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Rostem und Suhrab.
Eine Heldengeschichte
in zwölf Büchern
von
Friedrich Rückert.
Zweite Auflage.
Verlags-Signet
Stuttgart.
Verlag von S. G. Liesching.
1846.
Druck von J. Kreuzer in Stuttgart.
Erstes Buch.
1.
Laß aus dem Königsbuch der Perser dir berichten Von Rostem und Suhrab die schönste der Geschichten, Von Heldenruhm, wie leicht er Frauenlieb erwarb, Und wie der eigne Sohn, erlegt vom Vater, starb! Held Rostem sprach, als er am Morgen war erwacht: Auch heute hab ich nicht zu reiten in die Schlacht. Afrasiab, der Fürst von Turan, läßet ruhn Die Waffen, friedlich blüht das Reich von Iran nun; Doch in der Friedensruh was soll ich selber thun? Da rüstet' er sich schnell zur Jagd, er band in Eile Den Gürtel fest, und hieng den Köcher um voll Pfeile. Den Bogen prüft' er, ob er nicht die Kraft verlor; Dann zog er aus dem Stall den edlen Hengst hervor. Dem war die Weile dort wie seinem Herren lang; Er wieherte vor Lust, als er ihn setzt' in Gang. Er schwang sich auf den Rachs, und sagte nicht ein Wort Den Seinigen im Haus, in Eile ritt er fort. Der Mark von Turan zu wandt er sein lockig Haupt, Alswie ein Löwe, der nach seiner Beute schnaubt. Wie zu der Turanmark er hingekommen war, Die Haide nam er da voll wilder Elke war. Wie eine Rose war erblüht des Helden Wange Vor Lust, er tummelte den Rachs mit raschem Gange. Mit Pfeil und Bogen bald, mit Keul und Fangeschnur, Ein Dutzend Stücke warf er nieder auf die Flur. Aus Dornen und Gesträuch und manchem Baumesast Entzündet' er darauf ein Feur von starkem Glast. Und als zu Kolenglut war eingebrant die Flamm, Erkor der Recke sich zum Bratspieß einen Stamm. Der Elke feistesten steckt' er an diesen Baum, Der wog in seiner Hand nicht eines Vogels Flaum. Er drehte wohl den Spieß, daß fein der Braten briete Auf allen Seiten gleich, und nirgend ihm misriete. Und als er gaar nun war, nam er ihn vor, und saß Am grünen Boden hin mit guter Lust und aß, Wobei er auch das Mark im Knochen nicht vergaß. Gesättigt, schritt er nun hin wo ein Waßer lief, Zur Gnüge trank er auch, dann legt' er sich und schlief. Am Rand des Baches lag der Held, den heißen Tag Ausschlafend, und sein Ross gieng weidend frei im Hag.
2.
Als Rostem lag und schlief, und an sein Ross nicht dachte, Da kamen Türken her, ein sieben oder achte. Die sahn ein edles Ross frei weiden in dem Bann Von Turan, und zu sehn zum Rosse war kein Mann. Worauf sie sich alsbald das Ross zu fangen schickten: Sie hättens nicht gewagt, wo sie den Mann erblickten! Da kamen sie dem Rachs mit ihrer Fangschnur nah; Aufschnaubt' er wie ein Leu, da er die Fangschnur sah. Nicht wollte sich der Rachs geduldig laßen fangen, Es wäre schlimm zuvor erst einigen ergangen. Den Kopf vom Rumpfe riß dem einen sein Gebiß; Derweil ein Hufschlag zwei zu Boden hinten schmiß. Der kühnen Türken so getödtet lagen drei, Das kriegerische Ross war noch von Banden frei. Doch unverdroßen stürmt herbei der andre Tross, Und warfen übers Haupt mit Müh die Schnur dem Ross. Gebändigt führen sies zur nahen Stadt in Eil, Es wär um vieles Gold ihr Fang nicht ihnen feil. Es sei von hoher Art, ersahn sie an den Zeichen; Jedweder wollte Teil am edlen Hengst erreichen. Sie fürchteten, der Raub werd ihnen bald entführt, Nicht lange bliebe solch ein Schatz unaufgespürt. Da brachten sie geschwind ihn zu der Stuterei, Daß seines Samens doch teilhaftig jeder sei. Ich hörte, daß er dort auf zwanzig Stuten sprang, Die alle seiner Wucht erlagen beim Empfang. Und nur von einer ward getragen Leibesfrucht; Zu Großem war bestimmt das Folen edler Zucht.
3.
Doch Rostem, wie er dort von seinem Schlaf erwachte, Das erste war sein Ross, an das er wieder dachte. Er blickt' umher, und sah sein Ross nichtmer im Hag; Verlaufen hatt es ihm sich nie vor diesem Tag. Laut rief er ihm; sonst kams auf leisen Ruf herbei; Nun kam es nicht; da sprang er auf mit lautem Schrei. Er suchte rings im Hag, er spähte durch die Flur, Von seinem Rosse fand er hier und dort die Spur, Es selber fand er nicht, und rief: O weh! verloren Hab ich, derweil ich schlief, mein Ross gleich einem Toren. Was soll ich ohne Ross mit dieser Rüstung thun? Des Rittes lang gewohnt, geh ich zu Fuße nun? Was werden Türken, wenn sie mir begegnen, sagen, Daß ich den Sattel muß, statt mich der Sattel, tragen? Verlaufen hat sichs nicht, das ist nicht seine Art; Nun desto schlimmer, wenn es mir gestolen ward! Doch lang bleibt nicht der Rachs des Rostem unbekant; Auffinden werd ich ihn, der mir den Rachs entwandt! Kam wol, derweil ich schlief, ein ganzes Türkenheer? Denn einem einzgen ist der Rachs zu fangen schwer. Doch den Gedanken ist vergebens nachzuhangen; Auf, rüste dich zum Gang, weil dir dein Ross entgangen! So sprach er unmutsvoll, und schwieg, und schaute stumm Noch eine Weile sich nach seinem Rösslein um; Denn immer dacht er noch, es müßte wieder kommen: Wer auf der Welt sollt ihm haben den Rachs genommen? Als aber doch der Rachs nicht wiederkommen wollte, Macht' er sich endlich an den sauren Gang, und grollte. Mit Waffen und Geschirr belud er sich, und sprach Noch viel mit sich, indem er gieng den Spuren nach. Die Spuren leiteten zur Stadt Semengan ihn, Die dort im Abendstral zu ihm herüber schien.
4.
Er sprach: Das ist die Stadt, in der ein König sitzt, Der es mit Turan jetzt und hält mit Iran itzt, Der wie die Wage schwank sich nach der Seite neigt, Wo sich ein Perser hier und dort ein Türke zeigt. Den Rostem kennen sie, wenn er zu Pferde steigt! Doch fehlt mir ja der Rachs, daß ich zu Pferde steige! Ob ich zu Fuße denn mich in Semengan zeige? Ich geh in ihre Stadt zu Fuß mit meinen Waffen, Und seh, ob meinen Rachs sie dort mir wieder schaffen! Ich sag es ihnen gleich, daß sie ihn schaffen sollen, Und denke nicht, daß sie ihn vorenthalten wollen! Ich werb um Gastherberg in dieser Stadt der Grenzen, Und sehe, was beim Schmaus dem Rostem sie kredenzen! So sprach er unterm Gehn, doch aus den Augen ließ Er nie dabei die Spur, die sich am Boden wies; Bis die in Schilf und Rohr am Fluße sich verlor; Da ließ er sie, und gieng grad auf Semengans Tor. Nun in Semengan ward dem König angesagt: Held Rostem kommt, er hat im Türkenforst gejagt. Zu Fuße geht einher die lichte Kronenzier, Weil ihm entlaufen ist der Rachs im Jagdrevier. Der König, wie er dieß vernam, war er geschürzt, Daßnicht ein solcher Gast an Ehren sei verkürzt. Da zogen aufs Gebot des Königs alle Degen, Die Edlen all des Hofs, dem Edelsten entgegen. Entgegen zog ihm, wer aufs Haupt nur einen Helm Zu setzen hatt, und wer zurückblieb, war ein Schelm. Sie reihten feierlich sich um den Heldenglanz, Wie um der Sonne Haupt der Abendwolke Kranz. So führten sie zur Stadt das Licht der Ehren ein, Als eben über ihr erlosch des Tages Schein.
