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Estnische Märchen.

Aufgezeichnet von

Friedrich Kreutzwald.

Aus dem Estnischen übersetzt

von

F. Löwe,

ehem. Bibliothekar a. d. Petersb. Akademie der Wissenschaften, corresp. Mitglied der gelehrten estnischen Gesellschaft zu Dorpat.

Zweite Hälfte.

Dorpat.

Verlag von C. Mattiesen.

1881.

Von der Censur gestattet. -- Dorpat, den 12. März 1881

Druck von C. Mattiesen in Dorpat 1881.

Vorwort.

Dr. Friedrich Kreutzwald, der hochverdiente Kenner und Erforscher der estnischen Sprache, erhielt von der finnischen Literaturgesellschaft in Helsingfors den ehrenvollen Auftrag, eine Sammlung von estnischen Märchen herauszugeben. Die Sammlung (Eesti rahwa ennemuistesed juttud) erschien im Jahre 1866 in Helsingfors im Verlage der Literaturgesellschaft; sie umfaßt auf 368 Seiten 43 größere und 18 kleinere Stücke. Mit Bewilligung der finnischen Gesellschaft und des Herrn Dr. Kreutzwald hat Herr F. Löwe die Märchen übersetzt. Die erste Hälfte wurde schon im Jahre 1869 veröffentlicht (Halle. Verlag der Buchhandlung des Waisenhauses 1869, 366 S. 8^o); die zweite Hälfte wird erst jetzt den Kennern und Liebhabern der Volkspoesie dargebracht; es hat lange Zeit gewährt, ehe die mancherlei Schwierigkeiten, welche dem Erscheinen der Märchen-Uebersetzung sich entgegenstellten, überwunden werden konnten.

Die Leser werden in den vorliegenden estnischen Märchen mancherlei Bekanntes finden; Reminiscenzen an die Kinderjahre und an die Grimm'schen Märchen werden bei Manchem auftauchen. Unzweifelhaft sind viele der estnischen Märchen entlehnt. An solchen Entlehnungen sind die Esten nicht ärmer als andere Völker, und es gewährt ein eigenthümliches Interesse, mehr oder minder anderswo bekannte Stoffe in ihrer estnischen Einkleidung zu betrachten. Allein nicht blos die Freude an der poetischen Behandlung der einzelnen Märchen ist es, was uns auffordert, denselben unsere Aufmerksamkeit zuzuwenden. Es knüpft sich eine ganze Anzahl rein ethnographischer und historischer Fragen an die Betrachtung ihres Inhalts. -- -- Sicher ist es, daß, wenn wir die estnischen Märchen betrachten, wir es mit den Einflüssen der verschiedensten Zeiten und Völker zu thun haben. -- Manche Züge weisen unverkennbar auf litauische Berührungen hin, andere zahlreichere und wohl auch jüngere auf russische Elemente. Da die Küstenstriche Estlands und namentlich die zunächst liegenden Inseln schwedische Bevölkerung gehabt und zum Theil auch noch gegenwärtig haben, ist der letzteren nebst manchem Märchen auch mancher aus der ältesten Zeit stammende Mythus entnommen. Aber auch die neueste Zeit hat aus der Kinderstube der deutschen Familie sowohl in der Stadt als auf dem Lande so manche Märchen in die Bauerhütte verpflanzt. Nicht minder haben die aus dem Kriegsdienst heimkehrenden Esten so manche Erzählung, die sie früher im schwedischen und später im russischen Heere vernommen hatten, den hörlustigen Leuten in der Heimath zugetragen (Vergl. A. Schiefner im Vorwort zu der ersten Hälfte der Uebersetzung der estnischen Märchen).

Inhalt.

Seite 1. Baumling und Borkling 1-4 2. Des Nebelberges König 4-9 3. Die schnellfüßige Königstochter 9-23 4. Loppi und Lappi 23-26 5. Der Pathe der Grottennymphen 26-36 6. Seltene Weibestreue 36-49 7. Aschen-Trine 49-57 8. Reichlich vergoltene Wohlthat 57-60 9. Die Stiefmutter 61-67 10. Klugmann in der Tasche 67-80 11. Der zaubermächtige Krebs und das unersättliche Weib 81-88 12. Der Findling 88-95 13. Wie sieben Schneider in den Türkenkrieg zogen 95-106 14. Der Glücksrubel 106-118 15. Der närrische Ochsenverkauf 118-123 16. Der mildherzige Holzhacker 123-127 17. Die nächtlichen Kirchengänger 128-135 18. Des Schützen abhanden gekommenes Glück 135-142 19. Der aus Gefahr erlöste Königssohn wird der Retter seiner Brüder 142-152 20. Localsagen. a. Warum Reval niemals fertig werden darf 152-153 b. Der Gerbleder-Verkäufer 153-154 c. Das Fräulein von Borkholm 154-155 d. Der winselnde Fußknöchel 155-158 e. Der von der Stelle gerückte See 158-161 f. Die Kaufmannstocher von Narva 161-163 g. Wo Narva's früherer Reichthum liegt 163-164 h. Das Mädchen von Waskjalasild 164-165 i. Emmujärw und Wirtsjärw 165-167 k. Die Tochter des Strandbewohners von Tolsburg 167-168 l. Die Steindenkmale der Hungersnoth 168-169 m. Der Herren von Pahlen Schutzgeist 169-171 n. Der aus den Klauen eines Adlers gerettete Königssohn 171-172 o. Die Meermaid und der Herr von Pahlen 172-174 p. Der Kapellenbau 174-174 q. Ein Herr von Pahlen rettet Reval aus Feindeshand 174-175 r. Der Frauen von Pahlen Todesboten 175-175 s. Der Heimgänger-Schütze 175-178

1. Baumling und Borkling.

Einem geizigen Wirthe machte es unaufhörlich Aerger und Kummer, daß Knechte und Mägde nicht bei ihm aushielten. Obwohl er nicht mehr Arbeit von ihnen verlangte als andere Wirthe, so fand doch der Unterschied statt, daß er seinen Dienstleuten nicht soviel zu essen gab, daß sie satt werden konnten. Hatte einer das Hundeleben ein viertel oder halbes Jahr ertragen, so zwang ihn Hunger, wieder davon zu laufen; und als es endlich in der Runde umher bekannt geworden war, warum das Gesinde nicht blieb, da wurde es dem knauserigen Wirthe ganz unmöglich, noch Bedienung zu bekommen. Weit in Allentacken[1] lebte ein berühmter Weiser, zu dem eilte der Wirth sich Raths zu erholen, brachte ihm einen Sack voll Geld und andere Geschenke und fragte bei ihm an: ob es nicht möglich sei, Knecht und Magd zu finden, die sich mit weniger Nahrung begnügten und den Wirth nicht kapp und kahl fräßen. Der Weise erwiderte: »Möglich ist das Ding wohl, allein es geht über meine Kraft, da mußt du zum alten[2] Wirthe gehen, der dir allein helfen kann.« Darauf gab er weitere Anleitung, wie der Mann an drei Donnerstagen Abends, kurz vor Mitternacht, einen schwarzen Hasen im Sacke, auf den Kreuzweg gehen und dort pfeifen müsse, damit der alte Wirth komme. »Versuche dann selbst, wie ihr Handels eins werdet,« sagte der Weise, »ich kann hier nicht weiter helfen. Aber laß dich nicht betrügen.« Als der Mann fragte, wo er einen schwarzen Hasen her kriegen solle, hieß ihn der Weise eine schwarze Katze mitnehmen.

