Produced by Jens Sadowski
Johannes R. Becher
Verfall und Triumph
Erster Teil
Gedichte
Berlin
Hyperionverlag
1914
Gedruckt bei
Poeschel & Trepte in Leipzig.
Copyright 1914 by Hyperionverlag, Berlin
Fünfundzwanzig Exemplare wurden auf
Old Stratford abgezogen und in
der Presse numeriert
»Verfall und Triumph« wurde in der Zeit
vom Dezember 1912 bis zum November 1913
geschrieben. »Verfall und Triumph« ist
Frau Emmy Hennings zugeeignet.
Inhaltsverzeichnis
Eingang
Verfall
Der Freund
Mystisches Dasein
Gesang vor Morgen
Herbstgesänge I--V
Baudelaire
Verfall
Café I--III
Die Armen
Der Fetzen I--VII
Der Idiot
Geburt
Deutschland
Rückzug
Ahnung
Beengung
De Profundis
Päan des Aufruhrs I--III
Familie
De Profundis I--XIX
Krankenhaus I--III
Totenmesse I--V
Kleist
Die Stadt der Qual
Erscheinen des Engels I--II
Abend
Gesang zur Nacht
Die Stadt der Qual I--III
Bordell I--III
Begräbnis
Stunde des Todes
Der Mörder
Der irdische und der himmlische Gesang
Berlin
Mensch im Abend
Rimbaud
Der irdische und der himmlische Gesang
Die Huren
Der Wald
Aufbruch
Die Mutter
Die Nächte
Das Dreigestirn
Triumph
Entrückung
Trauer
Elegie
Fest
Frühlingsgesänge I--V
Kino I--III
Hymne an die ewige Geliebte
Die große Stunde I--VIII
Die Geißler
Drei geistliche Lieder
Ruhe
Der Tod
Triumph
Ausgang
Eingang
Der düstere Dichter im gewohnten Straßenkleide Stelzt durch den heiligen Tag, den Sonne groß entzündet. Die blonde Muse trippelt zwitschernd ihm zur Seite. Geschwellt vom milden Hauch der guten Frühjahrswinde Gibt Stadt mit Menschheit sich anheim der lauen Welle. Die vielen Plätze wirbeln um als Karusselle. Doch des Gestirnes Scheibe rußet. Finsternis Bestürzt die Erde, dunkler Regenwolken Wald, Erfüllt mit Ungeziefer, Schlangen Sprung und Biß Und brüchigem Labyrinthe, graus und kalt. Verachtungsvollst er im verlassenen Café kauert, Voll Haß und Ekel er auf brave Bürger lauert, Von Speise, Rauch und Gift sich fühlend angewidert, Mit Hände kühnem Griff er ein Gehirn zergliedert. »Ward Findling ich gesäugt an kranker Mutter Brust? Es rütteln Fieber mich. Mich zerren Träume wilde. Verdammung schwieret bös aus Nächte greller Lust Und ausgehöhlt von Fäulnis schwankt der Jungfrau Bilde. Hah! Wenn ich denke meiner reinen Kindheit Raub, Entschleudr ich, ein Athlet, der Lieder Eisenbälle, Die platzen Bomben, doch verbreiten weitum Helle. Der Dämon höhnet. Ja, Verzweiflung schlug mich taub . . .« Das Messer in der Tasche und zum Schuß bereit Den Browning strolcht er auf dem nächtigen Boulevard. Die schmale Dame blinzt und lächelt lüstern-breit. Er wartet wohlversteckt vor einer kleinen Bar. Er balgt sich öffentlich mit seiner tückischen Katze. Die Tiere sich zerfleischen, springen hoch, sich pressen. Die Zähne fetzen blutig aus zerstampften Fressen. Ihn narrt Vergangenheit mit Schuld und schiefer Fratze, Die Zukunft tastet nach ihm, irrer Geist und trüb. Den spitzen Schädel rennt er in die Mauer. Es ziehen Träume auf voll Qual und blutiger Schauer. Um seine schlanken Hüften zuckt der Geißel Hieb. Demütig er und knieend flehet Gott um Gnade. Er haust asketisch in des Sarges dumpfer Lade. Die Hölle brauset wirr, die Himmel sich empören. In finsterer Gasse frierend seine Hure schleicht. Die sanfte Schwester ihm die laue Suppe reicht. Luft stiebet pfeifend aus zerfressener Atemröhre. »Wenn ich die Finger krampfend in die Decke kralle, Verwünschend meiner Freunde Glück und holde Stunde, War anders je mein Los, als daß ich einsam wallte, Vernichtung sinnend, klügelnd aus, wie ich verwunde, Wie ich gewaltig schreck die gänzlich Unbedachten, Umstricke tödlich sie mit schmählichstem Verdachte, In selige Räusche menge unerhörtes Gift . . . O Rache! Rache, die zurück den Rächer trifft! -- --« Jetzt, da der Flüsse Lauf vor Winters Bollwerk stockt, Er steigt getrost zu ewiger Grüfte engem Porte. Der Blitz sprüht seine Schrift. Im Donner dröhnt sein Wort. Ein schwarzer Engel auf dem Stein als Denkmal hockt.
Verfall
Der Freund
Er streichet wieder durch die blauen Nächte leis,
Verstöret mich mit langem Flüsterwort.
Er ist beständig auf der Weltenreise.
Er fährt mit heller Lüfte Wolken fort.
Er saß in Trümmertempeln plötzlich ungeheuer,
Wo rote Düsterlampen schwelten ganz allein,
Und Rillensäulen sich aufbäumten, Feuer
Verbreitend, leuchtend ungemein.
Bald hockte er in spitzer Felsen Höhle,
Von schräger Sonne gänzlich ausgebrannt,
Die Kinderhände um die Hälse jammernder Kamele.
Brennender Dorn in Sturm und Wüstensand.
Bis gelben Strom er ward hinabgetrieben,
Der fiel ins Meer der vielen Inseln licht.
Von bösen Wintern unberührt geblieben,
Er wandte sein unwirkliches Gesicht.
Aufschlug ein Wald mit rauhen Blätterzungen
Und grüne Wiese hob sich halb und sang wie Flöte süß,
Von großer Liebe Himmel blau durchdrungen,
Der niederfuhr und Goldposaunen blies.
Auf einem Esel grau durchritt er weite Städte, Wo schlanke Palmen bauten wieder Tempel kühl. Die Frauen rauschten. Er ward aller Nacht und Bette, Dann Sonnenglanz und buntes Marktgewühl.
Nun treibt er wieder mit Gesang und weißen Schafen Durch wirre Öde, Fels und düsterer Trauer Hain -- (. . . Du mögest einmal bei mir schlafen! Das enge Bett wär nicht zu klein . . .)
Du bist es, den ich nächtlich oft auf Bänken
In Parkanlagen oder unten tief am Flusse finde,
Du armer Bettler, den ich denke,
Wenn ich den aufgegangenen Schuh mir binde.
Ein wenig gleichst du der Geliebten auch.
Bist Duft von ihr und Hauch von ihrem Hauch.
Mystisches Dasein
Ich bin nur da, um selig dir zu weinen
Und daß vielleicht mir dieses noch gelinge,
Auf daß ich makellos vor dir erscheine
Und nichts mich in Verwirrung bringe,
Nicht jenes strahlende Gespann,
Das brüllend sauset über Kluft und Bogen --
Daß ich von dir nur angezogen
Mich ganz in dich verlieren kann.
Gesang vor Morgen
Da kotzt auf Dächer Mondes schiefer Mund
Gallgrünen Schleim. Noch Autobusse zögern.
Die Straße heult, ein aufgeteilter Hund,
Dadurch wir waten dünn mit Aktenschmökern.
In hohen Lüften Kohlenhaufen glosen. Der Wolken graue Röcke weisen Schlitze. Geschwollene Scham quillt auf ein Himmel rosen, In dessen Fleisch wohl krumme Messer blitzen.
Die Mörder unter düsterem Baldachin
An Galgen baumeln, schlagend oft zusammen.
Auf Plätze klatschen Kübel Blutes hin.
Der Häuser Hüften peitschen Scharlachflammen.
Die Huren sammeln sich vor blinder Kneipe,
Wie Vogelscheuchen flatternd auf dem Felde,
Die klappern in der Morgenwinde Kälte. --
Wir werden uns an fernem Ort entleiben.
Herbst-Gesänge
I
Laubkronen schon beginnen zu entschweben, Weiß überfallen uns die Dämmerungen. Von Fäulnis ist des Himmels Schwamm durchdrungen. Wie Schnecken wir an schleimigen Straßen kleben.
Wo bliebst du Held in goldener Strahlen Panzer? Du schlafest, Gott, im Haar der Sterne Streifen. Von Dunkelheiten sind wir rings umschanzet. Geduckt. Vergangenheiten nach uns schleifen.
Der uns in Krankheit warf und Zuchthauszwang, Der niederstieß den Stock, daß klaffend sprang Der Halle Boden, und den Kopf uns schor --
Gealtert früh und vorzeitig bekümmert,
Von Lampennacht und eklem Tag verschlimmert,
Uns Kauernde saugt tief ein finsteres Tor.