5.
Der König trat zu Fuß hervor aus dem Palast, Der Hofstaat um ihn her, entgegen seinem Gast. Er grüßt' und neigte sich: Woher durch Wald und Feld, Und kein Begleiter ist mit dir, o Kampfesheld? Hast du den Tag vollbracht mit Jagd im Jagdrevier, Und suchest nun zur Nacht bei Freunden Nachtquartier? Wir alle sind hier nur auf deinen Wunsch bedacht, Und zu Befehle steht Semengan deiner Macht. Die Leben stehen dir und Güter zu Befehle; Die Edeln, Edelster, sind dein mit Leib und Seele. Was wünschest du? es soll geschehen, o Pehlewan! Gebeut, was wir dir thun, und denk, es sei gethan! Held Rostem hörte gern die Rede sanft und zahm, Wol merkt' er, ihnen sei die Hand zum Bösen lahm. Er sprach: Abhanden kam der Rachs mir auf der Flur, Und hier bis an die Stadt geht seiner Tritte Spur. Wenn du mir diese Nacht ihn wieder schaffen kannst, So wiße, daß du Dank von mir und Preis gewannst. Doch wenn ihr mir den Rachs nicht werdet wieder schaffen, So sollen durch mein Schwert hier breite Wunden klaffen. Der König sprach erschreckt: Held ohne Furcht und Zagen, Wer dürfte wol den Rachs dir zu entwenden wagen? Sei du mein Gast, laß dir den Ehrenbecher spenden In Frieden, und nach Wunsch wird sich die Sache wenden. Von Rostems Rosse bleibt die Fährte nicht verborgen; Wir schaffen dir den Rachs; gedulde dich bis morgen! Mit ungestümer Hast gelangt man nicht zum Fange; Mit sanften Worten lockt man aus dem Loch die Schlange. Drum sänfte deinen Zorn, kehr ein, und laß beim Wein Mit Herzen sorgenfrei die Nacht uns fröhlich sein! Wir bringen dir den Rachs, o tapfrer Kampfgesell, Wir bringen ihn, bevor der Morgen tagt, zur Stell; Uns sei die Hall indes vom Licht des Weines hell!
6.
Der Löwenmutige ward dieser Rede froh, Davon aus seiner Brust so Groll als Unmut floh. Es dünkt' ihm gut, daß er zum Königshause gienge, Als wolgemuter Gast zu Fest und Schmause gienge. Ihm gab den Ehrensitz der König im Palast, Auf Füßen dienstbereit stand er vor seinem Gast. Die Häupter aus der Stadt, die Häupter aus dem Heer, Berief und pflanzt' er beim Gelag um Rostem her. Den Köchen er befal, von allen guten Dingen Gerichte zu der Wal des Helden herzubringen. Da ward hereingebracht ein ausgesuchtes Mal, Der Silberschüßeln Pracht und goldner Schaalen Zal; Aus China war beim Fest chinesischer Pokal. In diesem ward kredenzt Wein unter Lautentönen Von rosenwangigen gasellenaugigen Schönen. Sie mengten Saitenspiel und Wein mit Schmeichelei, Damit nicht ungemut der Hochgemute sei. Er hörte seine Lust, und schaute sein Vergnügen, Und trank den frohen Mut dazu in langen Zügen. Mit allen Sinnen so schöpft' er des Festes Wonne, Ihm stralte sein Gesicht bei Nacht wie eine Sonne. Und allen, welche da das helle Angesicht Des Helden leuchten sahn, wards in der Seele licht. Die Becher ließ er nicht die ungetrunknen säumen; Und als er trunken war, dacht er den Sitz zu räumen. Da war bereit für ihn, gewölbet kühl und luftig, Ein Schlafgemach, von Musk und Rosenwaßer duftig. Im kühlen Schlafgemach verschlief auf seidnen Decken So Müdigkeit als Rausch Rostem, der Feinde Schrecken.
7.
Um Mitternacht, wenn sich des Poles Wagen drehn, Ward leises Wort gesagt bei leiser Tritte Gehn. Geräuschlos aufgetan ward Rostems Ruhgemach, Mit Staunen ward der Held beim Glanz von Fackeln wach. Tehmina stand vor ihm, bestralt von Stein und Gold, Die Königstochter von Semengan wunderhold. Ihr standen beiderseits mit Fackeln Dienerinnen; Sie stralte hell vom Glanz der Fackeln und der Minnen. Der Reiz der Jugend war in den der Scham getaucht, Der Wangen Lilien von Rosen überhaucht. Doch im Rubinenschloß des Mundes lag bewart Geheimnis liebliches, für diese Nacht gespart. Er richtete sich auf, und staunte lang und tief, Indem er Preis ob ihr und ihrem Schöpfer rief. Er fragte sie und sprach: Wie, Holde, nennst du dich? Und was in finstrer Nacht zu suchen kommst du, sprich! Zur Antwort gab sie ihm: Tehmina ist mein Name, Gespalten ist mein Herz von einem tiefen Grame. Ich bin des Schahes von Semengan einzig Kind, Von Kindheit auf, im Lauf, der Neid von Hirsch und Hind; Sie holen mich nicht ein, mich holt nicht ein der Wind. Allein die Sehnsucht kam mich heimlich einzuholen, Die führt mit diesem Gram mich her zu dir verstolen. Wie eine Wundersag hab ich aus jedem Munde Gehört zu jeder Stund, an jedem Ort die Kunde, Wie du so tapfer bist, und trägest keine Scheu Vor Tiger, Elefant und Krokodil und Leu. Du schirmest ganz allein Iran mit deiner Kraft, Und Turan zittert, wenn sich rührt dein Lanzenschaft. Du reitest ganz allein bei Nacht in Turan ein, Und streifest dort umher, und schläfest dort allein. Dergleichen Kunde ward mir vom Gerücht vertraut; Lang wünscht ich dich zu sehn, heut hab ich dich geschaut. Wenn du zu Weibe mich begehrst, bin ich dein Weib; Nie Mond- noch Sonnestral berührte diesen Leib. Vom Schleier meiner Zucht erwuchs ich tief umfangen; Den Zügel der Vernunft entzog mir dieß Verlangen: Ich bitte Gott, von dir zu tragen einen Sproß, Der einst, an Kraft dir gleich, beherrsche dieses Schloß. Zur Mitgift will ich jetzt, o Held, dieß Schloß dir bringen, Zur Morgengab alsdann, Rostem, dein Ross dir bringen!
8.
So endet' ihren Gruß das Mondglanzangesicht; Der Löwenkühne hört' aufmerksam den Bericht. Wie sie der Held so schön, so perlgleich sie sah, An Sinn so hoch und an Verstand so reich sie sah, Und daß sie noch dazu vom Rachs ihm gab die Kunde; Von lauter Frölichkeit sah er erfüllt die Stunde. Er rief die wandelnde Zipress' an sich heran; Hold tauschte Blick und Wort mit ihr der Pehlewan. Er rief ins Vorgemach, daß einen der Mobeden Sie brächten ihm herbei, der wüßte wol zu reden. Den sendet' er alsbald, den Weisen tugendvoll, Daß er die Tochter ihm vom Vater fordern soll. Der Wolverständige, dahin zum Schahe schritt er, Und that die Werbung kund von Irans edlem Ritter. Der Schah ward freudenvoll, da dieser Gruß erscholl; Er fühlte, wie sein Herz von hohem Mute schwoll. Er richtete sich stolz, der Zeder gleich, empor; Das Band mit Rostem kam ihm wert und theuer vor. Dem Ritter in der Nacht gab er der Tochter Hand; Und wie die Kund erscholl, war Freud in Stadt und Land. Von Freuden war erwacht ein Aufruhr in der Nacht, Zu Rostem sei als Braut des Königs Kind gebracht. Da war der Jubel laut die ganze Nacht ums Schloß, Wo seine holde Braut der starke Held umschloß. Still tauschte drin das Paar die Lust der Seelen aus, Und draußen ließ die Schaar die Kraft der Kehlen aus: »Daß dieser neue Mond lang dein Behagen sei! Daß deiner Feinde Haupt ewig geschlagen sei! Aus diesem Bunde müß ein Heldensproß entspringen, Der mög an Tapferkeit mit seinem Vater ringen!« Sie meinten ihr Gebet zum Segen und zum Heil, Der Himmel aber nam es an zum Gegenteil.