Als nun der nächste Donnerstag gekommen war, steckte der Wirth die Katze in den Sack und ging auf den Kreuzweg, obwohl ihm etwas bänglich zu Muthe war. Er pfiff und wartete, aber es kam Niemand. Endlich pfiff er noch einmal und dachte dabei: wenn er jetzt nicht kommt, so habe ich den Weg umsonst gemacht. Da erhob sich in der Luft ein Geräusch, als ob ein Blasebalg in der Schmiede getreten würde, dann sah er eine dunkle Masse oben in der Luft schweben und eine Stimme fragte: »Was willst du, Brüderchen?« -- »Ich habe einen schwarzen Hasen zu verkaufen,« erwiderte der Mann. »Komm nächsten Donnerstag, ich habe heute keine Zeit, mit dir einen Handel zu machen,« sagte die Stimme und damit entschwand auch die dunkle Masse den Blicken des hinaufschauenden. Der Mann war wohl etwas verdrießlich, daß er den Weg umsonst gemacht hatte, allein was half's, Höheren gegenüber muss ein geringer Mann immer geduldig sein. Den zweiten Donnerstag ging die Sache etwas besser von Statten. Gleich auf sein erstes Pfeifen erschien ein altes Männchen mit einem Schultersack und fragte: »Was willst du, Brüderchen?« Der Mann antwortete wieder: »Ich habe einen schwarzen Hasen zu verkaufen.« »Was kostet er?« fragte der fremde Alte. Der Mann erwiderte: »Ich verlange für den Hasen weiter nichts als einen Knecht und eine Magd, die mir dienen, aber mich nicht kapp und kahl fressen.« »Auf wie viele Jahre willst du den Vertrag abschließen?« fragte der alte Wirth. »Meinethalben auf die Zeit meines Lebens,« gab der Bauer zur Antwort. Aber der Fremde bedeutete ihn, daß dies durchaus nicht angehe und daß sie keinen andern Vertrag miteinander abschließen könnten als auf sieben oder zweimal sieben Jahre. »So komme nächsten Donnerstag, und bringe deinen schwarzen Hasen mit, ich werde dir dann einen Knecht und eine Magd bringen, denen du weder Speise noch Trank zu geben brauchst, nur mußt du sie bei der Hitze des Nachts zum Weichen in's Wasser legen, sonst welken sie und sind nicht mehr im Stande zu arbeiten.«

Der Mann war am Abend des dritten Donnerstags wieder am Kreuzwege und pfiff, worauf der alte Wirth sogleich erschien, aber allein, weder ein Knecht noch eine Magd waren mitgekommen. »Du mußt mir von deinem Ringfinger drei Tropfen Blut[3] zur Festmachung des Vertrages geben, damit du nicht zurücktreten kannst,« sagte der Fremde. Der Mann fragte, wo denn der Knecht und die Magd wären. »Im Sacke« erwiderte der alte Wirth. Da nun der Schultersack nur klein war, fürchtete der Bauer einen Betrug. Der Fremde, welcher dessen Gedanken zu errathen schien, sagte: »Ich betrüge dich nicht!« Dann ergriff er den Sack und warf einen Quast von der Größe einer Hedekunkel heraus, indem er sagte: »Hier ist dein Knecht!« Ein langer breitschult'riger Mann stand sofort neben dem alten Papa. Ein zweiter Quast flog aus dem Sacke und es war ein Mädchen daraus geworden. »Deine Diener sind hier, sie werden nicht zu essen verlangen, sagte der Fremde. »Jetzt gieb mir die Blutstropfen zur Besiegelung und den schwarzen Hasen, dann kannst du nach Hause gehen.« Der Mann that wie verlangt und fragte zuletzt, wie denn die neuen Diener wohl hießen. »Des Knechtes Name ist Baumling und der Magd Name ist Borkling,« sagte der alte Wirth, steckte den vermeintlichen Hasen in den Sack und ging seiner Wege! Der Bauer aber ging mit seinem Gesinde heim.

Der Knecht und die Magd thaten Tag für Tag vom Morgen bis zum Abend ihre Arbeit, ohne jemals Nahrung zu fordern, was den Wirth sehr erfreute, und wenn sie manchmal an einem heißen Sommertage zu welken schienen, so wurden sie zur Nacht eingeweicht und waren am andern Morgen so frisch und stark wie zuvor. Der geizige Wirth scharrte nun jedes Jahr immer mehr Geld zusammen, weil er seinem Gesinde weder Brot zu geben noch Lohn zu zahlen brauchte. So waren endlich zwei mal sieben Jahre beinah vorüber gegangen, nur noch einige Wochen fehlten. Dem Wirthe kam die Sorge, daß er die Diener verlieren könnte, darum dachte er hin und her, wie es wohl möglich wäre die Frist zu verlängern.

Eines Morgens war er aufgestanden und sah, daß Knecht und Magd noch nicht bei der Arbeit waren. Er meinte, sie schliefen noch auf dem Boden und kletterte auf der Leiter hinauf. Aber da war Niemand zu finden. Auf der Stelle, wo sie geschlafen hatten, fand er einen verfaulten Baumstumpf und ein Häuflein Birkenrinde. Da wurde es ihm plötzlich klar, was die Namen des Knechts und der Magd bedeutet hatten; ohne Zweifel waren die Beiden durch Zauber aus Holz und Bork gemacht. Eben wollte er die Treppe wieder hinunter steigen, als eine Hand ihn an der Gurgel packte und ihn auf dem Flecke erwürgte. Die Frau fand später auf dem Rande des Bodens nichts weiter als drei Blutstropfen. Als sie in die Klete (Vorrathskammer) ging, nahm sie wahr, daß die Kornkasten leer waren und die Geldkiste nur mit welken Birkenblättern angefüllt. So war mit einem Male alle Habe dahin und die verwittwete Frau starb vor Kummer ebenfalls; doch erfuhr sie nichts davon, daß der alte Bursche den Wirth, der ihm aus Geiz seine Seele verkauft, erdrosselt hatte. Diesen Lohn hatte nun der geizige Mann davon, daß er seinen Reichthum frevelnder Weise zusammengescharrt hatte.

[Fußnote 1: Die Bucht an der Ostsee westlich vom Lauf der Narowa. L.]

[Fußnote 2: Identisch mit dem in dem ersten Bande häufig vorkommenden »alten Burschen« (dem Bösen). L.]

[Fußnote 3: Vgl. Bd. 1, S. 67. Anm. L.]

2. Des Nebelberges König.

Es waren einmal Dorfkinder auf Nachthütung im Walde, die Nacht war kalt und neblicht, so daß auch am Feuer die erstarrte Hand nicht mehr warm werden wollte. Da sagte eins der Mädchen, das einen aufgeweckten Geist hatte: ich will lieber ein Stück Weges laufen, das wird mir mehr Wärme geben als das Sitzen am Feuer. Mit diesen Worten sprang es auf und lief davon. Die andern lachten hinter ihr her und sagten: sie wird wohl bald zurück kommen! Aber der kleine Flüchtling kam nicht zurück. Als die Morgenröthe schon am Himmel stand, fingen sie an das verschwundene Mädchen zu rufen, erhielten aber von keiner Seite her eine Antwort. Die Kinder meinten nun, sie müsse wohl in's Dorf gegangen sein. Als man aber heim kam, war die Vermißte nirgends zu finden. Die Aeltern gingen in den Wald, ihre Tochter zu suchen; umsonst aber strichen sie über einen halben Tag lang von einem Flecke zum andern, sie fanden keine Spur von ihr. Da dachten sie mit Schrecken daran, daß wilde Thiere das Mädchen getödtet haben könnten. Sorgenvoll und betrübt gingen sie gegen Abend wieder nach Hause.