II
Verkünderinnen großer Himmelsfreude Schwebt durch die Nacht, die schlimm Verwesung würzt, Um mich, des Herbstes dumpfen Fall und Beute, Der unheilvoll den weißen Tag mir kürzt.
Schminkt Wangen bunt mit eueren Schattenhänden, Die ihr wie Brunnen euch jetzt höher dreht! Durchbohret mich erschauernd, tiefer . . . wendet Nochmals das Antlitz her, bis bang verweht
Musik, die aufquoll von Hotelterrassen,
Um die ich schleiche, matt und ausgeraubt.
Vor Jener Nahn ich muß euch schnell verlassen.
Fahret empor im Winde rund als Staub,
Hinstöhnend unter Rädern, die euch fassen,
Als Donner kalt, der kracht die Plätze taub.
III
Ich Made in dem flimmernden Totenkleide, Das mit viel gelben Lichtern niederhängt. Die Kohlenstadt, verschmiert von Winters Kreide Begräbt der Sturm, der Meer und Himmel mengt.
Nun eingesperrt im ewigen Geklüfte,
In eisiger Hölle Nimmerwiederkehr . . .
Doch steigen wir auf zur Nacht als Nebellüfte
Und ziehen überm weißen Flusse her.
Wir träumen Sommer nach, und was gewesen
Erscheint uns warm, von besserem Stern erhellt.
Uns reiben wund der fliegenden Wälder Besen.
Uns kratzet auf das böse Stoppelfeld.
Uns töten bald der goldenen Strahlen Stöße.
Bei blauen Küsten sinken wir, zerschellt.
IV
Ein matter Mond wie dumpfes Gong ertönt. Nicht reise du in Armut mehr und Körperfülle! Aufblitze du, o silberne Kanüle, Und schwebe Bett, aus dem du springst und stöhnst!
Von Stadt und Landschaft knieend vorgelassen --:
Durchjage mich, vernichte mich, o Strahl!
Im Café scheppern die entleerten Tassen,
Ein Zug fällt steil wo in ein dunkles Tal.
Um einen Tag bog ich, der voller Feuer stand, Der fachte an der vorgegangenen Tage Reihe. Ein Wurm ich mich durch brennende Gegend wand.
Wann rauschet über meines Kerkers Dickicht Bläue, Wann liege ich am Meer im Sonnenbrand Und schweife aus durch Wind und Schaum ins Freie?
V
Ich bin nur Frage und Verkommenheit,
Fetzen im Wind, der um Balkone fährt.
Ich bin der Einspruch im entbrannten Streit,
Gewicht, das eueren Höhenflug beschwert.
Wie plump, hinfällig, kalt und widerlich! O daß du Vieh dich tief im Stall verkröchest! Daß dich, der scheu um windige Ecken schlich Des Nachts --: ein Strolch, ein Strolch bald niedersteche!
Verwickele dich ins Dunkele! Pack dich ein!
An Nasenhaaren baumelt grüner Stein.
In deinen Augen Schimmelmond gerann.
Dein Kopf ist Schorf. Verfrorene Ohren sind
Papierene Schirme, dick verklebt mit Grind.
Aus stinkichtem Maule wächst dir brauner Zahn.
Baudelaire
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Bruder, den ich aufgelöst umarm.
Atem feucht, den ich erschauernd spür.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.
Schlägt ein giftiger Dunst aus nassem Wald.
Nebelhauche blanke Fenster trüben.
Mauern sprengen Fäulnis, Brand und Frost.
Blinket wohl ein Herbst in mattem Golde.
Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche.
Ruf ich dich an Sees verwachsenem Ufer.
Kauerst du im Abendhorizonte,
Der sich färbt mit deiner Gräuel Blut.
Such ich dich im Wirrwarr der Gebüsche.
Atem feucht, den ich erschauernd spür.
Bruder, den ich aufgelöst umarm.
Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Atem feucht, den ich erschauernd spür.
Fressen Schatten gier an meinen Schultern.
Saugt aus meinen Adern Natternbrut.
Balanziere ich durch klitschige Gassen.
Himmel dräut als Eises starrer Klotz.
Fressen Schatten gier an meinen Schultern.
Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde,
Wüst verschminkt in Bogenlampe Glanz.
Ein Klavier bespeit mich mit Geklimper.
Rausch mich trostlos Traurigen verschwemmt.
Und mein Weib stelzt in der nächtigen Runde.
Bruder, den ich aufgelöst umarm.
Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Atem feucht, den ich erschauernd spür.
Bruder, den ich aufgelöst umarm.
Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster.
Unsere Lippen leiern schauernd das Gebet.
In Gefängniszellen toben wir zerprallend.
In den Krankenhäusern humpeln wir zerstückt.
Hoch der Grube schwankt der Sterne Lüster.
Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende,
Hinfällig, in Azur ragende Gerippe.
Daß der Blitz des Zorns uns bald entzünde,
Daß wir Leuchten seien letzter Nacht!
Wir, die aufgebaut an des Verfalles Ende.
Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Schwarzer Engel meine Schritte leitet.
Atem feucht, den ich erschauernd spür.
Bruder, den ich aufgelöst umarm.
Groß Gespenst im Fluche des Jahrhunderts.
Verfall
Unsere Leiber zerfallen,
Graben uns singend ein:
Berauschte Abende wir,
Nachtsturm- und meerverscharrt.
Heißes Blut vertrocknet,
Eitergeschwür verrinnt.
Mund, Ohr, Auge verhüllet
Schlaf, Traum, Erde, der Wind.
Gelblich träger Würmer
Enggewundener Gang.
Pochen rollender Stürme.
Wimpern, blutrot lang.
. . . »Bin ich zerbröckelnde Mauer,
Säule am Wegrand, die schweigt?
Oder Baum der Trauer,
Über den Abgrund geneigt?« . . .
Süßer Geruch der Verwesung,
Raum, Haus, Haupt erfüllend.
Blumen, flatternde Gräser.
Vögel, Lieder, quillend.
»_Ja --: verfaulter Stamm_ . . .«
Schimmel. Geächz. Gestöhn.
Unter wimmelnder Himmel Flucht
Furchtbarer Laut ertönt:
Pauke. Tubegedröhn.
Donner. Wildflammiges Licht.
Zymbel. Schlagender Ton.
Trommelgeschrill. Das zerbricht. --
Der ich mich dir, weite Welt,
Hingab, leicht vertrauend,
Sieh, der arme Leib verfällt,
Doch mein Geist die Heimat schaut.
Nacht, dein Schlummer tröstet mich,
Mund ruht tief und Arm.
Heller Tag, du lösest mich
Auf in Unruh ganz und Harm.
Daß ich keinen Ausweg finde,
Ach, so weh zerteilt!
Blende bald, bald blind und Binde.
Daß kein Kuß mich heilt!
Daß ich keinen Ausweg finde,
Trag wohl ich nur Schuld:
Wildstrom, Blut und Feuerwind,
Schande, Ungeduld.
Tag, du herbe Bitternis!
Nacht, gib Traum und Rat!
Kot, Verzerrung, Schnitt und Riß --
Kühle Lagerstatt . . .
Alles muß noch ferne sein,
Fern, o fern von mir --
Blüh empor im Sternenschein,
Heimat, über mir!
Einmal werde ich am Wege stehn,
Versonnen, im Anschaun einer großen Stadt.
Umronnen von goldener Winde Wehn.
Licht fällt durch der Wolken Flucht matt.
Verzückte Gestalten, in Weiß gehüllt . . .
Meine Hände rühren
An Himmel, die von Gold erfüllt,
Sich öffnen gleich Wundertüren.
Wiesen, Wälder ziehen herauf.
Gewässer sich wälzen. Brücken.
Gewölbe. Endloser Ströme Lauf.
Grauer Gebirge Rücken.
Rotes Gedonner entsetzlich schwillt.
Drachen, Erde speiend.
Aufgerissener Rachen, die Sonne brüllt.
Empörung. Lachen. Geschrei.
Verfinsterung. Erde- und Blutgeschmack.
Knäuel. Gemetzel weit . . .
. . . »_Wann erscheinest du, ewiger Tag?_
Oder hat es noch Zeit?
Wann ertönest du, schallendes Horn,
Schrei du der Meerflut schwer?
Aus Dickicht, Moorgrund, Grab und Dorn
Rufend die Schläfer her?« . . .
Café
I
Die runden Tische drehen gut im Takt.
Es kollern Flöten wimmernd im Gerölle.
Ein Bogenlicht in wirren Strahlen zackt.
Wir schmoren ausgezehrt in lauter Hölle.
Was sind wir, daß in jenem gleichen Grau
Die Schleierdame in uns Reize weckt?
Ach, krochen wir aus hohler Gassen Bau
In dies Gewölb, das jeden Schmerz aufdeckt?
Ach, dürften wir gesunden so in Schnelle,
Uns atmen frei durch diesen trüben Dunst!
Die vielen ernsten Kellner eilen schnelle.
Ein finsteres Vieh, die fette Pauke, grunzt.
O, werden wir aus unserem Rausch erwachen,
Kühl Morgens einmal Nüchternheit erleben?
Wir schreien eingepfercht in Qual nach Rache.
Es wär uns klug, nach einem Amt zu streben.
Daß uns die Zukunft anders offenbare!