9.
Nach kurzer Freudennacht als an der Morgen brach, Wand aus Tehminas Arm sich Rostem los, und sprach, Indem vom Arm er nam ein goldenes Gespang, Von dem erschollen war der Ruhm die Welt entlang; Sie glaubten, daß daran sei Rostems Heil gebunden, Und unverletzlich sei, wen dieses Band umwunden: Das gab er ihr und sprach: Liebtraute! dieß bewar! Wenn eine Tochter dir nun bringen wird das Jahr, So nimm dieß Goldgespang, und schling es ihr ins Haar! Als welterleuchtenden Glückstern soll sie es tragen, Der ihr soll und der Welt von ihrem Vater sagen. Wenn aber einen Sohn dir die Gestirne reichen, So bind ihm um den Arm, wie ich es trug, das Zeichen. Des Vaters Zeichen sei an seinem Arm bewart, Und wachsen wird er selbst nach seines Vaters Art. Gleich seiner Ahnen Stamm wird der aus Heldensamen Erzeugte sein, es bleibt nicht ungenant sein Namen. Ist er erwachsen, send ihn mir nach Iran zu! Nun aber naht der Tag, ich geh, wol lebe du! Zum Abschied faßt' er sie an seine starke Brust, Auf Aug und Haupt gab er ihr manchen Kuss voll Lust. Mit Weinen wandte sich von ihm die zarte Braut; Sie ward nach kurzer Lust mit langem Weh vertraut. Zu Rostem aber kam der König hochgemut, Den Eidam fragt' er da, wie er die Nacht geruht? Ihm gab er Kunde dann vom Rachs, er sei gefunden; Und aller Sorgen war das Heldenherz entbunden, Er gieng, und streichelt' ihn und sattelt' ihn sogleich, Dann von Semengan ritt er froh und freudenreich. Gen Sistan auf dem Rachs als wie ein Wind er flog, Indem er die Geschicht in seinem Sinn erwog. Von Sistan ritt er heim nach Sabulistan gar, Und keinem sagt' er dort, was ihm begegnet war.
Zweites Buch.
10.
Neun Monde waren schon Tehminen hingegangen, Als sie gebar den Sohn wie eines Mondes Prangen. Die Mutter sah ihn an mit Lust und schmerzenreich, Er war in jedem Zug wol seinem Vater gleich. Sie nannte Suhrab ihn, und nam ihn an die Brust; Das Kind war auf der Welt nun ihre einzge Lust. So zärtlich pflegte sein die Mutter, die ihn nährte, Daß keines Dinges er zu keiner Stund entbehrte. Der Knabe weinte nie; er hatte neugeboren Gelächelt schon, als sei er nicht zum Weh geboren. Er wuchs so wunderbar: als er ein Monat war, Da war er anzusehn, alsob er wär ein Jahr. Drei Jahr alt, ließ er schon zur Rennbahn sich gelüsten, Im fünften sah man ihn zum Löwenkampf sich rüsten. Wie er zehn Jahr alt war, da war im ganzen Land Nun kein gestandner Mann, der ihm zum Kampfe stand. Von Leib ein Elefant, von Wangen Milch und Blut, Rasch wie ein Hirsch gewandt, im Auge dunkle Glut, Von Wuchse schlank, die Brust gewölbt von hohem Mut. Zwei Arme schwang er um sich her den Keulen gleich, Und unten standen fest zwei Füße Seulen gleich. Wo er im Ringspiel rang, wo er den Schlägel schlug, War keiner der davon den Ball des Sieges trug. Er gieng zur Löwenjagd, da ward der Löw ein Fuchs; Die Zeder rüttelt' er, sie bog sich wie ein Buchs. Windfüßigem Renner rannt er sturmgeflügelt nach, Beim Schweif ergriff er ihn, der Renner stand gemach. Es war alsob zum Kampf die Welt er fordern wollte, Alsob er selbst bestehn den eignen Vater sollte.
11.
Zu seiner Mutter kam der Knabe, sie zu fragen: Verwegen sprach er da: Mutter, du sollst mir sagen! Denn unter meinen Spielgenoßen rag ich hoch Hervor, mein Haupt empor zum Himmel trag ich hoch. Wes Samens, welches Stamms ich bin, will ich erkennen; Wenn nach dem Vater man mich fragt, wen soll ich nennen? Wirst du mir Antwort nicht auf diese Frage geben, Am Leben bleib ich nicht, und du bleibst nicht am Leben! Die Mutter, da sie dieß vom jungen Pehlewan Vernommen, sah zugleich mit Stolz und Furcht ihn an: Er war entwachsen ihr, und nicht mehr untertan. Sie faßte sich und sprach begütigend: Vernimm Ein Wort, des freue dich, und laße deinen Grimm! Du bist des Rostem Kind, des Perserpehlewanen, Und seine Ahnen sind in Iran deine Ahnen. Drum übern Himmel trägst du hoch dein Haupt hinaus, Weil du entsproßen bist aus solchem Heldenhaus. Denn was an Heldentum nun in der Welt erscheint, Das ist in Rostems Stamm, in Rostem selbst vereint. Sieh dieses Goldgespang, nimm hin und halt es fein! Zum Abschied gab mir das für dich dein Väterlein. Erfährt er, daß sein Sohn erwuchs zum tugendreichen, Nach Iran ruft er dich, und kennt dich an dem Zeichen; Dann bricht mein Herz vor Leid, wann ich dich seh entweichen! O Sohn! Afrasiab, der Schah von Turan, soll Nicht wißen dein Geschlecht; das brächt uns seinen Groll. Denn Niemand auf der Welt ist ihm wie Rostem feind, Rostem, um welchen Blut in Turan wird geweint. Witwen in Turan macht sein Schwert in jeder Schlacht; Und ohne Schwertstreich hat er mich dazu gemacht. Drum vor Afrasiab beware dieß im Stillen! Den Sohn verderben möcht er um des Vaters willen. Den Vater hab ich schon verloren, liebes Kind, Verlör ich auch den Sohn, so wär ich sänfter blind. Sei stolz, doch sag es nicht, wer deine Ahnen sind!
12.
Doch Suhrab sprach: Wer birgt die Sonn im Weltenring? Unmöglich wird geheim gehalten solches Ding. Von einer Heldenabkunft, Mutter, dieser gleich, Zu schweigen, wäre dir und mir nicht ehrenreich. Was, Mutter, hast du selbst gehalten lange Zeit Geheim die Abkunft mir von solcher Herrlichkeit? Denn alle Kämpen jetzt, die jungen und die alten, Nur Rostem ists von dem sie Kampfgespräche halten. Von allen Namen ward zuerst mir seiner kund, Ich hörte seinen Ruhm aus seiner Feinde Mund. Wer jenen Riesen schlug? dieß Zauberschloß zerstörte? Nur Rostem, was ich frug, Rostem war, was ich hörte, Stets mit Bewunderung, und oft mit Neide gar, Mit Aerger! wußt ich denn, daß er mein Vater war? Nun aus Semengan hier, und dort aus Turans Marken, Versamml' ich all ein Heer der Mutigen und Starken. Nach Iran will ich ziehn und von dem dunkeln Staube Der Schlacht dem lichten Mond aufsetzen eine Haube. Aufrütteln von dem Thron will ich den Keikawus, Und schlagen aus dem Feld den alten Feldherrn Tus. Wenn Rostem will, geb ich ihm Thron und Kron und Schatz, Und laß ihn sitzen auf Keikawus' Fürstenplatz. Von Iran zieh ich dann nach Turan kampfbereit, Und fordere den Schah Afrasiab zum Streit. Vom Throne stürz ich ihn alswie ein Blitz herab; Die Sonne lang' ich mit der Lanzenspitz herab. O Mutter, aber dich, du höre meinen Schwur an, Mach ich zur Königin von Iran und von Turan. Denn da, wo Rostem ist der Vater, ich der Sohn, O Mutter, bleibt kein Fürst der Welt auf seinem Thron. Wo Mond und Sonne selbst im Glanzvereine stralen, Was wollen Sterne da mit ihrem Schimmer pralen! So rief er, und erstaunt ließ er die Mutter dort; Mit höherm Haupt, als er gekommen, gieng er fort. Von seinem Vater sagt' er keinem doch ein Wort, Im Herzen macht' er ganz den Vater sich zu eigen, Doch wenn den Mund er aufthun wollte, mußt er schweigen. Ihm wars alsob er erst zu Rosse steigen sollte, Wenn er als Rostems Sohn der Welt sich zeigen wollte.