Das verloren gegangene Kind war schon eine Strecke weit von den übrigen abgekommen, als es an eine Bergspitze gelangte, auf der ein kleines Feuer brannte, weiter konnte es durch den dichten Nebel nichts sehen. Das Kind dachte, seine Gefährten seien da am Feuer, kletterte den Berg hinan und sah, daß ein graubärtiger einäugiger Mann ausgestreckt am Feuer lag und es mit einem Eisenstecken schürte. Das Kind erschrack und wollte zurück, aber der Alte hatte es schon bemerkt und rief in strengem Tone: »Bleibe stehen, oder ich werfe den Eisenstecken nach dir! Zwar habe ich nur ein einziges Auge, aber das ist eben so sicher wie die Hand, so daß ich niemals mein Ziel verfehle!« -- Das Kind blieb zitternd stehen. Der Alte hieß es näher kommen, und als das Mädchen furchtsam zögerte, stand er auf, nahm es bei der Hand und sagte: »Komm und wärme dich!« Das Mädchen mußte nun wohl, wenn auch zitternd und bebend, mitgehen. Der Alte nahm Weißbrot aus seinem Schultersack und gab es dem Kinde zu essen. Dann klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen und alsbald standen zwei hübsche Mädchen am Feuer, als wären sie aus der Erde hervorgewachsen. Es dauerte nicht lange, so hatten sich die Kinder miteinander befreundet, spielten und trieben Kurzweil am Feuer, der Alte aber hatte das Auge geschlossen, als schliefe er.

Als die Morgenröthe heraufstieg, trat ein altes Mütterchen heran und sprach zum Dorfkinde: Heute mußt du bei unseren Kindern zu Gast bleiben und auch die nächste Nacht hier schlafen, dann schicke ich dich wieder nach Hause. -- Obwohl sich nun das Dorfkind anfangs geängstigt hatte, so war es dort bald mit den andern Kindern so bekannt geworden, daß es weder Furcht noch Heimweh mehr empfand. Der Tag verging ihnen spielend, und Abends wurden die Kinder miteinander zur Ruhe gelegt. Den andern Morgen aber kam ein junges Frauenzimmer und sprach zum Dorfkinde: »Du mußt heute nach Hause gehen, denn deine Eltern haben deinetwegen großen Kummer, sie glauben du seist gestorben.« Mit diesen Worten führte sie das Kind an der Hand, bis sie aus dem Walde heraus kamen. Dann sagte die Führerin: Von dem, was du gestern und vorige Nacht gehört und gesehen hast, darfst du kein Wörtchen zu Hause reden, sage nur, du habest dich im Walde verirrt. Darauf gab sie dem Kinde eine kleine silberne Spange und sagte: Wenn dich die Lust anwandeln sollte, wieder einmal zu uns zu Gast zu kommen, so hauche nur auf diese Spange, so findest du schon den Weg zu uns!« Das Kind steckte die Spange in die Tasche und dachte auf dem Wege zum Dorfe daran, was wohl die Eltern von der Sache halten würden, da sie ihnen die Wahrheit nicht gestehen dürfe. In der Dorfgasse gingen zwei Männer an ihr vorüber, welche sie nicht kannte. Als sie in des Vaters Hofthor trat, schien ihr der Ort gänzlich fremd; wo vorher nichts gestanden hatte, da wuchsen jetzt Aepfelbäume, an denen schöne Früchte hingen. Auch das Haus erschien ihr fremd. Da trat ein fremder Mann aus der Thür, schüttelte wie verwundert den Kopf und sagte, so daß das Mädchen auf dem Hofe es hörte: »Ein fremdes Dorfmädchen ist auf unserem Hofe.« Das Mädchen erschien die Sache wie ein Traum, doch trat sie einige Schritte näher, bis sie an die Thürschwelle kam. Als sie in's Zimmer hineinsah, erblickte sie den Vater, der auf der Ofenbank saß; eine fremde Frau und ein junger Mann saßen neben ihm, aber dem Vater waren Bart und Haupthaar ganz grau geworden. »Guten Morgen, Vater!« sagte die Tochter, »wo ist die Mutter?« -- »Die Mutter, die Mutter?« rief die fremde Frau zusammenfahrend. »Hilf Gott! bist du der verlorenen Tiu Geist, oder bist du ein lebendiges Geschöpf wie wir? Ist es denn möglich, daß unser liebes Kind, das uns vor sieben Jahren verstarb, zum zweiten Male in's Leben zurück kommt?« Tiu konnte aus dieser Rede nicht klug werden. Da erhob sich die fremde Frau von der Bank, streifte Tiu's Hemdärmel auf, fand auf der Handwurzel eine kleine Brandnarbe und rief dann aus, das Mädchen umhalsend: »Unsere Tiu, unser für todt beweintes Kind, das vor sieben Jahren im Walde verloren ging.« »Das kann ja nicht sein,« erwiderte Tiu, »ich bin nur eine Nacht und einen Tag von euch weg gewesen, oder zwei Nächte und einen Tag«[4].

Jetzt gab es beiderseits genug sich zu wundern; Tiu sah nun deutlich, daß sie länger weg gewesen war als sie selbst glaubte, denn sie war jetzt schon etwas größer als ihre Mutter, und Vater und Mutter waren gealtert. Gern hätte sie den Eltern erzählt, was ihr begegnet war, allein sie durfte ja nicht. Endlich sagte sie, ich hatte mich verirrt und war unter fremde Leute gerathen. Der Eltern Freude über ihr wiedergefundenes Kind war so groß, daß sie nicht weiter nachforschten, wo es denn gewesen sei.

Den andern Abend aber, als Vater und Mutter schlafen gegangen waren, ließ es der Tiu keine Ruhe mehr, sie zog die Spange aus der Tasche und hauchte darauf, um Auskunft darüber zu erlangen, was für ein wundersames Ereigniß sich mit ihr zugetragen. Alsbald fand sie sich wieder am Feuer auf dem Berge, und auch der einäugige Alte war wieder da. -- »Lieber alter Papa!« bat Tiu, »gieb mir Auskunft darüber, was mit mir vorgegangen ist.« Der Alte erwiderte lachend: »Plappern ist Weibersache!« klopfte mit seinem Stecken auf den Rasen, und das junge Frauenzimmer, welches Tiu nach Hause geleitet und ihr die Spange geschenkt hatte, stand vor ihr. Sie nahm Tiu bei der Hand und führte sie einige Schritte vom Feuer weg; dort sagte sie: Da du dir zu Hause nichts hast merken lassen, will ich dir mehr verrathen. Der alte Papa am Feuer ist des Nebelberges König, die alte Mutter, welche du die erste Nacht gesehen hast, ist die Rasenmutter[5], und wir sind ihre Töchter. Ich will dir jetzt eine noch schönere bunte Spange geben, sage zu Hause, du habest sie gefunden. Willst du uns sehen, so hauche nur wieder auf die Spange. Heute darf ich dir nichts weiter sagen, aber sei verschwiegen, so wirst du künftig mehr von uns zu hören bekommen. Jetzt geh' nach Hause, ehe die Eltern aus dem Schlafe erwachen.

Als sie am Morgen erwachte, hielt sie das in der Nacht Geschehene für einen Traum, aber die schöne Spange auf ihrer Brust bewies ihr, daß sie nicht geträumt hatte. Indeß war ihr das Leben im Dorfe so fremd geworden, daß sie häufig Abends, wenn die Eltern schlafen gegangen waren, auf ihre Spange hauchte und sich dadurch, wie sie wünschte, auf den Nebelberg versetzte. Am Tage war sie meist verdrießlich, weil sie sich nach ihrem nächtlichen Glücke sehnte und somit wenig Ruhe hatte. Als der Herbst kam, fanden sich viele Freier ein; aber sie wies sie ab, endlich vor Weihnacht wurde mit dem jungen Manne, welchen sie bei ihrer Rückkehr auf des Vaters Hofe gesehen hatte, Branntwein[6] getrunken.

Der Bräutigam blieb als Schwiegersohn im Hause, denn die Eltern waren beide schon betagt.

Im nächsten Jahre brachte Tiu ein Töchterchen zur Welt, es war ein sehr schönes Kind, konnte aber doch der Mutter Herz nicht ausfüllen. Sie sehnte sich stets nach dem Nebelberge zurück und wäre gern hingezogen, wenn sie das Kind hätte allein lassen können. Als aber die Tochter sieben Jahr alt geworden war, kam eine Nacht, wo die Mutter ihr Verlangen nicht mehr zurückdrängen konnte, sie hauchte auf die Spange und sah sich auf den Nebelberg versetzt. Der Rasenmutter Töchter kamen ihr mit Freudengeschrei entgegen. »Warum bist du so lange weg geblieben?« fragten sie. Tiu sagte mit thränenden Augen, daß es ihr nicht möglich gewesen sei zu kommen, wiewohl ihr das Herz großes Verlangen danach getragen habe. Des Nebelberges König muß uns helfen, sagten darauf die Mädchen und baten Tiu, nach zwei Wochen wieder zu kommen und ihr Töchterchen mitzubringen. Tiu versprach es zu thun, wenn es möglich wäre.