Daß ackere um uns toller Leiden Pflug!
Daß wir das Tröstliche dereinst erfahren!
Daß freudig schreiten wir gewaltigen Zugs!
Es rasseln Geigen, Geigen tödlich-schrill.
Die Lärmtrompeten heulen elend-heiser.
Wir schweben durch verworrene Nächte still
Mit Augenaufschlag und als Wunderpreiser.
Daß du entnimmst uns in die große Stunde, Ein gütiger Geist, und schlürfst uns als Oblate. Daß wir zergehen süß in deinem Munde . . . Da schlängeln sich durchs Blut der Gifte Pfade,
Da auch Gestalten wandeln scheinumrandet
Und Tote sind in weißen Linnen da.
Wir aber, rings von Tönen Schlamms umbrandet,
Zersetzen uns, uns manchmal trunken-nah.
II
So harren wir in allen Nächten spät,
Daß unser Herz was Seltsames erfahre.
Daß nur kein fremder Hauch, kein Licht uns rühre,
Sonst sind zerfallen wir und ausgeweht.
Wo haben euch die Stunden hingenommen
Dich blonden Nachbarn, dich, du mageres Kind?
Dich Weißbierschale, Tasse und Absinth?
Zu welchen Meeren seid ihr hingeschwommen?
Ists klar bei euch? Ists Frühling oder kalt?
Und steigen auf verkohlter Wälder Pfähle?
Ja, wenn wir uns aus diesen Hallen stehlen,
Wir treten wieder müde den Asphalt.
Jetzt aber sollen uns die Wände fressen.
Wir sind gelangweilt. Müssen heftig gähnen.
Wir krachen unter den sehr kräftigen Zähnen
Von Ungeheuern und die Hände pressend
Wir flehen wütend, flehen brünstig bang,
Auf daß ein Unerhörtes uns errette!
Ob es erwächst aus einem warmen Bette,
Ob es ersteht beim Todesröchelklang
Der in der weiten Dämmerung erwachten, Bald schläferig abwärts schwankenden Kapelle? Es blitzt ein ewiger Tag in blutiger Helle. -- Wir wollen fürder hassen und verachten.
III
Wir finden uns geängstet im Gewahrsam Von tausend Menschen, die sich kreisend ranken. Wir neigen uns demütig, leben sparsam Und treten rückwärts vor geschlossener Schranke.
Oft bricht gehässig wohl aus unserer Rede
Ein Wort und manchmal wird ein Fluch geschleudert.
Nun knieen wir, zur holden Magd zu beten,
Derweil die Bande toller Lüste meutert.
Wer führte uns aus diesen Engbezirken,
Wer höbe auf der Fenster helle Pracht?
Wir wollen tiefer in uns Ekel würgen,
Verzweifelt angehören stumpfer Nacht.
Sie wird erblassen. In den schwarzen Haaren Wird sich ein Silberfaden glänzend zeigen Und Strahlen werden sich rings um uns scharen, Bejubelt von dem Ablauf winziger Geigen.
O Dirigent, fach an das höllische Feuer,
Treib auf die Spitze dieser Töne Schwall!
Erpeitsche uns das letzte Abenteuer!
Durchjage uns mit Blitz und Wasserfall!
O dröhne, dröhne Donner! Zacke Schwert!
Vernichte Jubel Ohr und fetze Mund!
Und, sind wir nicht der spröden Klarheit wert,
Barmherziger Gott, o richte uns zugrund! --
Schon flutet wieder nieder die Empörung.
Wir fuchteln nur mit Armen zuckend-wirr.
Wir schlingen trüber lächelnd die Verschwörung,
Da wirbeln alle Gläser mit Geklirr.
Die Armen
Im Wintersturm die gelben Bogenlampen klappernd schwanken. Ein falber Schein der Plätze heulende Rotunde füllt. Die Droschkengäule kreiseln enger. Autobusse ankern. Geschleudert durch vereiste Öden saust des Mondes Schild.
Aus Domes feuchtem Kerker dringen furchtbare Choräle. Hell rascheln Klingeln durch der Priester monotonen Sang. Da Kerzen flackern in dem muffigen Hauch aus Gräberkehlen Und zündeln hoch den Schimmelwänden, längs der Säulen Gang.
Die Blinde ächzet leis, ein Klumpen, in der Ecke knieend, Die durchs Gebiß verrückend-grün die schmale Zunge bleckt. Ein Veteranenkrüppel mit des Armes welkem Gliede Die Krücke schräg auf Christi dürres Holzkreuz weisend streckt.
In düsterer Gegend wallen schimmernd blasse Büßerfrauen, Den gelben Engeln ähnlich, die vom Strahlenaltar blicken Mit ausgebrochenen Augen in ein kaltes Dämmergrauen, Nur manchmal lächelnd mit den dünnen Palmenstengeln nicken,
Wenn hoch die bleiche Hostie in der güldenen Monstranz Wie Sonne in der Frühe über Berge zymbelnd steiget, Wobei die holde Gottesmagd, verklärt im Lilienkranz Erlauchter Mutterschmerzen gnädig durch die Niederung äuget . . .
»Jetzt lallen wir mit trockenen Lippen unser Nachtgebet, Dann flüchten eilends wir zurück in finstere Asyle. Da heute uns kein guter Mensch ins Haus zu Gaste lädt, So schlingen hüstelnd wir als Fraß der weißen Nebel Kühle
Und jenen heißenden Hauch, bei dem der arge Frost gefriert, Und brechen wir mit knöchernen Fingern krampfend dürre Äste, Man läßt vielleicht uns, räudigen Hunden, Küchenreste. Dem gütigen Geist, der also uns erhält, viel Dank gebührt.«
Im Zwischendecke schlafend mit den Koffern, um die Kisten Sie schlingen ihre schwarzen Arme, ausgezehrt und schwach. In schäbiger Klause sie wie grauer Vögel Schwärme nisten. Es schleudern erste Föhne taumelnd-irre sie vom Dach.
Der Arzt tut bitter, der mit dicker Lauge ätzt und Spritze. Habt ihr genähret euch die kalten Wochen durch mit Lauch? Habt ihr gespült den Darm, durchschwemmt den Bauch mit Brei und Grütze? In wunde Lungen eingesaugt der Salze Hauch?
Die Tische wackeln, stehen schief, zerhacket von Gezänke, Da Väter kollern um die Stürze schwangerer Mütter her. O ahntet ihr der Reichen Spiel und Traum und heitere Schwänke, Die Tänze hinterm Vorhang, leicht beschwingt und schwer!
»Christus, du Siechen-Hort, du unser Freund, wardst zum Verräter, Ein Mörder schleichend durch die trübe Gasse, schmal und streng. Durch unsere schlimmen Nächte heult dein himmlischer Trompeter, Der Engel schwarz mit Feuersturz aus wolkichtem Gedräng.
Christus! . . . Und waren wir doch Huren, Kranke und Verbrecher Voll gläubigen Vertrauens innig-schüchtern dir Genahte? Du aber übtest nur Gewalt als Block und Henker-Rächer, Uns nicht besänftigend mit Balsamguß und Trostes Gnade.
Christus! Wie hofften wir, daß herrlich du uns einst erschienest! Christus! Wie wünschten wir, daß du ein Bruder mit uns weintest! Christus! Wie flehten wir, daß du dem zornigen Gott uns eintest! Christus! Wie zittern wir, daß herrlich du dereinst erscheinest!
Die Ungerechten sollten blutend in die Flüsse taumeln. Die Lauen würden sich verröchelnd auf den Plätzen strecken. Die Bürgermädchen müßten zwar an ihren Zöpfen baumeln Und die Beamten-Schnauzen würdest du in Jauche stecken.
Wir kämen dir entgegen laut mit Jubelschwall und Fahne, Wir führten Reisemüden dich in unsere Gemächer, Dann trätest du verklärt-entzückt auf luftige Altane, Da tief im Straßenschacht die Völker in die Kniee brechen . . .
Was rufen wir verzweifelt dich, der tut sich niemals kund, Der bleibt, ein kalt Geripp, versargt in Erde nasser Hülle? Kein reiner Kuß blüht hoch aus unserer Fieber faulem Schlund, Wild wächst nur Angstgeschrei und Marter pfauchendes Gebrülle.
Um Allerseelen aber wandern wir in langen Zügen Zum Friedhof, schlagend uns durch Park und Hain in spätes Grün. Der Herbste dünne Winde tief die Wipfelbäume biegen, Bald jagen wir auf Karussellen froh am Feste hin.
Brecht ein in unsere Körper wie in dornichtes Gestrüppe, An unserer Hüften Knochen stoßt euch nässend-wund! Da blinkeln Eiterknoten, Narbenschorf auf Stirn und Lippe, Und Seuchen wälzen träg sich, Schlangenbrut, auf finsterem Grund.
Im hellen Laden schöne Ringe und Demanten schillern. Die vielen Singevögel in den weiten Gärten trillern. Wir schleppen uns zum letztenmal, veraltert und gebückt Durch diese Pracht. Ein billiger Blumenstrauß, zerzaust -- zerpflückt.