13.
Zu seiner Mutter sprach Suhrab, der junge Held: Den Vater nun zu schaun, Mutter, zieh ich ins Feld. Dazu brauch ich ein Ross, mit meinem Mut schritthaltend, Ein Ross mit einem Huf von Eisen kieselspaltend: Von Stärk ein Elefant, und vogelgleich an Schwung, Im Waßer wie ein Fisch, und wie ein Reh im Sprung, Ein Ross, das meine Wucht und meine Waffen trage, Und nicht von meiner Faust erlieg an einem Schlage. Denn nicht zu Fuße ziemt zum Kampfe mir zu gehn; Vom hohen Ross will ich dem Feind ins Antlitz sehn. Da so die Mutter hört' ihr junges Heldenblut, Zum Himmel hob sie stolz ihr Haupt in hohem Mut. Sogleich befolen ward von ihr dem Hirtenvolke, Zu bringen aus der Trift von Pferden eine Wolke, Damit dem Suhrab käm ein Rösslein fein zur Hand, Auf dem er säße, wann er ritt in Feindesland. Und alles was sich fand von Pferden alzumal, Was aufzutreiben war da zwischen Berg und Thal, Das trieben sie zur Stadt, und Suhrab nam, der Leu, Die Fangschnur nun, und trat zum nächsten ohne Scheu. Welch Ross vor allen stark er sah von Bug und Backen, Des Riemens Schlinge warf er gleich ihm übern Nacken. Er zog es her und legt' ihm auf den Rücken auch Die Hand, da lags gestreckt am Boden auf dem Bauch. Es konte nicht den Druck der flachen Hand ertragen, Er braucht' es mit der Faust zu Boden nicht zu schlagen. Schon war durch seine Hand manch schmuckes Ross geknickt, Und keines kam ihm noch zur Hand, für ihn geschickt. Es schien, es war kein Ross für seine Kraft gerecht, Und traurig ward der Sproß vom Pehlewangeschlecht.
14.
Da stellte sich zuletzt ein alter Recke dar, Und sprach: Ich hab ein Ross, wie keines ist, noch war. Im Gange wie ein Pfeil, im Laufe wie ein Wind; Es ist von Rostems Hengst, vom Rachs, ein einzig Kind. Kein Ross von gleicher Kraft ist auf der Welt zu sehn; Ein Blitz im Rennen ists, und ein Gebirg im Stehn. Die Hitze noch der Frost macht ihm nicht kalt noch heiß, Mit Nüstern voller Dampf, und Poren ohne Schweiß. Ein Wolkenschatten schwebt es über Thal und Hügel, Und segelt durch die Luft, ein Vogel ohne Flügel. Der Pfau zieht ein vor Scham des Rads gespannten Reif, Wenn es die Mähnen hebt, und hoch trägt seinen Schweif. Am Berge klimmend, ist es einem Löwen gleich; Im Waßer schwimmend, ist es einer Möwen gleich. Sein Reiter, wenn im Ritt er schnellt den Pfeil vom Bogen, Kommt schneller als der Pfeil dem Feinde nachgeflogen. So flüchtig ists zur Flucht: auch der von seinen Solen Erregte Staub versucht umsonst es einzuholen. Bei allen Tugenden, die diesem Rösslein eigen, Hats einen Fehler nur: es läßt sich schwer besteigen. Doch wers bestiegen hat, den wirds zum Siege tragen, Der mag darauf den Kampf mit Rostem selber wagen. Froh wurde Rostems Sohn von dieses Wortes Klange, Er lacht' und rosengleich erblühte seine Wange. Laut rief er: Ei so bringt mir gleich das schmucke Ross! Sie brachtens ungesäumt zum jungen Heldensproß. Er machte gleich an ihm mit seiner Hand die Probe, Das Thier war stark genug, und es bestand die Probe. Da schmeichel-streichelt' ers, und sattelt' es geschwind, Aufs starke Ross schwang sich das starke Heldenkind. Im Sattel saß er fest alswie ein Bild von Erz, Und hielt mit leichter Hand die Zügel wie zum Scherz. Er tummelte das Ross, daß es begann zu schäumen, Zu schnauben mit Gebraus, doch durft es ihm nicht bäumen. Da sprach vom Ross Suhrab, indem ers anhielt leise: So hab ich nun ein Ross gewonnen zu der Reise. Nun acht ich mein die Welt, da ich das Ross gewann, Auf dem ich Rostem selbst mit Ruhm bestehen kann.
15.
Er sprachs, und stieg vom Ross, und gieng ins Haus zurück: Da rüstet' er zum Krieg mit Iran Stück um Stück. Wies kund im Lande ward, daß er kriegslustig sei, Strömten von da und dort Kriegslustige herbei Wie eine Sonne war er ihrem Wunsch erschienen; Sie alle wollten Ruhm und wollten Gold verdienen. Die Waffen hatten lang in diesem Land geruht, Und aus der Asche brach nun die verhaltne Glut. Suhrab, gerüstet, trat zu seiner Mutter Vater, Um Urlaub und Geleit und Reisebeistand bat er. Großvater! sprach er: jetzt sollst du mir Spielzeug schaffen; Die Leute hab ich schon, gib mir dazu die Waffen! Denn ohne Waffen ist ein Heerzug mangelhaft; Ein Rösslein hat mir schon die Mutter angeschafft. Doch alles, was mir folgt, soll auch auf Rossen reiten; Kamele sollen dann mit Zehrung uns begleiten. Denn schmausen wollen wir, so oft als wir nicht streiten. Tu deinen Marstall auf, das Vorratshaus mit Kost, Das Zeughaus auch, worin die Waffen frißt der Rost! Dem alten König klang anmutig diese Post, Mit Lachen sah er an den jungen Augentrost; Durchwärmet war sein Frost von diesem feurigen Most. Er sprach bei sich: was ists mit dieser Waffenfart? Ist dieß den Vater aufzusuchen eine Art? Doch sei es wie es sei! es ist das Heldenfeuer Rostems in seinem Blut, und fordert Abenteuer. Da stellt' er, was er hatt', ihm alles zu Befele, Vorrät in Land und Stadt, die Ross' und die Kamele, Futter für Ross und Mann, die Gerste samt dem Weizen; Mit Silber auch und Gold wollt er dazu nicht geizen. Und als er tat darauf das alte Zeughaus auf, Da stand ein Waffenhauf wolfeil der Lust zu Kauf: Schwerter und Wehrgehäng, Leibröcke, Helm und Panzer, Für Schützen Bogen auch, und Spieß und Sper für Lanzer. Suhrab, wie ers empfieng, so teilt' er Wehr und Sold, Es stob ihm von der Hand das Eisen und das Gold. Er sprach: da nemet hin! soviel vermag ich heute; Und wenn ihr mehr begehrt, so helft daß ichs erbeute! Eroberten wir erst des Persers Königreich, So mach ich jeden Mann wie einen König reich.
16.