Als aber die Zeit herangekommen war, schlief das Kind so ruhig an des Vaters Seite, daß die Frau nicht das Herz hatte, es mit sich zu nehmen, sie ging deßhalb, indem sie sich der Spange bediente, allein. Der alte König des Nebelberges lag beim Scheine des Feuers am Boden, und sagte als er Tiu erblickte: »Du bist heute zur unglücklichen Stunde ohne dein Kind hergekommen, und es wird dir große Qual daraus erwachsen. Doch kannst du zu guter Letzt noch eine vergnügte Nacht feiern, ehe deine Leidenstage beginnen.« Bei diesen Worten klopfte er mit dem Eisenstecken auf den Rasen, und sofort erschienen der Rasenmutter Töchter, nahmen Tiu mit sich und feierten ein schönes Fest miteinander.

Inzwischen war daheim der Mann erwacht und als er die Frau nicht im Bette fand, stand er auf und suchte sie auf dem Hofe. Auch hier fand er keine Spur der Verschwundenen. Da entbrannte im Manne der Zorn, denn er glaubte die Frau sei irgendwo auf bösen Wegen, darum legte er sich nicht wieder hin, sondern ging sofort zu einem Weisen des Dorfes, ihm den Fall zu erzählen, und ihn um Rath fragen. Als der Weise sich aus einem Weinglase Aufschluß verschafft hatte, sagte er: »Mit deinem Weibe steht es nicht wie es sein soll, sie geht des Nachts als Wärwolf[7] um, und hat das gewiß schon lange getrieben, nur daß du es bis heute nicht bemerkt hast. Wenn sie nach Hause kommt, mußt du sie sogleich vor Gericht stellen.«

Der Mann fand, als er nach Hause kam, die Frau an der Seite des Kindes ruhig im Bette schlafen, er weckte sie indeß nicht, um sie über ihren nächtlichen Gang auszufragen, sondern ging vor Gericht, wie der Weise gewollt hatte. Die Frau wurde vorgefordert. Sie weigerte sich Auskunft darüber zu geben, wo sie vergangene Nacht gewesen sei, wollte auch nicht gestehen, wo sie früher als Kind sieben Jahre lang sich verborgen gehalten, und sagte nur: Meine Seele ist schuldlos, mehr kann ich nicht sagen. Auch später wollte sie ihr Geheimniß nicht verrathen, so daß endlich der Spruch gefällt wurde: das Weib ist eine Hexe, ein Wärwolf und sonstige Uebelthäterin, deßhalb muß sie den Feuertod sterben. Es wurde dann ein großer Scheiterhaufen errichtet, an welchen man das arme Weib festband, worauf er angezündet wurde. Als aber die Flamme eben aufloderte, fiel so dichter Nebel, daß man die Hand vor Augen nicht sehen konnte[8]. Als später die Sonnenstrahlen den Nebel aufsogen, fand man den Scheiterhaufen noch unversehrt, das Weib aber war nirgends zu finden, es war als ob sie im Nebel zerflossen wäre. -- Des Nebelberges König hatte sie gerettet.

Wiewohl nun Tiu jetzt auf dem Nebelberge gute Tage hatte, so fand ihr Herz doch keinen Frieden, sondern sehnte sich nach dem zurückgebliebenen Kinde. Hätte ich mein Töchterlein hier -- so seufzte sie oft -- dann könnte ich glücklich leben, so aber ist das halbe Herz immer bei dem Kinde im Dorfe, und die andere Hälfte lebt in Trauer. Des Nebelberges König errieth ihre geheimen Gedanken und ließ einst bei Nacht das Töchterlein aus dem Dorfe zur Mutter bringen. Da waren beide, Mutter und Tochter, vollkommen glücklich und sehnten sich nach nichts mehr. Die Dorfleute und der Mann glaubten, daß die, in einen Wärwolf verwandelte Frau das Kind bei Nacht fortgenommen habe. Der Mann freite eine andere Frau, aber weder seine eigene Wirthschaft noch die der anderen Höfe nahmen so guten Fortgang wie sonst; allsommerlich litten sie Schaden durch Dürre, das Getreide und Gras verdarben, weil der erfrischende Nachtthau nicht auf den Strich fiel, den die Leute bewohnten. Des Nebelberges König war zornig darüber, daß sie sein Pflegekind hatten umbringen wollen.

[Fußnote 4: Sterblichen im Elfen- oder Feenlande verfließt die Zeit, ihnen unbewußt, mit reißender Geschwindigkeit. S. Köhler's Anm. zu Bd. 1, S. 364. L.]

[Fußnote 5: Vgl. Bd. 1, S. 89 Anm. und S. 104 Anm., sowie S. 30. An letzterer Stelle heißen die im Mondschein badenden Jungfrauen der Waldelfen und der »Rasenmutter Töchter«. Wenn in unserem Märchen der König des Nebelberges der Gemahl der Rasenmutter heißt, so möchte eine ursprüngliche Identität desselben mit den »Waldelfen« angenommen werden können. L.]

[Fußnote 6: S. Bd. 1, S. 83 Anm. 2. L.]

[Fußnote 7: Ehstn. liba hunt, eigentlich läufische Wölfin, soll nach dem Aberglauben das neunte Junge eines Wolfes sein, besonders gefräßig und gefährlich, mit spitzer Schnauze, welches die Thiere von hinten anfällt und ihnen das Eingeweide herausreißt (Wiedemann, Ehstnisch-Deutsches Wörterb. S. V). Hier ist es offenbar Wärwolf, d. h. Mannwolf. Vgl. über diesen Aberglauben Rußwurm Eibofolke S. 360. L.]

[Fußnote 8: Wörtlich: Daß man nicht vor seinen Füßen sehen konnte. L.]

3. Die schnellfüßige Königstochter.

Es war einmal eine sehr schöne und schmucke Königstochter, die aller Orten berühmt war, denn es kamen gar viele Freier zu ihr, von Morgen und Abend, von Mittag und Mitternacht her, so daß oftmals die ganze Woche durch der Hof von den Pferden der Bewerber nicht leer wurde. Aber das Freien ward den Männern nicht so leicht wie unseren Zeitgenossen, die, wenn sie auch manchmal an einem Morgen vor sieben Thüren anklopfen müssen[9], doch dabei den Hals nicht verlieren. Mit der schmucken Königstochter war das aber anders und es durfte keinen Freier, der seine Bewerbung anbringen wollte, an gehörigem Muthe fehlen. Die königliche Maid hatte nämlich sehr schnelle Füße, und darum ihrem Vater fest versichert, sie werde nicht eher heirathen, als bis sie einen Freier fände, der eben so schnellfüßig sei, so daß er mit ihr nicht nur um die Wette, sondern ihr auch noch ein Stück vorbeilaufen könne. Nun, das hätte weiter nichts geschadet, wenn mit dem Wettlauf nicht noch eine andere Bedingung verbunden gewesen wäre, nämlich, daß jeder Freier, dessen Schritte die der Jungfrau nicht überholen könnten, sofort sein Leben verlieren sollte. Wohl muß man sich wundern, daß trotzdem immer noch junge Männer von vornehmer Geburt sich fanden, welche das gefährliche Wagestück unternahmen, obgleich noch keiner einen besseren Lohn erhalten hatte als den, daß sein erstarrter Körper um einen Kopf kürzer gemacht wurde. Die abgehauenen Köpfe wurden dann jedesmal, gleichsam ihnen selbst zum Spott und andern zum Schrecken, auf lange Stangen vor des Königs Behausung aufgespießt. Mancher kluge Mann mochte nun wohl meinen, daß in den auf ihren Stangen steckenden Köpfen doch nicht viel Hirn und Witz gewesen sein könne, da sie thöricht genug gewesen, ihre Haut so billig zu Markte zu tragen. Aber dergleichen kluge Leute vergessen, daß manchem jungen Manne das feurige Blut die ruhige Besinnung aufzehrt. Man erlebte nun freilich, daß die zur Abschreckung aufgesteckten Köpfe die gute Wirkung hatten, das unaufhörliche Zuströmen von Freiern zu verringern, daß sie auch manchen Ankömmling vor der Pforte noch zur Umkehr bewogen, ehe er das Glücksspiel versuchte. Gleichwohl stellte sich immer noch von Zeit zu ein und der andere Thor ein, der nicht wieder nach Hause kam, sondern seinen Kopf den Raben zum Futter ließ.