Im Hause müssen wir bei Gases schlechtem Schein verwelken. Das frische Wasser kann uns nicht den harten Tod ersparen. Da ziehen vor als dichte Schleier wir die Strähnenhaare Und sausen nieder unterm Krachen der Gehirn-Gebälke.
Wir jauchzen gell. Beginnt! Wacht auf uns zu empfangen! Wir wollen tüchtig helfen euch den eisernen Kessel schüren. Wir wollen Gott, der Kräfte Dieb, mit glühenden Fesselzangen In unseren Kerker im Triumph zu heißer Folter führen.
Hier müßte er die tausend Qualenstunden dreifach büßen Und leiden in das Dunkel eisiger Spalten eingepreßt. Ihn überwuchere heftig Ausschlag, raffe nieder Pest! Der Brände Strahlenfälle spitz ins weiche Fleisch ihm schießen!
Wir wollen ihn erniedrigen, zu Unseresgleichen reißen, Daß ihn Gemeinheit zauberisch locke, tückisch ihn bestrick! Wir wollen ihn mit unseren gekotzten Brocken speisen Und tränken ihn mit eklem Spülicht. Auf sein Stiergenick
Die Füße dröhnend setzen, bis ein fetter Wurm er sich Am Boden krümmt. Die Engel in den Höhen schauerig jammern. Wir wühlen hoch uns. Bohren durch uns. Aus den kaltem Kammern Marschieren wir mit Paukenknall in jäher Sonne Stich,
Befreit von Gottes Druck in ätherflüssigen Gewändern (Da Düfte-Meere unsere Dulder-Körper lind umstreichen, Wo, schöne Bräute, harren unser neue Himmelreiche) Zu fernen Horizonten, die sich rosig-flammend rändern.«
Der Fetzen
Wir weinen uns durch Haft und Äthersaal
Einander zu . . .
I
Auftritt Sängerin im ganz verschlissenen Kleide, Wangen grabgehöhlt, der Haare Stroh gescheitelt. Tänzelnd schwebend über rosenem Schwall von Rauch. Heimatlieder zirpend. Ventilator faucht.
Vorgebeugt. Jetzt rückwärts stürzend zum Klavier. Strahlenden Blicks, als ob sie Himmel offen säh. Heulend auf, als ob sie Todes Schatten rühr . . . Blonder Engel, schenkst dich aus im Cabaret! . . .
Gift und Küsse haben jauchzend dich zerstückt! Schreite wie ein Pilger hinter dir gebückt, Reih mich ein demütig in die Brüderschar, Die um dich einst, tollverzückt, entglommen war.
Deine Vogelaugen kränzet Lilaflor. Ach, wir fallen nieder unter jedem Tor, Auf den nassen Bänken. Steil wächst goldenes Licht. Fliederschleier wallen um dein Schmerzgesicht.
In den großen Kirchen sind wir gern zuhaus. Selig uns durchströmet flammender Orgel Braus. Blasse Jungfrau, hast du die Verkommenen lieb? Überstreich mit Salbe kranken Leibes Sieb! . . .
Fremde Stadt mit der Paläste gradem Bau! Krümme mich zerpeitscht von spitzen Regen grau. Daß vielleicht ich Näh und Linderung fühl, Eilt ich spät ans Ufer düsteren Flusses kühl.
Von Pistolen, unter Messern hingestreckt Springende Wunden deiner Hände Schale deckt, Schleppe mich, auf dich gestützt, in dein Gemach, Wo ich etwas noch, verblutend, bleibe wach . . .
Krankenhaus und Haft und Hungers Pein, Kavaliere, Schlägerei, gebrochener Wein . . . Flattere ängstlich durch die Nächte, schäbiger Fetzen, Den der Winterstürme kläffende Meute hetzet.
Der Kasernen Mauern wanke alt entlang! Kauere Bettelweib in Wirtschaft schmalem Gang! Würg aus trockener Kehle dein »A la Villette«! Dreh dich schlaflos in Hotels verdrecktem Bette!
Schluchz bei sanften Schwestern, wächsernes Mädchenkind! Spucke Lungenblut! Langer Eiter rinn! Löse die Verbände fiebernd! Mach dich frei! Bäum empor dich! Reiß dich los mit brennendem Schrei! . . .
II
Deines Atems heller Wind
Schwellet Segel leicht
Und enthüllet
Goldene Abendländer über Wolken weiß.
Über Glutgebirgen
Blutet Sonne schwer,
Zu den himmlischen Bezirken
Wogt entrücktes Meer.
Was mag noch gelingen?
Man wird nichts mehr tun.
Kühle Lüfte, Tote bringen
Heiligen Schlaf. Komm, laßt uns ruhn!
Hirt mit Flöte. Sanftes Tier.
Zerrissener Ufer bunter Klang.
Eng umschlungen sinken wir:
Seliger, süßer Untergang.
III
Nun, da längstens hörten auf zu rollen
Wilder Städte Donner von den Hängebrücken,
Schrille Laute, die vom Platz erschollen
Ruhen starr in tränenden Mondes Blicken:
Treiben wir dahin, wo die Blätter fielen,
Die ein weißer Sturm des Tags herabgejagt,
Die Allee entlang im laubichten Gewühle,
Das jetzt eines Turmes silbernes Horn durchragt.
Und wir schlafen ein im großen Bette,
Das, ein Schiff, uns von der Erde trägt.
Unserer heißen Küsse dichte Kette
Sich, als Traum süß, über Müde legt.
Lasset uns auch beten für die Armen,
Die wir sahn an windiger Ecke stehn,
Lasset uns auch wünschen Frierenden Tücher warme,
Linderung der Mütter Wehn!
Wir jetzt liegen wie in Zuchthaushallen,
Nackte Büßer auf verfaultem Stroh.
Draußen heulend schwarze Regen fallen
Unter Blitze zackichtem Geloh.
Die erfüllen mit verworrener Helle
Unser niedriges Gemach.
Züge flattern durch mit Hundgebelle,
Pferdewiehern und mit Schüssekrach . . .
O, so fasse meine zitternden Hände,
Daß ich in empörte Gründe stürze nicht!
Da in weiße Wälder wandeln schon sich kalkige Wände,
Heiliger Morgen frischet dunsenes Gesicht.
Fette Kräuter aus dem Boden sprießen.
Werden wir mit Sommer schön beschenkt?
Die Gebirge schaukeln hinter Wiesen,
Ein Gewitter grau am Himmel hängt . . .
IV
Klagende du aus ächzender Bäume Zweigen,
Die bald leuchtend fallende Nacht begräbt,
Bald entrückt in jenen flimmernden Reigen,
Der um Mondes silbernes Denkmal schwebt:
Noch tönt Stimme dein aus knieenden Wäldern.
Lege um die Brust ein wollenes Tuch!
Ruf im Schlafe an die toten Eltern!
Lös dich auf im herbstlichen Geruch!
Tauch in öligen Strom hinein!
Laß dich tragen von den heißen Winden!
Steige auf im Abendschein,
Daß du hin in Wolken schwindest!
Winke vom brennenden Turme den heulenden Völkern zu! Dröhne wild als Paukenschlag im glühenden Orchester! Strahle kühn in unerhörtem Clou! Schlinge, schlinge deine Arme fester!!
V
Du bists, Quartier mit den verhängten Fenstern
Und bunten Mädchen über nassem Strich!
In allen, die vorüberschlenkern
Und denen an den Ecken seh ich dich.
Es ist nicht schön zu hungern
Und zu spazieren durch die Stadt,
Um früh in einem Beisel sich zu treffen,
Sich essen an den Brocken aus den verdreckten Töpfen satt.
Wie arm wir sind! Wir zucken beim Berühren. Ganz aufgeschwollen bist du und dein Leib ist wund. Nur manchmal wir wie einstmals uns verführen, Ich liebe deinen großen Mund!
So alle Tage wir verschlafen.
Du hast noch eine Stunde Zeit --
Wir liegen berstend in den Betten
Und lesen Kriminalromane.
VI
Komm ins warme Haus!
Nein, du willst mich nicht.
Du bleibst lieber draus.
Blauen Schneees Licht
Flimmert, blondes Haar
Glänzt so eisig naß,
Antlitz wunderbar
Zerret Lieb und Haß.
Schlottern meine Kniee,
Denn ich wart auf dich.
Wilden Tag ich fliehe,
Der sich stellt vor mich.
Einmal in der Nacht
Wirds schon wieder klopfen:
Weinend Regentropfen
Bist du aufgewacht.
Ach, ich wieder fühl
Dich an meiner Seite.
Auf der Strahlen Brücke stiegst
Du herab in schwarzem Kleid.
VII
Wir aus des Stalles Stank und Feuchtigkeit
Dein ekles Vieh,
Herrgott,
Du tränke uns noch einmal vor Morgen!
Aus roten quadratischen Gebäuden
Wir wittern Abfluß unseres Bluts.
Doch,
Auf dem wir heute noch flacken, Stroh,
Rauschet wie Korn und duftet wie Heu und ist Sommer.
Herrgott, unser Gebrüll töst Gebet.
Unsere stachlichten Zungen, Herrgott, belecken dich,
Deines Fußes und Gewandes Marmor.
Tränke uns!
Ach, und
Streu etwas Frühsonne in unser letztes Geschwank!