Dem Schah Afrasiab in Turan ward gesagt, Daß seinen Flug vom Nest ein junger Adler wagt, Der altershalben zwar nichts weniger als flück, Doch seinem guten Mut vertraut und gutem Glück. Ihn hat die Friedensruh, die Turan schläft, verdroßen, Er rüstet sich zu Kampf, und sammelt Schwertgenoßen. Von allen Orten strömt ein Heer zu ihm herbei, Darob hebt er sein Haupt wie eine Zeder frei. Es sproßt der erste Flaum auf seiner Wange kaum, Und schon ist seinem Traum zu eng der Welten Raum; In alle Himmel hoch wächst seiner Hoffnung Baum. Aus seinem Odem weht ein süßer Milchgeruch, Doch eitel Schwert und Dolch ist seiner Lippen Spruch. Mit seinem Dolch will er die Brust der Erde ritzen, Und an die Abendwolk ihr rotes Herzblut spritzen; Keikawus soll vom Thron, dort will er selber sitzen! Den Beutelustigen, die ihm mit leeren Händen Und vollem Mute nahn, hat er viel Gut zu spenden, Und mehr Verheißungen, die denkt er zu vollenden! Sie drängen sich um ihn wie Stralen um die Achse Der Sonn, alsob ein Heer ihm aus dem Boden wachse; Als sei er Rostems Kind, und reit ein Kind vom Rachse! In Wahrheit, wer ihn sieht, der glaubt wol dem Gerüchte, Weil von den Stamme weit nicht fallen dessen Früchte; Er scheint, mit solcher Zucht, von Rostem ein Gezüchte. Wenigstens mutterhalb ist Suhrab edel schon, Des alten Königs von Semengan Tochtersohn! So ward dem Türkenschah geredet und geraunt Von Suhrab, und er war darüber nicht erstaunt. Er lachte still, es war vom Anbeginn ihm kund Tehminas und Rostems geheimer Liebesbund.
17.
Afrasiab, der Schah, nachdem er den Bericht Erwogen, lachte noch, und er misfiel ihm nicht. Der Häupter seines Heers, des nun lang ausgeruhten, Berief er einen gleich, Barman, den hochgemuten. Zwölftausend Recken, frisch von Kraft und scharf von Schneide, Las er dazu, und gab sie ihm mit dem Bescheide: Bewährter Baruman, auf! nach Semengan lenke Den Schritt mit diesem Heer, mit Brief und mit Geschenke. Ermutige mir dort des Mutes jungen Keim! Doch die Geschichte bleibt still zwischen uns geheim. Sag ihm, Afrasiab send ihm Hilfsmannschaft zu, Damit nach Iran er kampflustig zieh im Nu. Dort aber darf den Sohn der Vater nicht erkennen, Und Niemand soll dem Sohn des Vaters Namen nennen. Was weiß ich, ob ein Sohn des Rostem Suhrab sei? Ich frage nicht darnach; mir feind sind alle zwei. Wenn so den einen Feind wir auf den andern hetzen, Können sie doch gegen uns sich nicht zur Wehre setzen. Und wenn die beiden dort einander setzen zu, So sehen wir dem Spiel hier mit Ergetzen zu. Villeicht gelingt es uns: der grimme Kampfleu alt Erliegt im Kampfe vor des jungen Leun Gewalt. Wenn Rostem gegen uns nicht ferner Iran hält, Im Spiele jagen wir den Kawus aus der Welt. Dann aber wollen wir den Suhrab auch beschicken, Mit Schlummer eines Nachts sein Auge so bestricken, Daß ihm die Lust vergeht, nach Kronen aufzublicken! Denn mir ist wolbekannt, daß dieser tolle Knab Erst an Keikawus will, dann an Afrasiab. Doch wenn dem greisen Wolf erliegt das zarte Lamm -- Wenn Suhrab wirklich ist ein Reis von Rostems Stamm -- So wird der zähe Stamm von diesem Gram sich biegen, Und in des Kummers Schlamm der stolze Brunn versiegen. Doch ließe mich mein Glück auch soviel nicht erwerben Daß ich sie alle zwei säh aneinander sterben; So hoff ich, daß uns Gott von einem mindstens helfe, Es sei vom alten Wolf, es sei vom jungen Welfe.
18.
Da schrieb Afrasiab an Suhrab einen Brief, Darin er Gottes Heil ob ihm zum Eingang rief: Das Glück geleite dich, beherzter Heldenknabe, Zum kühnen Werk, das ich mit Lust vernommen habe. Dir send ich fürstliche Geschenke meiner Gnaden, Ross' und Kamele mit Kleinodien beladen; Türkis' aus Turkistan, aus Badachschan Rubinen, Smaragdne Sträuße drei mit Perlentau auf ihnen. Ich habe dir erwählt zwei Kronen edelsteinern, Und ihnen beigezählt zwei Thronen elfenbeinern. Froh mögest du zu Thron auf Elfenbeine sitzen, Und über dir die Kron aus Edelsteine blitzen! Wirst du erst Irans Kron im Streit gewonnen haben, Dann wird Ruh auf dem Thron die Zeit gewonnen haben. Denn ewig ist entzweit, wie Tag und Nacht im Streit, Iran und Turan; du sollst stiften Einigkeit. Von dieser Mark ist weit zu jener nicht der Weg; Semengan, Turan und Iran ist Ein Geheg. Deswegen ist gestellt Semengan auf der Scheide Von Iran und Turan, um zu beherrschen beide. Nun send ich Truppen dir, soviel ich nötig glaube; Kühn setze dich aufs Ross, und auf dein Haupt die Haube! Von meinen Feldherrn send ich dir den Baruman, So tapfer als getreu; der sei dir untertan! Er sei dir untertan mit allen, die er führt; Von ihnen sei die Welt dem Feinde zugeschnürt! Zeuch aus zu Kampf und Sieg! dich soll im Laufe stören Kein Graben und kein Wall, und keine List betören! Bald laße das Gerücht uns deine Taten hören! Von meinen Söhnen all soll keiner meinem Thron So nah stehn als Suhrab, den ich begrüß als Sohn. Er schriebs und siegelte, und gabs dem Baruman; Der trat nicht leichten Muts die schwere Sendung an. In diesem Kriege war kein Ruhm ihm zu erwerben, Als einen Helden durch den andern zu verderben.
19.
Da hörte vom Gerücht Suhrab, daß Baruman Vom Schah Afrasiab mit Truppen zieh heran, Mit Ross und mit Kamel und großem Heergedränge, Ehrengeschenk und Brief und festlichem Gepränge. Der junge Mann, wie er die Kund erfur, schnell tat er Den Gürtel um, und zog mit seiner Mutter Vater. Entgegen zum Empfang zog er schnell wie ein Wind; Wie soviel Volks er sah, froh staunete das Kind. Mehr staunte Baruman, als er die stolzen Glieder, Die edle Bildung sah, das Staunen schlug ihn nieder. Im Staunen war gemischt Furcht und Bewunderung, Und Mitleid, wie er sah den Helden schön und jung. Der greise Feldherr sprach bei sich: Auf Ruhmespfaden Gehn sollte solch ein Schmuck der Jugend ohne Schaden. Verdienen möcht er wol, ihm wäre, statt Verrat, Zum ungestümen Mut beschieden weiser Rat. Wenn ihn der Doppelrausch der Jugend und des Ruhms Zu Falle bringt, o weh dem Stolz des Rittertums! Zu Suhrab sprach er drauf: O edler junger Leue, Den Brief schickt dir der Schah, daß er dein Herz erfreue. Lies mit Bedacht den Brief des Schahs von Turanland, Und was du dann befilst, das steht in deiner Hand. Die Ehrengaben nimm, die dir gesendet sind; Ich selbst steh und dieß Heer dir zu Gebot, o Kind! Suhrab, der junge Mann, nachdem er las den Brief, Das erste war, daß er sein Heer zum Aufbruch rief; Das Heer der Seinigen; dem Barman, seinem Gast Und dessen Leuten gab er auf drei Tage Rast. »Der Mutter Vater soll bewirten euch mit Schmause, Die Mutter selbst dazu; ich geh nicht mehr nach Hause. Es leidet länger nicht mich in der Mutter Haus; Lebt wol, und kommt uns nach! wir reiten euch voraus.« Die Pauke ward gerührt, zusammen strömten Krieger, Und sprangen mit Geklirr, auf Rosse rasch wie Tieger. Die Rosse wieherten, es schmetterten Trommeten, Die Fahnen flatterten, die Fart ward angetreten. Aus Turan brach der Sturm hervor auf Irans Flur; Zerstörung, Flucht und Raub bezeichnete die Spur, Und wüste ward gelegt das Land, soweit er fur.
Drittes Buch.
20.
