, eine Frau aus demselben Dorf und ihr Schatten ging anstelle des Mädchens, welches wieder zu Kräften kam und noch viele Jahre lebte, ins Land des Todes.

Die Entstehung der Winde

In einem Dorf am unteren Yukon lebte ein Mann mit seiner Frau; sie hatten aber keine Kinder. Nach langer Zeit sprach eines Tages die Frau zu ihrem Mann: »Ich kann nicht verstehen, wieso wir keine Kinder haben. Kannst du es?« Darauf antwortete der Mann, er könne es nicht verstehen. Sie bat dann ihren Mann in die Tundra zu gehen und ein Stück vom Stamm eines einsamen Baumes, der dort stehe, zu bringen und daraus eine Puppe zu machen. Der Mann ging aus dem Haus und sah einen langen Lichtstreifen, wie Mondschein am Schnee, über die Tundra in der Richtung, die er einschlagen mußte, scheinen. Diesem Lichtschein folgend wanderte er lange, bis er vor sich in hellem Licht einen glänzenden Gegenstand sah. Als er auf ihn zuging, bemerkte er, daß es der Baum war, nach dem er ausgegangen war. Da der Baum dünn war, nahm er sein Jagdmesser, schnitt ein Stück seines Stammes ab und brachte es nach Hause.

Nachhause gekommen, setzte er sich nieder und schnitzte aus dem Holz einen kleinen Knaben; seine Frau machte für ihn Pelzkleider und kleidete damit die Puppe an. Auf Geheiß seiner Frau schnitzte der Mann dann noch eine Anzahl ganz kleiner Schüsseln aus dem Holz, sagte aber, er könne in all dem keinen Nutzen sehen, denn es werde sie nicht glücklicher machen, als sie es früher gewesen. Darauf erwiderte die Frau, daß die Puppe sie zerstreuen und ihnen Gesprächsstoff geben werde, wenn sie einmal von nichts anderem, als sich selbst, zu reden wüßten. Dann setzte sie die Puppe auf den Ehrenplatz, gegenüber dem Eingang und stellte die Spielzeugschüsseln voll Essen davor.

Als das Paar diese Nacht zu Bett gegangen und es im Raum ganz finster war, hörten sie verschiedene leise pfeifende Laute. Die Frau rüttelte ihren Mann auf und sagte: »Hörst du das? Das war die Puppe!« und er stimmte dem bei. Sie standen sofort auf, machten Licht und sahen, daß die Puppe die Speisen gegessen und das Wasser getrunken hatte und konnten noch bemerken, daß sie die Augen bewegte. Die Frau nahm sie zärtlich auf, liebkoste sie und spielte lange Zeit mit ihr. Als sie dessen überdrüssig wurde, setzte sie sie wieder zurück auf die Bank und sie gingen wieder zu Bett.

Wie das Paar am Morgen erwachte, bemerkten sie, daß die Puppe weg war. Sie suchten sie im ganzen Haus, konnten aber keine Spur von ihr finden, und als sie hinausgingen, sahen sie Spuren, die von der Tür wegführten. Von der Tür gingen diese Spuren den Strand einer kleinen Bucht entlang, bis etwas außerhalb des Dorfes, wo sie aufhörten, da die Puppe von dieser Stelle aus dem Lichtschein entlang gegangen war, dem der Mann gefolgt war, um den Baum zu finden.

Der Mann und die Frau verfolgten die Puppe nicht weiter, sondern gingen nach Hause. Die Puppe war den glänzenden Pfad entlanggegangen, bis dorthin, wo der Himmel zur Erde herabreicht und das Licht einschließt. Hart an der Stelle, wo sie war -- im Osten -- sah sie eine Öffnung in der Himmelswand, dicht verschlossen mit einer Haut, die, augenscheinlich infolge irgend einer starken Kraft, von der anderen Seite her, hervorgewölbt war. Die Puppe blieb stehen und sagte: »Es ist hier sehr ruhig. Ich glaube, ein kleiner Wind wird gut sein.« Darauf zog sie ein Messer und schnitt den Verschluß der Öffnung auf und ein starker Wind blies durch, allerlei mit sich führend, unter anderem auch ein lebendes Renntier. Als die Puppe durch das Loch sah, erblickte sie dahinter eine andere Welt, genau so wie die Erde. Sie zog dann den Deckel wieder über die Öffnung und bat den Wind, nicht zu stark zu blasen und sagte ihm: »Manchmal blase stark, manchmal schwach und manchmal gar nicht.«

Dann wanderte sie den Himmelsrand entlang, bis sie im Südosten zu einer anderen Öffnung kam, die auch verschlossen war und deren Deckel ausgebaucht war, wie bei der ersten. Als sie diesen Verschluß löste, strich ein starker Wind herein, der Renntiere und Sträucher und Bäume hereinwirbelte. Sie schloß dann die Öffnung wieder und bat den Wind so zu tun, wie sie dem ersten gesagt, und ging weiter. Bald kam sie zu einer Öffnung im Süden. Als da der Verschluß geöffnet war, strich ein warmer Wind herein, der Regen und Spritzwasser vom Meer, das auf dieser Seite hinter dem Himmel liegt, hereinführte.