Der Idiot
Er schwirrte durch der großen Städte Flucht. Das traf ihn schwer. Auf hohlen Plätzen tosten Glitzer-Feste. Staubwirbel bliesen ihn durch grüner Abendhimmel flaches Meer. Er hockte heulend nachts auf Kuppeln brennender Paläste.
Und seine Straße warf sich steil empor und schraubte Sich hoch hinaus bis an vergilbten Mondes Zackenrand, Wo bog sie um und sprang zum Abendstern, der schnaubte, Spie Feuer, riß rückwärts sie, daß stöhnend sie sich niederwand.
Er schlug, die Augen grün, Schaum dick ums Maul
Auf heißes Pflaster. Säule ward sein Schrei.
Ganz leise sang ein Droschkengaul
Und weiße Schleier wehten dicht vorbei.
Es stürzten Türme groß und Mauern drob zusammen. Auf allen Dächern tosten Flammen laut. Die Dome knieten nieder. Berge schwammen Zur Stadt herein, von Regenbogen kreuzweis überbaut.
Da fuhr ein greller Strahl durch sein Gehirn.
Es gellte. Mövenschwärme schreckten auf.
Blütenwälder weiß begruben ihn.
Geburt
Die Alte streckt sich weiß mit prallem Bauch. Sie hat Katarrh. Sie hängt voll Blut und Rotz. Im kleinen Raum der eiserne Ofen raucht. Ihr kleiner Kopf von gelben Haaren strotzt.
Mit glänzenden Augen sie zum Kreuze glotzt,
Das in die bittere Umwelt goldig taucht,
Und während rings die kühle Dämmerung haucht
Hat sie den Klumpen brüllend ausgekotzt.
Deutschland
Ein Gymnasialdirektor stelzt im Grunewalde. Ein Weib spaziert im Dunkel, grünlich und zernagt. Ein kleiner Fürst kommt an, ganz Wichs und Bügelfalte. Der Reichstag ward zum fünften Male heut vertagt. Es steigen weiße Straßen, jubelnd im Geglänze Erwachten Frühjahrs. Finster streift Napoleons Schatten. Starr im Schein der fahlen Flammenkränze Bewachen Batterien einen Hügelthron.
Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen, Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
Ein Kritiker hat einen Dichter totgeschwiegen. Kleists Dämon höhnisch aus verworrenem Schilfrohr grinst. In wüsten Knäueln kotzend die Betrunkenen liegen, Derweil ein grüner Mond in schwarze Lachen blinzt. Auf vollem Platze sich die dumpfen Trommeln rühren. Es ziehen bunte Haufen johlend zur Bastille. Die Priester hetzen auf die Schar zu blutigen Schwüren. Die weiße Dame reicht mit spitzen Fingern Pillen.
Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, Nicht nach den Landschaften Frankreichs zu brennen, Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
Mit Richard Wagner heult ein arges Pack besessen. Die plumpen Autobusse zeigen wenig Eile. Die Schildwache entschläft. Das Volk hat nichts zu fressen. Ein blonder Staatsminister starb an Langerweile. Die Fahne aber flattert stolz der Republik. Paris beschließt der heiligen Städte ewigen Bund. Ihr fabelhafter Ruhm erschallt von Mund zu Mund. Paris springt auf, ein Tier, ertötend mit dem Blick.
Schwer wirds, sich als Deutschen zu bekennen, Nicht nach den Schönheiten Frankreichs zu brennen, Nach Paris nicht, unserem rosenen Kindheitstraum. Wir leben in einem kalten rechteckigen Raum.
Rückzug
Was soll dies unter klatschendem Regen Tönen, Der ich voll Trauer bin und klage um Verlust? Was soll der halbverfallenen Gebäude Stöhnen Bei rasselnder Stürme Sägen und Gehust?
Ich will mich mit dem Alltag jetzt versöhnen, Wild schuften in der Berge glühendem Bruch, Gern unter Hämmerdonner und der Karren Dröhnen Gedrückter Untertan sein harten Fluchs.
Dämonen sich im Traume um mich scharen,
Zerwirkt bin ich vom Sturm und aufgebraucht,
Doch werd ich manchmal mit den Zügen fahren,
Die gegen Abend gehn, bei steilem Rauch Mit hohem Pfiff nach schönen Ländern wimmern, Wo über menschlichem Gestrüpp noch Sterne flimmern.
Ahnung
Franz Jung gewidmet
Triumph wird über uns schreiten.
Es soll Triumph über uns leuchten.
Triumph über uns.
Aufbruch ruft.
Wir aber werden am Boden liegen, schlafend,
Berauscht, kotzend oder greinend.
An uns vorüberrauschen, über uns rauschen wird
Tag und Getümmel.
Wenn des Ewigen Hand die goldenen Vorhänge löst . . .
Trompeten stoßen,
Pauken donnern.
Wir müssen Schläfer sein.
Triumph wird über uns schreiten,
Es soll Triumph über uns leuchten.
Triumph über uns.
Beengung
Die Welt wird zu enge. Die Städte langweilig.
So schmal alle Länder. Die Meere zu klein.
Die Körper, in giftigen Räuschen entheiligt,
Sie welken und stürzen zu Schutthaufen ein.
Da ahnen wir Himmel wohl gischtenden Blutes.
Ekstasen trommeln wach Hölle und Grab.
Wir stöhnen verkommend in kalkfeuchter Bude,
Daß uns der Zusammenbruch rette und lab!
Was sollen wir noch? Die Welt wird zu enge.
Der Polizei gelingen unglaubliche Fänge
Und humpeln verzweifelt wir über den Strich:
Die Mädchen ausgepreßt, fade und trocken.
In Cafés und Cinémas Spießbürger hocken
Und Goethe glänzt, aufrecht und widerlich.
Verflucht sei der Straßen einförmige Strenge,
Die strecken sich grinsend in endlose Länge.
Oh, daß doch ein Brand unsere Haupte bewölb!
Es rascheln gewitternd Horizonte fahlgelb.
Daß auf der Galeere wir duldsam bald schwitzten,
Daß wälzten wir uns auf der Ruderer Bank!
So aber wir faulen an hohen Pultsitzen
Und bröckeln zu Mehlstaub in Wartsälen bang.
Wir horchen auf wilder Trompetdonner Stöße
Und wünschten herbei einen großen Weltkrieg.
In unseren Ohren der Waffen Lärm töset,
Kanonen und Stürme in buntem Gewieg.
Erreget Skandale! Die Welt wird zu enge.
Es johlt vor Palästen die ärmliche Menge.
Es trümmern die Tore. Es klirren die Fenster.
Die Mauern, sie wanken, die schüssedurchsiebten.
Vergessen wir unsere schmerzlich Geliebten!
Wir bleiben am besten zurück als Gespenster.
Wie funkelt das Dunkel! Der Abend voll Gräuel. Die Wagen und Nachtmenschen waten in Schmutz. Kinder, aber Kinder in flammender Bläue Flehen zur ewigen Mutter um Schutz.
Nicht ehren wir Gott mehr. Er hat uns geraubt Die Kräfte. Verwarf uns zu Fetzen und Scherben. Er hat uns mit Wolken des Zornes belaubt. Erpresser mit Krankenhaus, Hunger und Sterben.
Die Nerven gepeitschet! Die Welt wird zu enge. Laßt schlagen uns durchs Gestrüpp und Gedrängel! Es wackeln Soldaten mit schiefen Hüten. Die Welt wird zu enge. Wir zittern und frieren In Domen und modrigen Schauerrevieren . . . Und poltern und würgen und drohen und wüten . . .
De Profundis
Päan des Aufruhrs
I
Inmitten der Getümmel, knochig und robust,
Steh ich, befeuernd den Tumult mit Schrei.
Es schneiden Messer durch die steile Brust,
Den Acker, hackend Fleisch zu Mampf und Brei.
Ich euerer Länder preisgekrönter Akrobat! Mit Muskeln straff, drauf spitze Schwerter tanzen. Aus Winkeln aufgeschrien zu großer Tat, Aus Kneipen und Bordellen, Gräuel und Wanzen.
Als unterm Tor ich einst mein erstes Mädchen küßte, Die Arme heftig um die eckigen Hüften schlang, Wie saftige Frucht zerpressend runde Brüste . . . O erster Rausch, der Geist und Blut beschwang!
Durch fernste Träume irrend, brauner Weiber Schöße, Die sich gebärdeten, Verrückte toll, Bis daß ich niedersank, entblößet, Ermattet schwer, da Tag und Stadt verscholl . . .
Hah! Rasselnd atmen schon die Lungen
Der Sonne, die zerreißet euch zu Fetzen.
Die Himmel brechen, plötzlich aufgesprungen,
Auf euch herein mit Wassersturz und Schloßenklötzen.
Ihr Hurenvölker, Metzen, aller Länder Schlampen!
Die euch zermalmt, steinerne Flut, sie naht.
Es schaukeln düsterer jener Monde Lampen.
Ihr kochet aus in heißem Würgebad.
Verrecket! Aus Gestank und dumpfem Bette Zerrt schon der Sturm euch, schmeißt euch in die Helle, Wo ihr erstarret. Rettet Euch auf die Speicher, flüchtet in die Keller!