Da war ein Schloß, das hieß das Weiße Schloß im Land, Darauf die Zuversicht des Reiches Iran stand, Daß es verteidigen den Pass der Grenze sollte, Wenn da hervor ein Feind aus Turan brechen wollte. Drum waren auf dieß Schloß gesetzt, zu Schirm und Halter, Statt eines Wärtels zwei, ein junger und ein alter; Der alte, daß er es behütete mit Rat, Der junge, daß er es verteidigte mit Tat. Hedschir, der junge Vogt, ließ, weil die Waffen schwiegen, Vom Kinde Gesdehems, des alten, sich besiegen. Die hieß Gurdaferid, das heißt »ein Held geschaffen«, Weil sie, die zarte Maid, war wie ein Held in Waffen. Hedschir mit Rennen und mit Schießen nach dem Ziele Versuchte daß er ihr durch Männlichkeit gefiele; Vergebens! weil ihm selbst in diesen Künsten sie Zuvor es tat, kam er mit ihr zum Ziele nie. Er wünschte, daß einmal ein Feind vorm Schloß erschiene, Daß ihren Beifall er im ernstern Kampf verdiene. Und als er eines Tags ein Heer von Türken sah Anrücken, glaubt' er sich zwiefachem Siege nah, Dem einen, den er wollt erringen im Gefild, Dem andern in der Burg am schönen Frauenbild. Da wappnete sich schnell der mutige Hedschir, Und stieg aufs Ross, gespornt von Lieb und Kampfbegier. Des Tores Hüter ließ er weit auftun das Tor Der alten Burg, und ritt zum Einzelkampf hervor. Er ritt den Berg hinab, dem Feind entgegen jach, Und von der Mauer sah Gurdaferid ihm nach.
21.
Mit scharfem Ritte kam der kühne Reck herbei, Und tat ans Türkenheer von weitem einen Schrei: Von wannen sind geschaart die Ritter und die Knechte? Wer unter ihnen ist der Tapferst im Gefechte? Ich habe lange schon auf eure Gegenwart, Alswie ein Bräutigam auf seine Braut, geharrt. Wer wagt es, gegen mich mit eingelegter Lanzen Zu rennen, daß wir hier den Hochzeitreigen tanzen? Desselben Haupt will ich dort auf die Zinne pflanzen! Er hatte seinen Ruf gerufen laut genug, Doch keiner war im Heer, der Lust zur Antwort trug. Zu heben wagte sich nicht eines Türken Hand, Die erste Waffentat zu thun im Perserland. Doch Suhrab, als er all die Tapfern schweigen sah, Ergrimmt' er, und das Schwert zog er für alle da. Alswie ein Tieger bricht am Strom aus Schilf und Rohr, So drang er aus dem Chor der Seinigen hervor. Laut rief er zu dem kampfgerüsteten Hedschir: Was treibt allein dich her mit solcher Kampfbegier? Du meinst wol, daß wir uns vor starken Worten scheuen? Du kamest nicht zur Jagd des Fuchses, sondern Leuen. Aus Turan brach ich auf, ganz Iran will ich zwingen, Und auf dein Haupt soll mir der erste Streich gelingen. Suhrab, den Namen gab mir meine Mutter bei, Und Rostem sagte sie, daß er mein Vater sei. Den Vater eben aufzusuchen zog ich aus; Und wessen Sohn ich sei, zeig ich in Kampf und Strauß. Doch sag auch deinem Stamm, den Namen, und die Deinen! Denn heut muß über dich Braut oder Mutter weinen.
22.
Zur Antwort gab Hedschir: Verwegner, schweige still! Kein Türk ists den ich zum Vertrauten haben will. Der Heldenfänger ich, der Ritter ohne Scheu, Ich bin der Schütze, dem zum Fuchse wird der Leu. Hedschir im Kampfrevier der Helden Zier geheißen Bin ich, gleich will ich dir dein Haupt vom Rumpfe reißen. Zwei Geier kreischen dort sich in den Lüften heischer, Es wittern ihren Raub die ungestümen Kreischer; Den beiden wirst du nun zum Gastmahl aufgetischt, Daß ihre Heischerkeit dein junges Blut erfrischt. Dann fliegen sie nach Nord und Süd, und für das Futter Dankt deinem Vater der, und jener deiner Mutter. Die Mutter weint gewis ums Kindlein, ihr entrißen, Der Vater aber wird villeicht von dir nicht wißen. Doch jauchzen über mich, nicht weinen soll die Braut, Die schöne, die auf uns dort von der Mauer schaut! So rief er aus, und sah zur Jungfrau an der Zinne; Zu lächeln schien sie ihm, so täuschten ihn die Sinne: Ihn blendete der Glanz der Sonn und Kraft der Minne. Auf einen Augenblick hatt' er des Kampfs vergeßen, Und nach der Zinne sah sein Gegner auch indessen. Da sah er einen Stral, wie er noch nie geschaut, Und doppelt zürnt' er nun dem, der sie nannte Braut. Er sprach: die Perser sind vor mir wie Spreu im Wind, Doch lieblich anzusehn ist solch ein Perserkind. Wol ists der Mühe werth, zu stürmen solche Zinnen, Wenn solche Schätze sind darinnen zu gewinnen. Doch wenn ich dächte, daß sie diesem zugelacht, Ich hätte zweimal ihn, nicht einmal, umgebracht! So in Gedanken war Suhrab mit ihr beschäftigt, Hedschir durch einen Blick auf sie war neu gekräftigt.
23.
Doch von der Zinn hinweg und von der Jungfrau warf Den Blick nun der und der auf seinen Gegner scharf. Im Sattel jeder sich gleich einem Feuer schwang, Und setzte seinen Hengst wie einen Berg in Gang. So schnell da Schaft mit Schaft sich durcheinander flocht, Daß man den einen nicht vom andern kennen mocht. Nach Suhrabs Mitte stieß Hedschir den blanken Schaft; Am festen Gurte fand die Spitze keinen Haft. Doch Suhrab bog zurück den eignen Sper behende, Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende. Recht zwischen Mann und Gaul schob er den Hebebaum, Und aus dem Sattel flog Hedschir und merkt' es kaum. Zur Erde warf er ihn alswie ein Felsenstück; Da lag er, und es blieb kein Sinn an ihm zurück. Vergangen war die Welt vor seinem Augenlid, Der Himmel und das Feld, die Burg und Gurdafrid. Vom Pferde Suhrab sprang und saß ihm auf die Brust; Er hatte nun den Kopf ihm abzuschneiden Lust. Da drehte sich Hedschir, und stützt' auf einen Arm Sich schwach, den andern streckt' er vor, und rief: Erbarm! Laß gnug sein an der Schmach, daß so mein Stolz zerbrach, Und mich im Angesicht der Burg dein Sper abstach! Wie wird die Stolze sich an meinem Sturze weiden! Das tötet mich; du brauchst dieß Haupt nicht abzuschneiden. Nun ist sie frei von mir; du nim mich hier gefangen! Du kanst im fremden Land Kundschaft durch mich erlangen. Wer, da ich dir erlag, wird dir noch widerstehn? Laß mich gefangen mit zu deinen Siegen gehn!
24.
Er schwieg, und harrte stumm auf Tod nun oder Leben; Und sich entschloß der Held ihm nicht den Tod zu geben. Er dachte: Wenn ich ihn gefangen mit mir führe, Lock ich manch andren Fang villeicht in meine Schnüre. Er kann einmal im Feld mir meinen Vater zeigen, Auch hier die Stelle wol, die Mauer zu ersteigen. Wenn er die Burg mir will, und was darin ist, geben, Als schlechten Preis dafür laß ich ihm gern das Leben. So sprach er und begann zu binden ihn mit Stricken, Und den gefeßelten dem Lager zuzuschicken. Im Lager kam er an zugleich mit Baruman, Der in Semengan kurz die Rast hatt' abgethan. Er war in Eile dem ihm von Afrasiab Zur Hut empfolnen nachgeeilt mit Heerestrab; Und war nur eben recht gekommen um zu sehn Die Frucht des ersten Kampfs, der durch Suhrab geschehn. Wie er gefeßelt sah die stolzen Heldenglieder, Die jener schlug in Band, schlug er die Augen nieder. Er staunt' und freute sich, und fühlte Scham und Reu, Daß er nicht gegen ihn sein durft aufrichtig treu. Im Lager aber war von Türken alt und jung In jedem Munde laut Suhrabs Bewunderung. Es priesen seinen Sieg, die den Besiegten sahn, Und jetzo sahn sie selbst den Sieger schweigend nahn. Ins Lager langsam ritt er auf dem Roß zurück, Und hörte kaum, wie sie ihm riefen Heil und Glück. Er dacht an viel, was ihm der Himmel nicht beschied, An seinen Vater bald, bald an Gurdaferid.