Jetzt hatten schon so lange keine Hufe von Freier tragenden Rossen den Weg zum Königssitze gestampft, daß die Leute schon anfingen zu hoffen, diese unsinnigen Fahrten würden gar nicht mehr vorkommen, als mit einem Male ein von Sehnsucht getriebener Königssohn aus weiter Ferne her sich abermals auf den Weg machte. Dieser Freier war aber ein gar schlauer Mann und hatte deshalb schon daheim ein paar Jahre oder noch länger seine Beine täglich im Laufen geübt. Jetzt verstand er seine Sache aus dem Grunde, denn in dem ganzen Königreiche, welches sein Vater beherrschte, war unter Männern und Weibern Niemand, den der Königssohn nicht im Lauf überholt hätte. Wenn er trotzdem mit Kutsche und Pferden auf die Freite fuhr, so wollte er einmal dadurch den Leuten seinen Reichthum zeigen, und dann auch seinen Beinen Ruhe gönnen, damit sie nicht noch vor dem Wettlauf ermüdeten. Einen halben Scheffel Gold nahm der Jüngling für die Wegekost mit; dasselbe wurde, als wäre es ein Hafersack, hinten auf der Kutsche festgebunden. Der Königssohn war auf seiner Freierfahrt noch nicht weit gekommen, da sieht er von weitem ein Menschenbild im Fluge herankommen, wie von Vogelfittigen getragen und nach wenig Augenblicken saust auch der Schnellfuß wie der Wind an der Kutsche vorbei. »Halt still, halt still!« schreit der Königssohn aus Leibeskräften, damit das Ohr des Windfüßigen es vernehme. Alsbald hält der Mann seinen Lauf an und bleibt stehen, um zu hören, weshalb er gerufen wird. Da erst wird der Königssohn gewahr, daß dem Läufer an beiden Füßen ein Mühlstein hängt. Dieser seltsame Umstand läßt die Laufkraft des Mannes in des Königssohn Augen noch gewaltiger erscheinen, darum fragt er: »Weshalb hast du die Mühlsteine an den Füßen?« »Meine Füße würden sonst im schnellen Laufe nicht am Boden haften«, erwidert der Mann -- »und ich könnte unversehens wer weiß wohin gerathen, wenn die Füße keine schwerere Last zu tragen hätten als bloß den Körper.«

Der Königssohn denkt alsbald, einen solchen Mann könnte ich in Dienst nehmen, wer weiß wie die Sache geht, vielleicht kann ich einen Stellvertreter zum Wettlauf stellen, falls ich selber nicht gewiß wäre durchzukommen. »Hast du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte er den Mann. »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden. Was versprecht ihr mir denn für Lohn?« Der Königssohn erwidert: »Alle Tage frisches Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, schöne vollständige Sommer- und Winterkleidung und einen Stof[10] Gold als Jahreslohn.«

Der Mann war damit zufrieden und der Königssohn hieß ihn sich hinter der Kutsche auf den Goldsack zu setzen. »Wozu?« fragte der Mann. »Glaubt ihr, daß eure Pferde schnellere und stärkere Beine haben als ich? Seid unbesorgt, ich werde ihnen immer voraus sein.« So zogen sie denn weiter.

Nach einer Weile sieht der Königssohn einen Mann am Wege sitzen, der eine Flinte an die Wange gelegt hatte, als ob er auf irgend einen Vogel ziele. Aber wie scharf auch der Königssohn und seine Diener nach allen Seiten hin spähten, sahen sie doch weder auf der Erde noch in der Luft irgend etwas, worauf der Schütze hätte zielen können. »Was thust du da,« fragte der Königssohn. Der Schütze wies mit der Hand, als wollte er zu verstehen geben, sprecht kein Wort, ihr verscheucht mir den Vogel. »Was machst du da?« fragt der Königssohn zum zweiten, und als keine Antwort erfolgte zum dritten Male. »Seid still«, sagte der Schütze mit leiser Stimme, »bis ich euch Antwort gebe, ich muß erst den Vogel herunterschießen.« Nach einem Weilchen ließ sich ein Paff hören, worauf der Schütze sogleich aufstand und also sprach: »Ich habe den Vogel, jetzt kann ich euch Antwort geben. Schon eine Weile kreiste eine Mücke um den Thurm der Stadt Babylon und wollte sich auf den Thurmknopf niederlassen; ich konnte das aber nicht dulden, denn die Mücke ist zehn Liespfund schwer, sie hätte die feine Knopfspitze beschädigen können, deshalb schoß ich den Feind nieder.« Der Königssohn fragt verwundert: »Wie kannst du denn so weit sehen?« -- »Was für eine winzige Weite ist das«, lacht der Mann, »mein Auge reicht viel weiter.« »Wartet ein wenig,« ruft der schnellfüßige Läufer dazwischen, »ich will hin und sehen, ob der Mann aufgeschnitten, oder die Wahrheit gesagt hat.« Mit diesen Worten war er auf und davon wie der Wind, und nach einigen Augenblicken hatte ihn der Königssohn aus dem Gesicht verloren.

Einen solchen Schützen könnte ich wohl auch einmal irgendwo brauchen, denkt der Königssohn und geht sogleich daran, den Vertrag abzuschließen. »Willst du zu mir als Diener kommen?« fragt er den scharfsichtigen Schützen. »Warum nicht«, erwidert der Mann, »wenn wir Handels einig werden können. Was versprecht ihr mir als Löhnung?« Der Königssohn sagt: »Täglich frisches Essen und Trinken, soviel das Herz begehrt, vollständige schöne Kleidung für Sommer- und Winterbedarf, und einen Stof Gold als Jahreslohn.« Der Schütze war damit einverstanden, und eben langte auch der Schnellfuß wieder von Babylon an, auf dem Rücken die heruntergeschossene große Mücke, die ihm gar nicht lästig war. Der scharfsichtige Schütze setzte sich hinter der Kutsche auf den Goldsack und man fuhr wieder weiter.

Sie waren noch nicht viel weiter gefahren, da sah der Königssohn, der, wie kluge Leute pflegen, Augen und Ohren überall hatte, am Wege einen Mann, der auf der Erde lag und das Ohr an den Boden hielt, als wollte er erlauschen; des Mannes Ohr war röhrenförmig gestaltet und drei Klaftern lang. »Was machst du da?« fragte der Königssohn. Der Horchende erwiderte: »In der Stadt Rom sind gerade jetzt fünf Könige versammelt, die heimlich über einen Krieg rathschlagen; ich wollte nun eben hören, ob der Krieg auch uns berühren wird.« Der Königssohn fragte verwundert: »Wie kannst du in so weiter Ferne hören?« Der Mann erwiderte: »Das ist nun gerade nicht weit, mein Ohr reicht noch weiter, es kann wohl kaum irgendwo auf der Welt etwas gesprochen werden, was nicht an mein Ohr dringen würde, wenn ich anders Lust hätte, von allem leeren Weibergeschwätz Kenntniß zu nehmen.« Der Königssohn dachte gleich bei sich, wer weiß ob eines solchen Mannes Beistand nicht manchmal nöthig werden kann, und fragte den Ohrenmann: »Hättest du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« »Warum nicht -- erwiderte der Ohrenmann -- wenn wir Handels einig werden. Was versprecht ihr mir denn zum Jahreslohn?« Der Königssohn gab zur Antwort: »Täglich frisches Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, vollständige schöne Kleidung und einen Stof Gold jährlichen Lohn.« Der Ohrenmann war damit sehr zufrieden, worauf der Handel geschlossen wurde. Der Mann drehte seine lange Ohrröhre zusammen, damit sie den Boden nicht berührte, setzte sich neben dem Scharfsichtigen auf den Goldsack hinter der Kutsche und so fuhren sie weiter.