Auch dort, auch dort faßt es euch an und schleppet
Euch an den Ort, wo spritzen Körperstümpfe.
Verlaustes Pack! Verhuret und verneppet,
Bis tief ins Blut verdorben, in den Sümpfen
Der Unzucht fett wie Kröten aufgequollen
Mit triefenden Augen, Mäulern voll Gequak!
Es faßt euch an! Mit einem wundervollen
Bravourschwung schleudernd in den kalten Tag!
Hah! Schon erblindet! Aus den schwarzen Löchern Quillt gelber Schleim . . . »Gewährt uns doch den Stoß!« . . . Ihr zappelt, hänget Lumpen von den Dächern, Ihr treibet, Klumpen Haut, in Flüssen groß. --
Zerstampfet ist des Reiches fade Herrlichkeit. Wir Bären heben unsere blanken Eisentatzen. An unseren Zähnen kleben Haar und Därme. Speit Aus den Fraß! Fast unsere Bäuche platzen.
II
Ich wecke dich, verdrängte Kraft! O Anarchie! Die Schienen steigen, Harfen, aufgerissen. Die Länder überschwemmet weit der Sümpfe Vieh, Versoffene Himmel auf die Erde pissen.
Verdammet ewig! Kraftlos, ausgegoren . . .
Hah! Ihr verröchelnd in verstopften Rinnen,
Versauten Kübeln. Gitterspitzen bohren
Euch durch die Schädel. Spinnen
Ihr, die ihr tastend steile Schächte ziehet
Und mischet euch in Stürze, die sich trüben.
Die Augen Glas und maßlos vorgetrieben,
Verbrannt ihr über Dächer gen den Himmel fliehet.
Verdammet ewig! Schwerterblitze schwingen,
Es brechet auf aussätzige Kastenbrust.
Da schreien Trommeln, alle Türme klingen.
Hah! Ungestört in nie erträumter Lust!
Verdammet ewig! Ordnet euch zum Zug!
Schon wallen Fahnen. Schwarze Chore klopfen.
Ihr ausgehöhlt von spitzer Hagel Tropfen,
Hinwegrasiert von steilgestellter Winde Flug . . .
Verdammet ewig! Eng das Himmelreich,
Nieder die Tore, wo ihr tretet ein,
Der Weg verschottert . . . regenaufgeweicht.
Hah! Vorwärts marsch in euer Qualdasein!
Hah! Zögert nicht! Verfault in grünen Ecken.
Da einer wahrte noch die Kerze gelb.
Wo Arme steif an Schimmelleichen stecken,
Wie Kreuze . . . Heiliges Nachtgewölb,
Das nicht mehr Mond durchfurchet, nicht die Schar
Der Feuersterne mehr, da es zu spät
Geworden. Netzehaar,
Das, finsterer Wald, traurig herniederweht.
III
Stellet wie Schirme Hände vor euere Lichter, Daß nicht der Sturm sie verlösche, der aufsprang zur Nacht! Schließet die Reihen! Scharet euch dichter! Daß wir werden, Brüder, heil an den Morgen gebracht!
Brücken bäumet euch! . . . Teiche voll stinkender Fische Rasend sich drehen, eitriger Wolken Säcke, Schalen auf grüner Wälder wehenden Tischen. Vulkane schwälend vergrabene Himmel belecken.
In die Arme euch fallet . . . Ein Irrer, wo glotzet An einsamer Straße, der bös prophezeit: »Fraß und Trank, ihr Räuber und Mörder, auskotzet! Euer Morgen, der schöne, ist weit, ist weit . . .
Auf den Hügel euch schwinget, ob ihr erspähet Der Sonne Ball. Landschaft, die schwebt. Nicht die Mauer der Nebel zerfallet. Die bläulichten Seeen Erwachen. Voll Glanz ein Gebirg sich erhebt . . .
Erstarrend am Wege ihr, schlaget die Mäntel um! Hüllet euch ein, erwartend, was nie erscheinet! Beweget nur Arme, die Hände, die Beine stumm! Uhren nie schlagend, Schlagwerk, das weinet.
Vergesset den Takt nicht! Rennet nicht, jaget nicht durch! Lauschet! . . . Ists nichts?! . . . Kommt da nicht wer gegangen?! -- -- Die Augen hinfließen, schallender Winde Gefurch. Bäume hoch greifen, knackender Äste Zangen.
Einmal noch singet! . . . Auf eueren Köpfen Hocken der Wetter Bäuche. Ach, ihr so maßlos gewachsen. Oder treiben jene so tief?! . . . Einst dreckige Töpfe Ihr, trauriger Tollheiten jetzt brennende Achsen.
War es nicht Rausch, nicht Wahn? Wie ward es erfunden? Einer träumte. Der schrie es herum. Rausch und Wahn . . . Einst mit Gärten umwunden Die Stirnen, jetzt Öden, verwelket und plump . . .
Keiner schrickt auf mehr. Nirgends ertönet mehr Klage. Waldung mit Körper sich mischet, Haare mit Meer und Grün, Aber im Finstern pfeifend ein Knochenturm raget, Trotzend den Völkern der Stürme und Hagel kühn . . .«
Familie
Sie sitzen warm am Tische. In der Fiebel
Die Kinder blättern. Rings behaglich-stumm.
Es trägt die Mutter auf den Suppenkübel.
Der Vater bringt jetzt eine Henne um.
Die Uhr, sie hinkt mit furchtbarem Gedröhn
Durch Tag und Nacht. Da rauscht ein Sturm vorbei.
Der Unterricht beginnt um viertel zwei.
Ein Telegramm verheißt den Sonntag schön.
De Profundis
I
Es rauschen die Flammen. Ich leide. Ich leide.
Das schuf der Sehnsucht gefährlicher Drang.
Einst liebten wir heiß uns und innig beide,
Doch unser Leben im Blut, im Blut versank.
O ihr Engel Gottes mit den blassen Händen
Über den Sterbenden schwebend in den leuchtenden Höhen!
Wer kann das Unabwendbare wenden?
Wer macht das Geschehene ungeschehn?!
Vielleicht ist's nicht viel. Nur matt und gewöhnlich. Höchst albern, nur von Zeit zu Zeit Ein Aufbrüllen wie ein Tier. Ganz unversöhnlich. Ein schwirrender Tumult trunkenster Zerrissenheit.
II
O alle die Nächte, o alle die Nächte,
Die ich durchirrte und die ich durchsuchte und die ich durchlitt:
Waren unendliche brausende Schächte,
In die ich, sausender Ball, mit Sturmgewalt
Dem sicheren Halt
Einer allmächtigen Hand entglitt.
Nun winzele ich furchtbar durch die windige Nacht, In der der sündige Geist der großen Toten haust. Ich bin ein Hund verlaust, Aussätzig und voll ekler Niedertracht.
III
Singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte. Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht! Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
Schwer schallt aus ewig dröhnendem Dunkel euerer ziehenden Kolonnen und Scharen Marschtritt, gedämpfter Waffen- und Trommelklang. Feuerschein. Rasende Automobile an schimmernden Palästen vorfahren. Auf glänzenden Treppen der Damen und Kavaliere flimmernder Gang.
Liebende. Einsam und weinend am düsteren Gestade Schmutzigen Stroms, der träg durch die Vorstadt hinzieht. Höret die alte, die ewige Bitte um die lichte, die himmlische Gnade Verhallen im Strudel der Wasser als Schlummer- und Todeslied!
Rote Laternen blinken und winken aus finsteren Gassen. Schwarze Schatten gebückt hinschleichen, die Böses tun. Fabriken, Lagerräume, Baracken, die öd, die verlassen Im falben Scheine des Mondes gleich großen schlafenden Heerlagern ruhn.
Aus verfeuchteten Kellern gebärender Weiber schallende Schreie. Schwarzer Zug. Geheul. Begräbnis. Glockenton. Horchet begeistert, wie sich erleuchteten Saals eine neue Meinung durchsetzt in stürmischer Diskussion!
Volk. Fahnen. Ernst. Eiserne Fäuste. Rußig. Ruhig. Mann, Weib und Kind. Geruch der Fäulnis steigt auf aus den blutverschweißten Hemden, doch die, wie ich glaube, einst leuchtend gleich purpurenen Rosen sind! --
Blühen dann wieder des Sonntags die himmlischen Feste, Flattern Bänder weit, wehen Wimpel bunt über dem ländlichen Grün. Man tanzt. Ist fröhlich. Unterhält sich so am besten. Hoch am blauen Himmel wieder die weißen Wolken ziehn.
Aber schon brausen und sausen über Brücken und Viadukte Die Züge. Durchs Abendgold Heimführend die Fröhlichen, die Vergnügten. Dumpf der Zug in der dämonischen Bahnhofshalle einrollt.
Niederströmt die Masse. Die Ketten Klirren. Der irdische Dämon Hölle und Feuer schürt . . . Und doch --: singe mein trunkenstes Loblied auf euch ihr großen, ihr rauschenden Städte! Von euch verdorben. In euch verirrt. Von euch verführt. Doch sterbend vom Schein himmlischen Lichtes berührt . . .
Denn plötzlich schrillen empor Sturmglocken und Pfeifen. Ekstatisch schwillt ein unendlicher Brand. Wasser stürzen. Rote Flammenfangarme in die schwarze Nacht hineingreifen. Millionen versinken. Tief glüht das Land . . .