25.
Von Siegesfreude war das Türkenlager voll, Derweil im weißen Schloß ein Wehgeschrei erscholl. Ein Wehgeschrei erscholl darin von Mann und Weib Um den mit Schmach im Kampf verlornen Heldenleib. Ein Wehgeschrei erscholl im ganzen Schloße drinnen, Allein Gurdaferid stand schweigend an den Zinnen. Sie schaute schweigend nach der Stelle noch, wo brach Den Perserstolz ein Türk, der ihn vom Sattel stach; Und rief: O Scham, o Schmach! Weh um Hedschir, den Degen! Du rühmtest dich ein Mann, und bist dem Kind erlegen. Wie hast du ungeschickt um meine Gunst gebuhlt! Dein Sper war stumpf gespitzt, dein Gaul war schlecht geschult. Verlachen könnt ich dich; daß aber dich verlache Der Feind, das kränket mich, und fordert Freundesrache. Wie? rühmen sollte sich ein blonder Türkenknabe, Daß er so leicht erlegt den ersten Perser habe? Wenn er die Männer hier für Weiber halten kann, Soll er an einem Weib nun finden seinen Mann! Vom Kampfplatz ritt er weg gleich einem lichten Sterne, Sah sich noch einmal um, dann schwand er in der Ferne. So zierlich tummelt' er sein Roß, man sahs nur gern; Laß sehn, ob er von nah so schön ist als von fern! Halbscherzend rief sies aus, und schritt vom Wall nach Haus; Dort las sie sich zum Schmuck die schönsten Waffen aus. In einem Drathelm barg sie ihrer Locken Zier, Und nam vors Angesicht ein indisches Visier. In voller Rüstung sprang sie auf ein Ross im Lauf, Und flog der Pforte zu, die that der Pförtner auf. Ihr Vater Gesdehem sah ihren Ausritt nicht, Sonst hätt er sie gehemmt in ihrer Zuversicht.
26.
Sie kam alswie ein Mann den Berg herab vom Schloß, Ein Gurt um ihre Mitt und unter ihr ein Ross. Sie flog den Berg vom Schloß herab gleich einem Falken, Und schwang in ihrer Hand erztrümmernd einen Balken. Ans Türkenlager kam sie wie ein Sturm herbei, Da that sie einen durchs Visier verstärkten Schrei: »Wer sind die Recken hier? und wer ist der sie führt? Wer ist es, dem der Tod von meiner Hand gebührt? Ein guter Freund ward mir vom Rosse hier gestochen; Wer fällte den Hedschir? dem sei hier zugesprochen! Und wenn derselbe selbst hervorzutreten zagt, So komm ein andrer, der mit mir die Probe wagt. Ihr sollt nicht glauben, weils an einem euch gelang, Daß Turans Trotz den Stolz von Iran schon bezwang! Was einer schlecht gemacht, das macht ein andrer gut; Die blaße Schmach Hedschirs röt ich mit wessen Blut? Wer hat sein Leben feil? wer hat zum Kampfe Mut?« Vom stolzen Lager war gehört die Forderung, Und ihr zu folgen stand schon mancher auf dem Sprung. Doch allen kam zuvor Suhrab mit einem Sprunge Aufs Ross, indem er rief: Ihr wartet, alt' und junge! Den Handel, den ich angefangen, muß ich enden; Wegnemen soll mir keins die Arbeit untern Händen. Das ist zum einen Stück das andre, wie ich merk, Und beide Stücke sind zusammen erst ein Werk. Sagt dem Hedschir: Zum Trost schaff ich in seiner Not Einen Genoßen ihm, lebendig oder tot! So rief der junge Held, und ritt von dannen jach; Das Türkenlager rief ihm lauten Beifall nach.
27.
Auf einen Bogenschuß ritt er zu ihr hinan; Er lachte leis' und kniff die Lippe mit dem Zahn. So sprach er froh bei sich: ein andres edles Thier Ist hergekommen in des Jagdherrn Jagdrevier. Wie in dem Dickicht, wo ein Leu sein Lager hat, Wo ihm verfallen ist zu Raube, was da naht; Die stärkste Hirschkuh hat er eben dort bezwungen, Da kommt das zarte Kalb der Mutter nachgesprungen. Lautblöckend suchet es die Mutter in der Not, Und fand an Mutter Statt den Löwen und den Tod. Des Löwen Mittagstisch war mit der Kuh beraten, Und nun zur Abendkost dient ihm des Kälbchens Braten. Wer sendet Beut auf Beut hernieder zum Gewinne Mir von der alten Burg, daß keine mir entrinne? Das thut die Zauberin dort oben an der Zinne! Die nam durch Zauber hin nur erst des Einen Sinn, Und schon durch Minne reißt sie auch den andern hin. So möge sie, wo sie den ersten fallen sah, Den zweiten liegen sehn, wann ich ihm komme nah! Er sprachs, und wendete vom Platz des Kampfes fort Den Blick zur Burg hinauf, und suchte jene dort: Es wundert' ihn, daß sie nicht stand am vorgen Ort. Er dachte, daß sie dort noch immer an der Zinne So müßte stehn alswie sie stand vor seinem Sinne. Er wußte nicht, daß sie, anstatt ihm zuzusenden Frohnkämpfer, selbst zum Kampf sich liefre seinen Händen.
28.
Doch Gurdafrid besann sich auch, als sie den Mann Zu Rosse halten sah, dem nicht Hedschir entrann. Zu schwenken sie begann ihr mutges Rösslein leise, Daß sie erst ihren Feind im weitern Kreiß umkreiße. Reizend die Kampfbegier Suhrabs, und spottend ihr, War sie nicht hier noch dort, war sie bald dort bald hier. So wie ein Krähenschwarm den Adler, wo er schwebt, Umschwärmt, und ein Geschrei von jeder Seit erhebt; Sie sind ihm, wo er fliegt, nah überall vom weiten, Und ihrer Zungen Pfeil trifft ihn von allen Seiten: So kam dort von der Hand Gurdaferids, vom Bogen, Den sie hielt unverwandt, Pfeil über Pfeil geflogen. Ihr Köcher war ein Meer, und schöpfte nie sich leer, Er war ein Lagerwall, der ausspie Heer auf Heer; Und Suhrabs Rüstung ward von leichten Spitzen schwer. Sie hafteten an ihm, und konten nicht ihn ritzen, Sie dienten nur das Blut des Helden zu erhitzen. Erst achtet' er ein Spiel der Tropfen Sprüheregen, Den er abschüttelte, dann wards ihm ungelegen, Und mit erhobnem Schild im Zorne rief der Degen: Wielange treiben willst du dieses Knabenspiel? Du triffst mit jedem Pfeil, und jeder fehlt das Ziel. Wir Türken ließen euch solang in Ruhe sitzen, Ihr Perser, um den Pfeil mit Zierlichkeit zu schnitzen; Am groben Erze nun stumpft ihr die feinen Spitzen. In deinem Bienenkorb, wieviel hast du noch Bienen? Hier eingetragen wird kein Honig dir von ihnen. Du magst im Frühlingshain ein kleines Vöglein schießen, Den großen Vogel Greif wirst du damit nicht spießen. Nun aber laß einmal den eitlen Zeitvertreib, Und, bist du nicht ein Weib, geh mir als Mann zu Leib!
29.
Er riefs, und übern Arm warf sie des Bogens Sennen, Und gegen Suhrab nun ließ sie den Schlachtgaul rennen. Anlegte sie den Schaft der Lanze so mit Kraft, Es wäre nicht der Stoß zu nennen mädchenhaft, Hätt er getroffen nur; doch Suhrab bog geschwind Zur Seite Leib und Ross, der Stoß gieng in den Wind. Nun schwang er hinter sich den eignen Sper behende, Und an den Gegenmann legt' er das untre Ende; Daran ein Haken war, der nicht so leicht sich bog, Wenn einen Gegner er damit vom Sattel zog. Vom Sattel lüpft' er sie wie einen Federball; Es fehlte noch ein Ruck, so kam ihr Stolz zu Fall. Doch Gurdafrid nam war, wie sie gefährlich schwankte, Und zog ein kurzes Schwert, dem sie die Rettung dankte. Sie hieb den Schaft entzwei, der sie vom Sitze schob, Und wieder saß sie fest, daß Staub vom Sattel stob. Zwar die Besinnung nicht, und nicht das Gleichgewicht, Verloren hatte sie jedoch die Zuversicht. Sie sah, daß sie nicht war für diesen Kampf der Mann; Die Zügel zuckte sie dem Rösslein, und entrann. Auch Suhrab gab den Zaum dem schöngemähnten Drachen, Und wollte nun den Tag dem Feinde finster machen. Er kam auf seinem Hengst ihr zornig nachgeschnaubt; Da wandte sie sich schnell, und nahm den Helm vom Haupt. Sie glaubte beßer als durch männliches Gefecht Sich zu verteidigen durch Schönheit und Geschlecht.