Sie waren wieder eine Strecke Wegs gefahren, als sie auf einen großen Wald stießen. Schon eine Weile vorher, ehe der Wald sich vor ihnen aufthat, hatte der Königssohn bemerkt, wie seltsam einzelne Wipfel von Zeit zu Zeit klafterhoch über die andern Bäume des Waldes sich empor hoben und dann plötzlich wieder ganz verschwanden. Er fragte seine Diener, was die Sache zu bedeuten habe, aber keiner konnte ihm darüber Aufschluß geben. Stand Jemand am Baume und hieb ihn mit der Axt um, so konnte der Baum wohl, sobald er zu Boden fiel, dem Gesichte entschwinden, aber wie ein Baum erst den Wipfel ein Paar Klafter hoch gen Himmel streckt, bevor er niederfällt, das konnte menschlicher Verstand nicht erklären. Allgemach betraten nun unsere Wanderer den Wald und hier sollten sie denn glücklicher Weise durch eigene Anschauung erfahren, wie es mit dem wunderbaren Emporsteigen der Bäume zuging. Sie waren noch gar nicht lange im Waldesdickicht gefahren, als sie den Baumlupfer gerade bei der Arbeit erblickten. Ein Mann nämlich wählte sich einen passenden Baum aus, trat dann darauf zu, packte mit beiden Fäusten den Stamm und zog ihn sammt den Wurzeln aus dem Boden, als wäre es ein Kohlkopf oder eine Steckrübe gewesen. Als er sah, daß die Kutsche hielt, unterbrach er die Arbeit und trat einige Schritte näher, weil er meinte, der in der prächtigen Kutsche fahrende Herr könnte wohl des Waldes Eigenthümer sein, der ihm zu wehren komme. Deswegen sagte er demüthig: »Geehrter Herr! nehmt es nicht für ungut, wenn ich ohne Erlaubniß etwas mageres Kleinholz aus eurem Walde genommen habe, das größere habe ich nicht angerührt; die Mutter wollte Brei kochen und schickte mich deshalb in den Wald, daß ich eine Tracht Holz nach Hause brächte, um Feuer unter den Grapen zu machen. Ich wollte eben noch einige Stücke zulegen, und mich dann auf den Weg machen, als ihr herbeikamt.« Der Königssohn wunderte sich sehr über des Mannes Stärke, doch dachte er, ich will mich Spaßes halber als den Herrn des Waldes geberden, bis ich seine Kraft noch besser erprobe, deshalb sagte er zum Baumlupfer: »Ich wehre dir nicht, nimm meinetwegen noch einen viel stämmigeren Baum dazu.« Mit vergnügtem Gesicht schritt der Mann zurück, packte sofort einen Baum den er mit den Händen nicht umspannen konnte und riß ihn krach! aus dem Boden heraus. »Hast du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte der Königssohn. »Warum nicht, wenn wir Handels einig werden«, erwiderte der Mann. »Was für einen Jahreslohn versprecht ihr mir denn?« Der Königssohn erwiderte: »Jeden Tag frisches Essen und Trinken, soviel das Herz begehrt, vollständige Kleidung und jährlich einen Stof Gold.« Der Mann kratzte sich hinter den Ohren, als wäre er in Betreff des Lohnes noch unentschlossen, sagte dann aber: »Gönnet mir nur erst noch soviel Zeit, daß ich die Tracht Holz der Mutter bringe und ihr zugleich sage, wohin ich gehe, sie könnte sonst bis zum Sterben warten, dann eile ich sogleich zurück.« Nachdem er die Erlaubniß erhalten, nahm er das ausgerissene Holz auf, ging raschen Schrittes von dannen und kam auch ohne viel Zeitverlust zurück. Der Königssohn war vergnügt, daß er wieder einen Knecht gewonnen hatte, dessen Hülfe ihm in unerwarteter Gefahr zu Statten kommen konnte.

Man hatte den Wald schon längst im Rücken und war ein gutes Stück im offenen Felde weiter gefahren; in weiter Ferne erblickte man eine Stadt und eine Strecke diesseits der Stadt sieben Windmühlen, welche sämmtlich auf einer Seite des Weges in einer Reihe neben einander standen. Der Königssohn, welcher scharf auf Alles achtete was vorging, bemerkte sogleich, daß die Flügel sämmtlicher Windmühlen sich drehten, obwohl die Luft ringsum so ruhig war, daß kein Blättchen und Federchen sich rührte. Weiter fahrend spürte er dann plötzlich einen heftigen Wind, wie aus einer Röhre oder wie er aus einem Mauerloch zuweilen in's Gemach dringt, nachdem er sich aber einige Schritte von der Stelle entfernt hatte, hörte der Wind eben so plötzlich wieder auf. Der Königssohn ließ die Blicke überall umher schweifen, gewahrte aber lange nichts Absonderliches, woraus er auf den Winderzeuger hätte schließen können. Als sie nur noch einige Feld Weges vom Stadtthor entfernt waren, sieht der Königssohn plötzlich einen Mann von mittlerem Wuchse, der, die Füße gegen einen großen Stein gestemmt und den Leib etwas rückwärts gebogen, eine ganz eigenthümliche Arbeit zu verrichten schien. Der Königssohn ließ halten und fragte den fremden Mann: »Was machst du da, Brüderchen?« Der Mann erwiderte: »Was soll ich armer Schlucker machen? Da ich nirgends einen besseren Dienst fand, der mich hätte ernähren können, mußte ich nothgedrungen das Amt übernehmen, bei stillem Wetter, wenn kein Wind geht, die Stadtmühlen durch Blasen in Gang zu bringen. Aber kann ich mir mit diesem dummen Geschäft wohl Geld verdienen? Kaum so viel, daß ich nicht Hungers sterbe.« »Ist es dir denn ein so leichtes Geschäft, die Mühlen durch Blasen in Gang zu bringen?« fragte der Königssohn. »Nun«, erwiderte der Mann, »das könnt ihr mit eigenen Augen sehen. Mein Mund bleibt immer geschlossen und mit den Fingern drücke ich ein Nasenloch zu, damit nicht zuviel Wind entsteht, weil sonst die Windmühlenflügel sammt der Mühle in die Luft fliegen würden.« »Hast du nicht Lust in meinen Dienst zu treten?« fragte der Königssohn. »Warum nicht«, erwiderte der Mühlenbläser, »wenn wir Handels einig werden und ihr mir soviel gebt, daß ich nicht länger Hunger zu leiden brauche. Was für einen Lohn versprecht ihr mir, wenn ich zu euch in Dienst treten soll?« Der Königssohn erwiderte: »Was ich den andern Knechten gebe, das sollst du auch bekommen. Alle Tage frisches Essen und Trinken, soviel dein Herz begehrt, schöne vollständige Kleidung und obendrein noch einen ganzen Stof Gold als Jahreslohn.« Der Windbläser sagte mit fröhlicher Miene: »Damit kann sich ein Mann schon begnügen, bis er einmal zufällig etwas Besseres findet. Es sei so, schlagen wir ein! Den Mann am Wort, den Stier am Horn, sagt ein alter Spruch.« Der Königssohn nahm den neuen Knecht mit und zog dann mit seinen vier Dienern der Königsstadt zu, um Glück oder Unglück zu erproben: mochte er nun des schönen Mädchens Gemahl werden, oder seinen Kopf auf die Stange liefern.