Singe mein trunkenstes Loblied auf euch, ihr großen, ihr rauschenden Städte, Trägt euer schmerzhaft verworren, unruhig Mal doch mein eigen Gesicht. Zerrüttet wie ihr, rüttelnd an rasselnder Kette. Glänzende Glorie, seltsamst verwoben aus Licht und Nacht du, die meine zerrissene Stirn umflicht!
IV
Da ich überwand
Im steten Aufwärtssteigen selig mich mühend
Glühende Gipfel: sei mir gegrüßt
Ebene, weites blühendes Land!
Du Sinn der Erde! Wie oft hat mich dein Blühen Aufgeweckt und der herbe Duft deiner Saaten. Wie oft hat mir der Geruch deiner Fluren verliehen Hoffnung und Mut zu neuen Taten.
Ach, deiner verschwenderischen Fruchtbarkeit Goldener Segen War oft als stille Hoffnung über meinem tiefen Leid, Als ein heller Himmelstrost über meiner argen Schmach gelegen.
O, und wie liebte ich deiner Wälder Brausen,
Das Sausen des Sturms über die Heide.
Das Rauschen deiner großen Ströme.
O Wandermusik! Welch fröhlich Geleite!
Ihr fliehenden, ziehenden Wolken hoch dort oben! Ihr purpurglühenden in dunkel wehenden, bewegten Lüften! Ihr Feuerwolken, Feuerrosen! Glut über meinem Menschenhaupt! O Frühling du! Himmlischer Heros du! Verschwender du in Blut und Düften! Ich nenn mich deinen besten Held. Ich habe dir geglaubt . . .
Sieh, alle Menschenherrlichkeiten und Verworfenheiten, Wenn auch seltsamst verworren noch, trag ich in meinem irdischen Menschenblut. Aus tiefstem Niederfall hast du erbarmend dich mich jäh erhoben. Dereinst, das weiß ich, herrsch ich königlich. Du gabst mir Kraft dazu und Mut.
Goldene Schätze sind in mir enthalten.
Einst werde ich die Arme ausbreiten,
Einst werde ich Schwingen entfalten
Zum Flug in die sternenen Unendlichkeiten.
So träume ich oft, und mein himmlisches Schweben Geht verzückt von hinnen zu silbernen Wolken hin. Die großen Städte im Abendrot heben Ihre blinkenden Zinnen. Brücken, Wälder, Ströme vorüberfliehn. So wird alles Traurige, dein irdisches Leben, O Mensch einst unter dir vorüberziehn
Überwunden, klein und doch so bedeutend Und das alles in einem großen kosmischen Zusammenhang Und du wirst kaum mehr unterscheiden Können, wo ist von diesem Ding das Ende und wo von jenem der Anfang . . . Du wirst staunen nur. Über alles dich tief verwundern. Jahrhunderte brechen auf. Deine blaue Glocke, Himmel, wird herrlich läuten. Deiner Engel Posaunen schmettern den Triumphgesang.
V
Ich komme spät nachts noch betrunken ins Bierlokal: Ganz am Ende der Stadt gelegen. Verrufen. Wild Lärmt man der versunkenen Nacht nach. Dem Sonntag entgegen. Im Saal Das Gedröhn und Getön der erhitzten Stimmen zunimmt und furchtbar anschwillt.
Vier Weiber. Sehr schmutzig. Verschwitzt. Fett. Höchst gemein. Musizierend. Klavier. Zwei Geigen. Die Älteste schmetternd mit tropfendem Mund singt. Man säuft. Füllt sich den ausgetrockneten Schlund mit Schnaps, mit Branntwein. Rülpst. Stopft sich hinein, Während draußen vielleicht die schöne Welt schon im erwachenden Morgen aufklingt.
Ich sitz in der Mitte. Umbrandet. Da entlockt zärtlich der verwirrte Tumult Dem müden Gehirn phantasievoll ein rührend Bild. Das tilgt, o Mensch, das überdeckt einst reichlich all deine Schuld. Du kniest hin wie ein Kind. Du neigst deine Stirn. Du Ärger wirst weich und mild.
Dort oben, o sieh: sie spielen auf jenem Podium -- O, wer dies nur einmal sah, es sicherlich nie mehr vergißt! -- Die Engel, die Engel, die lichten, blondgelockt, die weißen. Ringsum, ringsum Die muffige Luft vom goldenen Klingen ihrer heiligen Gesänge duftend angefüllt ist!
Was soll mir da der helle Tag noch? Oh, so sagt mir. Ich lausche ja hier einem Lied, So himmlisch entrückt. Dem kommt so leicht nicht mehr eins meiner Erde gleich. Kein Rauschen der Ströme. Kein Klang der Glocken. Kein Lerchenschlag . . . Mein Gemüt Erblickt ein unnennbar süßes Himmelreich.
VI
Wir wandern heimwärts durch die eisige Nacht Wir Saufkumpane. Unser Schritt hallt schwer. Versprengte wir wie nach verlorener Schlacht. Gaslicht schwimmt gelb im weißen Flockenmeer.
Wir Schar. Zerschlagen und zermalmt.
Gehirn zersetzt schon Wahn. Wir haben
Zum Letzten wohl geludert. Pest und Qualm
Und Dirnenpack und Luis und Straßengraben.
Unmerklich rinnt auch diese Nacht zum Tag.
So schwarz in Grau. Von unerhörter Qual
Brecht ihr empor: rote Glorie und Glockenschlag.
Verstörte, Tote wir im Morgenstrahl . . .
VII
Rasche Jugend, du sinkst und fällst,
Rasche Jugend verblühend!
Die du all Licht, o all Licht enthältst,
Stark und über die Maßen so kühn.
Und wenn du jetzt auch scheiden mußt,
-- du harrst ja schon im weißen Kleid
Des Todes wehen Abschieds --
Oh, wer hat so wie ich gewußt
Um allen Schmerz, von deiner Freude
Und blutiger Nacht und dumpfem Tag!
Wer bot so frei die offene Brust
Den Stürmen wilden Lebens dar,
So fromm und ohne Klage?
Wer hat so wie ich getan
Alles, was du nur wolltest?
Wer stieg so kühn die steile Bahn!
Oh, nun leuchte du mir stolz voran
So glühend, warm umgoldet
Und wie in diesem letzten Strahl
Die sinkende Abendsonne!
O deiner Kämpfe tiefster Sinn!
Jetzt weiß ich erst, daß ich gesegnet bin
Und daß ich segnen kann.
Und wenn du jetzt auch scheiden mußt,
-- du harrst ja schon im weißen Kleid
Des Todes wehen Abschieds --
Leb wohl, dein seliges Licht vereint
Uns doch für alle, alle Zeit.
Reiß mich empor zur Ewigkeit,
O stürmisches Brausen deines trunkenen Liedes!
Rasche Jugend, du sinkst und fällst,
Rasche Jugend verblühend!
Die du all Licht, o all Licht enthältst,
Stark und über die Maßen so kühn.
VIII
Ich, der Gottes Angesicht
Nacht für Nacht geschaut:
Ich dünke mir ein festlich grelles Flackerlicht
Dem abendlichen Tage anvertraut.
Ich bin ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
Es rauschen Bäume schwer im Wind,
Mein Wald, du wirst entlaubt.
Wir die aus dunkler Erde sind,
Wir neigen schwer das Haupt.
Wir sind ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
Wo lacht dem Leid der heilige Stern?
Erwachst du große Güte?
Ich hab dich liebe Welt so gern,
Ich hab dich lieben Herrn so gern,
Dich Jesu, Schmerzensblüte.
Auch du ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
Und hab ich alles recht bedacht,
Den Schmerz und auch die Freude,
Den hellen Tag, die dunkle Nacht
Und Lust und Liebe, beide --
Ich bin ein Rausch verklungener Zeit,
Ein Traum trunkenster Herrlichkeit.
IX
Die trunkenen Nächte! Die trunkenen Nächte! --
Oh, meine Jugend du, blutende du! Empor, empor und
Aufstehn, o auferstehn!
Die schlaffen Muskeln wieder strecken!
Die matten Flügel wieder spreiten!
Die müden Schwingen wieder entfalten
Der Sonne zu!
O wieder
Morgenröte-Umarmungen!
Ja empor und aufstehn! Wenn es nicht anders geht, Dich aufreißen, dein wimmerndes Herz ausreißen, Dich aufreißen aus Traumdämmerungen, Abendruhen Mit der kalten höhnischen Gelassenheit und Grausamkeit der Starken über die Vergewaltigten.
Dann
Mit gebreiteten Armen springen ins Morgenrot,
Fliegen im Strahl der Sonne über die großen Städte hin,
Über namenlose Finsternisse hin,
Donnergründe, brausende Geheimnisse hin,
Höher empor
Über alle Not, alle Armut, alle Schmerzen hin,
Höher, höher empor
Dem Aufgang zu!