30.
Von ihrem Haupte quoll die Fülle dunkler Locken, Und Suhrab sah ein Weib statt eines Manns erschrocken. Er rief: Wenn solchen Kampf beginnen Perserinnen, Ei welchen werden dann die Perser erst beginnen! Aus Wolken Staub, und Blut aus Felsen werden haun Im Krieg die Männer, wenn so kriegrisch sind die Fraun! Führt, Holde, dich zu mir hernieder die Begier Des Kampfes, oder ein Verlangen nach Hedschir? Nun weiß ich wol, warum du droben an der Zinne Nicht stehst, weil Kampflust dich herabführt oder Minne! Als ich dich droben sah, dacht ich: wie schön sie ist! Nun aber seh ich, daß du noch viel schöner bist. Ein schöner Reh als du fiel nie in Jägerstricke; Nie hoffe frei von mir zu machen dein Genicke! Er riefs, und nam vom Gurt die Fangschnur weitgeringelt, Warf sie, und Gurdafrid war um die Mitt umzingelt. Gefangen sah sie sich, und wäre gern entgangen; Sie sann auf schnellen Rat, den Fänger selbst zu fangen. Die Nacht der Locken hob sie weg vom Angesicht, Die halb es barg, und gab dem Monde volles Licht, Indem sie lächelte, und sprach: Held ohne Scheu, In Männermitte wie im Thierechor der Leu! Mich zog so sehr zu dir nicht her die Kampfbegier, Noch auch Sorg um Hedschir; wer ist Hedschir vor dir! Nur weil von droben fern ich dich so mannhaft sah, So edel von Gestalt, wollt ich dich sehn auch nah. Nun hab ich dich gesehn; ich hätte nie gedacht, Daß solchen Heldenschmuck Turan hervorgebracht! Ei! mögen ihren Krieg mit dir die Perser füren! Du wirst die Männer all, nicht nur die Fraun, umschnüren. Doch wünschest du, wie ich, daß ein Verständnis sei Des Friedens zwischen uns, so gib zuerst mich frei!
31.
So sprach die Schmeichlerin, als sei sie seine Schwester; Doch Suhrab zog die Schnur um seine Beute fester, Und sprach: Wenn ich nun gleich die Stricke näme fort, Woran dann hielt ich dich? Sie sprach: An meinem Wort. Ich gebe dir mein Wort, daß, wenn es dir geliebt, Sich dir zugleich ein Schloß und eine Braut ergibt. Ich gebe dir das Schloß, und, ist es dir genem, Mich selber, wenn nur will mein Vater Gesdehem. Mein Vater ist gewis bereit daß er mich löse; Erfärt er, wo ich bin, so wird er auf mich böse. Ihm hinterm Rücken ritt ich aus dem Schloße fort, Und meiner harrend steht er wol im Tore dort. Komm! eh von oben hier mich sehn die Meinigen, Und dich vom Lager dort herauf die Deinigen, Und beide sich im Spott ob uns vereinigen! Denn spotten werden sie und sagen, daß ein Mann Wie du nie solchen Kampf mit einem Weib begann. Was haben sie solang einander zu berichten? So fragen sie; drum laß den Handel schnell uns schlichten. Du reit hinan mit mir den Berg! ich gebe dir Die Schlüßel zu dem Schloß, doch erst gib Freiheit mir! Sie sprachs, und sah dazu ihn an mit einem Blicke, Mit dem sie übertrug von sich auf ihn die Stricke; Betöret nam er ihr die Fangschnur vom Genicke. Wie fühlte sie mit Lust den schönen Nacken frei, Und wie mit Stolz! sie sah nun erst, wie stark sie sei, Da solche Haft sie brach mit einer Schmeichelei. Froh spornte sie ihr Ross, und ritt im Abendschein Voraus den Schloßberg an, Suhrab ritt hinterdrein.
Viertes Buch.
32.
Im Schloßwall hinterm Tor, mit Sorgen und mit Trauer, Nach seinem Kinde stand der Vater auf der Lauer, Den Ungehorsam bald, bald ihren Uebermut Laut schalt er, doch geheim lobt' er sein Heldenblut. »Wenn sie nur unversehrt vom Abenteuer kehrt, So sei nichts auf der Welt dem Töchterchen verwehrt; Nur solch ein zweiter Ritt sei nicht von ihr begehrt! Doch weniger mit ihr zürn ich, als auf Hedschir; Sein Unfall riß mein Kind so hin mit Kampfbegier. Wer aber rettet mir mein Täublein aus den Krallen Des Habichts, dem zum Raub der Kampfhahn selbst gefallen? Thu ich die Pfort hier auf, daß ich zur Hilf ihr eile, Damit der alte Vogt des jungen Torheit teile? Wart ich geduldig, bis der Himmel und ihr Glück, Ihr Mut und kluger Rat mir bringt mein Kind zurück?« Er sprachs, und lauscht' hinaus, und hört' ihr Rösslein traben; Schnell tat er auf, um schnell sein Kind herein zu haben. Gurdaferid ersah der Rettung offnes Tor, Doch ihr Begleiter klomm hart hinter ihr empor; Da kam sie ihm geschwind mit einem Sprung zuvor. Sie huscht' hinein alsob sie flög auf Taubenschwinge, Und rief: Nun warte, Freund, bis ich die Schlüßel bringe! Der Schloßvogt schloß geschwind das Tor nach seinem Kinde Gehäbe, daß kein Wind den Weg durchs Spältchen finde. Sie war hinein, Suhrab war draußen auf dem Ross, Des Schlüßels wartet' er zu dem verschloßnen Schloß.
33.
Da neigte Gurdafrid sich von der Zinne droben, Und rief: Kehr um, o Held, umsonst sind deine Proben. Kehr heim, der Abend naht, von deiner Waffentat Zum Türkenlager, dort halt in der Nacht Kriegsrat! Da dir der Handstreich heut aufs weiße Schloß mislang, So rüst auf morgen dich zu einem neuen Gang! Er blickt' empor und sprach: o schöne Persermaid, Daß du treuloser noch als schön bist, thut mir laid. Daß mir solch eine Braut, solch eine Burg entflogen, Das reut mich nicht sosehr, als daß ich ward betrogen. Nun, diese Burg ist doch nicht wie der Himmel hoch; Und wär sie höher noch, herunter mußt du doch. Herunter bringen werd ich dich, im Sturm erringen Das Schloß, du brauchest mir die Schlüßel nicht zu bringen. Sie sprach: Ereifre nicht, o schöner Türkenknabe, So sehr dich, daß ich nicht gebracht die Schlüßel habe. Der Vater hat sie selbst heut in Verschluß genommen; Ich könnte, wollt ich auch, nicht zu den Schlüßeln kommen. Auch deine Werbung hab ich heimlich ihm vertraut; Er sprach: Ein Türke find in Iran keine Braut. Ich rate dir, kehr um, und nim, die dein begehrt, Die schönst in Turan nim! du bist der schönsten wert. Kehr um, ich rate dir, laß guten Rat dir frommen, Eh Kawus es erfärt, und seine Helden kommen. Wenn Rostem kommt heran, der Perser-Pehlewan, O Schmuck aus Turkistan, dann ists um dich getan. Kehr um in deiner Kraft! du stehst hier an der Grenze; Schad um die Blume, wenn sie bricht ein Sturm im Lenze. Ich weinte selbst um dich, wenn ich dich sähe fallen; Denn beßer hat als du mir noch kein Mann gefallen.
34.