Als er in die Königsstadt kam, ließ er für sich und seine Diener in dem besten Gasthof Wohnung nehmen und befahl dem Wirthe noch ausdrücklich, den Dienern reichliches Essen und Trinken zu geben, jeglichem was er selber wünsche. Eine Hand voll Gold auf den Tisch werfend, sagte der Königssohn: »Nimm das Wenige als Handgeld, wenn wir wieder scheiden, so werde ich schon noch zulegen, was fehlt.« Dann befahl er, Schneider und Schuster aus der ganzen Stadt zusammenzurufen, die seinen Dienern stattliche Gewänder fertigen sollten, denn obwohl jeglicher in dem was seines Amtes war vortrefflich Bescheid wußte, so war doch keinem deshalb ein besseres Gefieder gewachsen, so daß man an ihnen recht bestätigt finden konnte, was ein altes Wort sagt: »Neun Gewerbe, das zehnte Hunger«, oder: »Einem schönen Singvogel ist nicht immer ein hübscher Rock gewachsen!«

Der schnellfüßigen Jungfrau Vater, der alte König, hatte indeß schon durch's Gerücht von der Pracht und dem Reichthum des neuen Freiers gehört, noch ehe der Jüngling selbst vor ihm erschien, was erst am dritten Tage geschah. Die schönen Kleider und Schuhe für die Diener waren nicht früher fertig geworden. Als der alte König den stattlichen, blühenden Jüngling erblickt hatte, sagte er mit väterlicher Huld: »Lasset, werther Freund, diesen Wettlauf lieber unversucht; wären eure Füße auch noch so geschwind, so könntet ihr doch nichts gegen meine Tochter ausrichten, da sie Füße hat wie Flügel. Mich dauert euer junges Leben, das ihr unnütz hingeben wollt.« Der Freier erwidert: »Geehrter König! ich höre von den Leuten, daß, wenn Jemand nicht selbst mit eurer Tochter um die Wette laufen wolle, es ihm gestattet sei, seinen Diener oder Lohnknecht zu schicken.« -- »Das ist allerdings wahr«, erwiderte der König, aber aus solch' einem Gehülfen erwächst auch nicht der geringste Nutzen. Bleibt der Gehülfe zurück, so wird nicht sein Kopf genommen, sondern der eurige muss dafür haften und wird vom Rumpfe getrennt und auf die Stange gesteckt werden.« Der Königssohn sann eine Weile nach und sagte dann mit Entschlossenheit: »Sei es denn so. Einer meiner Diener soll das Glück versuchen und mein Haupt soll, wenn er Unglück hat, büßen. Ich bin einmal in dieser Angelegenheit von Hause gekommen, und ehe ich, ohne die Sache verrichtet zu haben, zurückgehe und mich zum Gespött der Leute mache, verliere ich lieber meinen Kopf. Besser daß die Leute den todten Kopf auf der Stange als den lebenden Mann verspotten.« Wiewohl der alte König noch gar viel redete und den Freier mit aller Macht von seinem Vorhaben abzubringen suchte, so half es doch nichts, sondern er mußte endlich nachgeben. Der Wettlauf sollte am nächsten Tage vor sich gehen. Als der Königssohn fortgegangen war, sprach der Vater zu seiner Tochter Worte, die der langohrige Mann im Gasthof erhorchte und dem Königssohne wiedersagte: »Liebes Kind, du hast bis zum heutigen Tage viel junge Männer in's Verderben gestürzt, was mir schon oftmals das Herz betrübte. Aber keiner von den hingeopferten Freiern war so sehr nach meinem Sinne, wie der junge Königssohn, der morgen die Kraft seiner Beine im Wettlaufe mit dir erproben will, er ist ein blühender Mann und von kluger Rede. Aus Liebe zu mir hemme morgen die Schnelligkeit deiner Füße, damit der Freier oder sein Diener dich besiege und ich endlich einen Schwiegersohn bekomme, der nach meinem Tode das Reich erbe, da ich keinen Sohn habe.« -- »Was?« erwiderte die Königstochter, während ihr Antlitz vor Stolz und Zorn sich röthete, »soll ich um eines Burschen willen die Stärke meiner Füße verleugnen, um dadurch unter die Haube zu kommen? Nein durchaus nicht, lieber bleibe ich zeitlebens eine alte Jungfer. Wer hat ihn hergetrieben? Ich habe ihn nicht gerufen, so wenig als Diejenigen, welche vor ihm hierher gekommen sind. In unserem Walde wächst noch Holz genug, um seinen thörichten Kopf und alle, die von seines Gleichen, zu tragen, wenn man sie an die Luft stellt, damit sie ihre tolle Hitze abkühlen. Gefällt euch der Freier, so schickt ihn lieber wieder heim, ehe er den Lauf versucht, aber von mir hoffet auf keine Barmherzigkeit für ihn. Wer nicht hören will, muß fühlen.« Der König sah, daß seine Tochter in diesem Stücke unerschütterlich sei und gab allen weiteren Widerspruch auf.

Darnach, als der Ohrenmann dem Königssohne dies Gespräch erzählt hatte, trat der schnellfüßige Diener in's Zimmer und sagte: »Ich schäme mich, so vor den Leuten mit meinen Mühlsteinen herumzulaufen, kaufet lieber sechs Ochsenfelle, lasset daraus einen Ranzen machen, dann kaufet noch zur Beschwerung für den Ranzen so viel Eisen als meine Fußsteine wiegen, so ist Alles in Ordnung; die Leute werden mich für einen reisenden Handwerksburschen halten.« Der Königssohn erfüllte ohne Widerrede des Mannes Verlangen, ließ Felle und Eisen kaufen, soviel für nöthig erachtet wurde, und den andern Morgen war der Ranzen bei Zeiten fertig. Der Mann nahm den Ranzen auf den Rücken und setzte sich in Gang, obwohl die ungewohnte Last auf dem Rücken den Füßen anfangs etwas fremd vorkam; sie wollten sich an diese weiter abliegende Fessel nicht recht kehren, bis sie sich allmählich auch dieser Hemmung fügen lernten.