Ja empor und auferstehn! Empor aus Qualmigen Verbrecherhöhlen, empor aus fettigen Dirnenspelunken Mit dem roten gedämpften Ampellicht, mit dem geputzten Schielen Weißhaariger Kupplerinnen, all der plumpen bäuerischen, Jämmerlichen Koketterie der Fleischschau. Empor aus Spielhöllen, dem stieren Blick, dem Münzengeklirr, Empor aus Zuhälterkneipen, Ställen voll Absinthgerüchen, Schmierigen Aborten, Samengestank und Eitergeträufel, Dem Geklimper all der Tamburins, Klaviers und Musikautomaten. Empor aus Freudenhäusern, den Kneiplokalen der Homosexuellen, Empor aus Asylen, Krankenhäusern, Zuchthäusern. Empor aus Irrenanstalten, Pestbaracken, all den Gehegen Tobender Alkoholiker, Ächzender Tuberkulöser, Demaskierter Syphilitiker . . .
O du mein Schrei auch Schrei der Zeit!
Steht auf! Steht auf!
Schlagt nieder!
Stoßt zu!
Brecht auf!
X
Die Wünsche, die ich Tags gedacht,
Sehnsüchte, die ich Tags nicht stillen konnte,
Werden die Ängste meiner Nacht.
Ich rings in Feuern steh,
In der Geliebten meine Mutter seh,
Meinen Vater wie einen Fraß der Hunde.
Aus den Wänden trete ich,
Geschändet am Geschlecht,
Der weiße Leib
Beglüht und fein gehüftet,
So ganz und echt:
Ich Weib.
Ich hebe meine furchtbar spitzen Hände, im innern Mark
Längst leer und schlimm vergiftet,
Will um meine Sehnsucht zu übertören
Allen, o allen gehören,
Geb mich jedem Bettler hin,
Nur kummervoll besorgt, daß ich Gefallen fände,
Und kühn,
Daß ich sie alle niederkrallen könnte.
Schon höre ich die Dämmerung fallen.
Klänge wiegen mich in die Welt.
O Tag!
Jetzt bin ich allen Träumen fremd . . .
Sei gütig! Dein Toben
Will sich erlösen.
Was du gewesen
Im träumenden Bösen
Befreit sich nach oben.
XI
Wie mag noch lieben, wer dich klar gesehn?
Was kann vor deinem Bild bestehn?
Was hat noch Anmut, was noch Sinn,
Du gute Himmelskönigin!
Oh, all das Gute,
Das du mir getan,
Wo faß ich es an?
Du trugst auf deinen wunden Lenden
Mich, der dich bittend traf.
Du sprengeltest mit Zitterhänden
Weichen Traum durch meinen Schlaf.
Oh, all das Gute,
Das du mir getan,
Wo faß ich es an?
Oh, all das Gute,
Das du mir getan,
Ich verblute,
Ich sterbe dran.
XII
Oh, einmal dich umarmen
Noch, an dir niedersinken!
Einmal noch das warme
Gold des Abends trinken!
Wieviel haben wir geweint
Um uns! Nun soll das Schwerste erst kommen . . .
Wirst du mir einst entführt,
Muß ich wohl sterbend hinfallen.
XIII
Gottes gute Sonne ist erloschen
Und die böse Nacht drückt schwer.
Meines Blutes Verlangen
Weiß von keinem Frieden mehr.
In der Ferne ruht ein Glühen
Über dem entschlafenen Land.
Was mich bitter traf, wird blühen
Einst. Darum lächle ich so unverwandt.
Darum hat ein großes Hoffen Meinem Herzen sich auf ewig eingeprägt. Alles Irdische, das mich so schwer betroffen, Ist von jenem Schmerz, der einst das Wunder wirkt.
Es entgleitet meinen müden Armen Jetzt der Leib, den nicht mehr Wärme hält. Sieh, mein Tod ist ein entzückt ekstatisch und erbarmend Niedersinken, wie die Abendsonne niederfällt.
Übertu du heimatliches Leuchten
Der Natur mit mild versöhnendem Glanz
Alle Qualen meines Herzens,
Daß, gleich sprühenden Sternenreigen,
Himmlische Wonnen mich umfahen, blühend ganz.
XIV
Aufgepeitscht, von roten Flammenschlünden
Irr umtobt, glüh ich in nächtiger Haft.
Weh zerfetzt, selig verblutend
Schau ich stier in ein entzücktes Land.
Brausend kreisen unermeßliche Ströme Blutes, Unerschöpfliche Kelche spenden dunklen Wein, Daß wir ganz trunken und sinnlos werden, Daß unser Leib im wirbelnden Strudel der Lust verbraust. Mond und Sterne, der leuchtende Glanz im nächtlichen Blau, Erster Lichtschimmer vom kommenden Tag, Zerstieben in Purpurglut. Aber hoch, hoch über allem, über allem noch Begreifbaren Der Welt, in letzter, höchster, traurigster Nachteinsamkeit Spannt sich, spannt sich ein Schoß, spreizt sich zur Gruft, Flammend enthüllen sich tiefste, nie erschaute Röten, Scharlachen aufgetan, nie geahnt, Deren brennende Reize kein irdisches Aug erfaßt . . .
XV
Wir ringen. Wir ringen.
Doch wir wissen, wir werden die dunklen Gewalten
Einst noch bezwingen
Und unsere Kämpfe werden uns nicht dumpf behalten,
Sie werden nur unsere Kräfte entfalten
Und uns beschwingen
Und uns den Triumph bringen.
Durch alle Erdenkämpfe werden wir zuletzt
Das Herz unberührt
Doch noch heimwärtstragen
Und durch alles, was uns jetzt
Noch mit Schmerz verführt
Und zu Boden drückt.
Wenn auch jetzt noch dämonisch die Flammen über uns zusammenschlagen
Und unsere Augen rot das Leid benetzt,
Einst werden wir sagen:
Es ist uns schön geglückt.
O daß ein jeder auf seine herrliche Jugendzeit
Stolz sei und sich derer freut!
Wo wir den Wert der Dinge erforschen,
Das Alte vergessen,
Das Neue ermessen,
Fanatisch den alten hergebrachten Rechten
Entgegenwirken und aus den morschen,
Zerfallenen Reichen neue Reiche aufrichten
Und die Grenzen der neuen mit Ekstase verfechten.
Was wir dabei entheiligen,
Was zerstörerische Glut zerreißt,
Wird sich einst wunderbar an jedem Aufstieg beteiligen,
So daß sich am Ende doch alles als gut erweist.
So laßt uns glühen
Und ernst bestehen nach heißem Bemühen!
XVI
Du enteilst mir, schwere Nacht.
Schon bist halb du, heller Tag erwacht.
Kalt sinkt Stern um Stern.
Glocken läuten fern.
Goldenes Feuer! Blauer Morgenschein!
Herz! Bald sollst du geborgen sein! . . .
XVII
Trink! Es ist ja nur Wein! Trink ihn zur Neige. Mehr als Wein: es ist mein einsamstes Leid Nicht in mir, nicht in dir zur Erlösung Meiner irdischen Qualen gelangt. Trink! Es ist ja nur Wein, trink ihn, mein Leben! Trink ihn, Geliebte, es ist ja nur Wein! Doch tiefer denn alles. In ihm funkelt die Sonne, Spiegel der Sterne, des Monds, Abglanz des Alls, Traumschein des Ewigen, Lippen Gottes . . . Trink, es ist ja nur Wein, oh, wär es mein Blut, Wäre es mein Herz, o wären es jubelnde Ströme! Schlösse den Mund auf ewig ein einziger Kuß, Der von den blühenden Lippen Gottes käme! --
Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen!
Schattenumrissen droht der glühende Schlund,
Letzten Verhängnisses voll, im Antlitz des Todes.
Nur im Bann des strahlenden Leibes,
Nur in der Kraft des Sehnsuchtgedankens
Kehrt das Heimweh über die Stätte der Erde
Zu den Gefilden der Heimat, selig und klar . . .
Sieh: eine Seele verblutet, eine Seele entfacht Blutige Leuchten in den Stürmen der Nacht! Gellende Jubel, so schreien geängstigt die Glocken, Wo nur Verderben die menschliche Hoffnung birgt.
Heilige Himmelfahrt du! Im Brausen des Feuers
Tiefste Ergriffenheit und wie ein Segen von Gott
Kindliche Trauer im flackernden Taumel des Herzens.
Heilige Himmelfahrt du, die Toten erwachen,
Ihre Macht, die lebendiger ist als menschlichen Sinnen
Je nur verständlich. Die gnadlos walten!
Heilige Himmelfahrt du! Einer der Reinsten, die je
Auf dem Wege zu Gott die Hände erhoben:
Sende die Engel des Friedens gütig herab,
Daß die Marter der Zeit und unsere Leiden
Golden verklärt an deinem Herzen entruhn!
Sieh, wie diese glühenden Flammenschwerter
Schlägt unsere Inbrunst zu dir, Gott,
Ewige Liebe du, Licht der Lebendigen!
Sende die Engel des Friedens gütig herab! --
Wenn unser Leib zu Asche -- sende die Engel herab!
Vater! Sende die Engel herab!
XVIII
Hoch, bekränzt von aller Traurigkeiten Goldenem Schein umsternt, weit über diesem Erdenland, Sah ich, wie ein armer Leib in allen Herrlichkeiten Gottes jubeltönend aufschlug und erstand.