Auf dem für den Wettlauf bestimmten Platze hatte sich eine unzählige Menge Volks versammelt; die Einen lachten über den Ranzenmann, die Andern sagten: »Ein Vernünftiger ist darauf bedacht, wenn er laufen will, die überflüssigen Kleider abzulegen, diesem Manne aber ist es nicht eingefallen auch nur den Ranzen von sich zu thun.« Der Ohrenmann meldete diese Reden sofort dem Königssohne; aber der Läufer achtete ihrer nicht. Zur Rennbahn war eine Gasse von der Länge einer Meile abgesteckt und zu beiden Seiten mit Bäumen bepflanzt, die den Laufenden Schutz gegen die brennende Sonnenhitze gaben. Am Ende der Gasse sprudelte eine kleine Quelle ihr Wasser aus dem Boden hervor. Es war festgesetzt, daß die Wettlaufenden mit einer leeren Flasche an die Quelle laufen und dort die Flasche mit Wasser füllen sollten, und wer dann beim Zurücklaufen, sei es um einen oder zwei Schritte, vor dem Andern wieder eintreffe, der solle der Sieger sein. Als nun die Königstochter und des Freiers schnellfüßiger Diener auf das gegebene Zeichen gleichzeitig ausliefen, dauerte es nicht gar lange, so war der Ranzenmann wie der Wind an der Jungfrau vorüber, lief zur Quelle, füllte die Flasche und trat den Rücklauf an. Auf dem halben Wege kam ihm die Königstochter, die noch erst zur Quelle lief, entgegen. »Halt ein wenig an, Brüderchen!« bat die Königstochter, »ich habe mir den Fuß etwas verstaucht. Gieb mir aus deiner Flasche ein paar Tropfen Wasser auf den Fuß und verschnaufe, dann gehen wir wieder vorwärts.« »Meinethalben«, sagte der Mann, »ich habe ja keine Eile; ich bleibe, wenn ihr wollt, hier sitzen, bis ihr von der Quelle zurückkommt, dann laufen wir mit einander weiter.« Als er aber niedersaß um auszuruhen, und keinen Betrug fürchtete, hielt ihm die Königstochter, als ob sie ihm schmeicheln wollte, ein Schlafkraut unter die Nase, so daß er sofort in Schlaf fiel. Dann nahm ihm die Jungfrau die gefüllte Flasche aus der Hand und trat hinkend den Rücklauf an. Der Augenmann sah den Vorfall, nahm seine Flinte und schoß von einem Baume einen Zweig so geschickt herunter, daß derselbe dem Schnellfuß auf die Nase fiel und ihn aus dem Schlafe weckte. Zu seinem Schrecken findet der Mann eine leere Flasche und sieht, daß die Maid schon eine Strecke auf dem Rückwege voraus ist. Jetzt strengte er seine Füße an, daß Fersen Funken sprühten, flog zum zweiten Male zur Quelle, füllte die Flasche und sauste dann wie der Wind zurück. Richtig überholte er die Königstochter schon, als immer noch eine gute Wegstrecke bis zum Ziel übrig war und langte einige Augenblicke vor ihr an. So war der Sieg dem Freier geblieben, der diesmal seinen Kopf nicht auf die Stange verkauft hatte; die Königstochter aber ging in zornigem Muthe nach Hause, denn solch' einen Possen hatte sie noch in ihrem Leben nicht erfahren, daß irgend ein menschliches Wesen raschere Füße gehabt hätte als sie selber. Der Königssohn begab sich mit seinen Dienern in den Gasthof, ließ ein prächtiges Mahl anrichten und machte dem Läufer ein reiches Geschenk, desgleichen auch dem Schützen, der den Läufer zu rechter Zeit aufgeweckt hatte. Gleichwohl vermochte der Lärm des Gelages nicht das Gehör des Ohrenmannes zu verwirren, daß er nicht vernommen hätte, was derweil im Königshause zwischen Vater und Tochter gesprochen wurde. »Jetzt, liebes Kind!« sagte der König, »mußt du dich vermählen, da hilft nichts mehr, deiner Füße Schnelligkeit ist durch einen Schnelleren überwunden. Ich bin darüber ganz froh, denn erstens werden nun keine Männer mehr ankommen und zweitens erhalte ich einen Schwiegersohn, der in allen Stücken nach meinem Sinne ist.« Der König wollte noch weiter sprechen, aber da lösten sich plötzlich der Tochter Zungenbänder, welche der Zorn bis dahin gefesselt hatte und nun stürzte aus dem schönen Munde die Rede wie der Wasserfall auf's Mühlrad, so daß der König nicht im Stande war noch etwas weiter vorzubringen. Da Niemand vermöchte, diese Rede Wort für Wort wiederzugeben, so will ich nur in Kürze den Kern derselben mittheilen. Die Tochter betheuerte mit den eindringlichsten Worten, wenn der Vater sie mit Gewalt verheirathen wolle, so würde sie wohl vorher ihr Leben lassen können, aber die Frau des Mannes zu werden, der durch seinen Diener zufällig über sie gesiegt habe, dazu solle keine Macht der Erde sie zwingen. Als endlich das Zünglein der Tochter schon müde wurde und der König wieder ein und das andere Wort dazwischen werfen konnte, versuchte er es bald mit Drohungen, bald mit Schmeichelworten, aber Alles vergebens. »Meinethalben,« rief die Tochter aus, »mögt ihr ihm das halbe Königreich als Abfindung anbieten, aber zur Frau wird er mich nicht bekommen so lange Leben in mir ist.« Der Königssohn wurde sehr verdrießlich, als der Ohrenmann diese Reden gemeldet hatte. Aber der Baumlupfer sagte: »Betrübt euch darüber doch nicht, Mädchen giebt es auf der Welt mehr als so eine Königstochter meint, und auch noch schönere und feinere als sie ist. Verlanget aus des Königs Schatzkammer so viel Gold, wie ein Mann in einem Sacke auf seinem Rücken fortbringen kann, als Abfindungspreis, und lasset die Tochter in Ruhe, bis sie mit all' ihrer Habe verschimmelt, so daß Niemand mehr kommt sie anzusehen, geschweige denn zu freien.« Der Rath war nach des Königssohnes Geschmack, deshalb sagte er am andern Morgen, als er aus des alten Königs Munde vernommen, was ihm der Ohrenmann schon gestern berichtet hatte: »So mag es denn meinetwegen mit der Freite sein Bewenden haben. Ich will mich mit euch vertragen, wenn ihr mir aus eurer Schatzkammer soviel Gold und Goldeswerth zum Ersatz für meine weite Reise versprecht, als ein Mann in einem Sacke auf dem Rücken forttragen kann.« Der König versprach das ohne Weigern, und war noch froh, daß er so wohlfeilen Kaufes davon kam, denn hätte der Jüngling das halbe Königreich zur Abfindung gefordert, er hätte es hingeben müssen, so aber kam er mit einem Sack voll Gold los. Der König dachte in seinem Sinn: ich hielt den jungen Mann für gescheidter als er ist, aber er kennt das Gewicht des Goldes nicht, von dem doch der allerstärkste Mann nicht viel tragen kann. So trennten sich die Männer, beide mit dem abgeschlossenen Handel sehr zufrieden.

Im Gasthofe sagte der Baumlupfer zum Königssohne: »Jetzt schicket Diener in die Stadt und lasset sämmtliches Segeltuch, das in den Buden zu finden ist, aufkaufen, dann bringet fünfzig Schneidergesellen zusammen und lasset aus dem Segeltuch einen sechsdoppelten Sack nähen, so lang und breit als der Stoff reichen will. Mit diesem Sacke will ich aus der Schatzkammer das Lösegeld holen, das euch zum Ersatz für die Jungfrau dienen soll.« Der Königssohn that also und versprach den Bockreitern reichen Lohn, wenn sie die Nacht durch den Sack bis zum Morgen fertig nähen würden. Wenn nun, wie man sagt, schon der Meisterin Bratenschüssel auf dem Ofenherd[11] die Nadel des Schneiders beflügelt, so kann man leicht denken, um wie viel mehr der vom Königssohne verheißene Lohn dies that. Die Schneider stichelten die ganze Nacht am Segeltuch und jeder war nur darauf bedacht, seine Augen vor dem Nebenmann zu hüten, damit ihm dessen Nadel in ihrem Schwung nicht in's Auge fahre. Etwas vor Mittmorgen (9 Uhr) hatten die Männer den Sack fertig und fast alle Nähte waren doppelt genäht. Die Schneider erhielten den Arbeitslohn und noch so viel Trinkgeld obendrein, daß sie dafür, obwohl die Arbeit nur eine Nacht gedauert hatte, drei Tage lang in der Herberge Gelage halten konnten. Der Baumlupfer nahm dann seinen Sack auf den Rücken und ging damit nach des Königs Schatzkammer zum Schatzmeister, um die Füllung des leeren Sackes zu verlangen. Als der Schatzmeister den grundlos tiefen Sack erblickte, sagte er spottend: »Du hast wohl den rechten Weg verfehlt, Brüderchen, du wolltest sicher in irgend eine Kaffscheune, für das Geld hätte es eines solchen Sackes wahrhaftig nicht bedurft.« Der Sackmann erwiderte: »Nun, der Sack wird über den frei bleibenden Rand nicht trauern [12], auch kann ich nicht mehr hinein thun, als ich im Stande bin fortzutragen.« So mit einander sprechend, waren sie bis zur Schatzkammer gekommen. Als die Thüren aufgeschlossen waren und die Goldtonnen alle zum Vorschein kamen, sagte der Schatzmeister: »Was meinst du, getrauest du dir wohl daraus den Sack zu füllen und dann vom Platze zu bringen?« Der Sackmann erwiderte: »Du wirst ja sehen; wer kann eine Sache als sicher rühmen, ehe er sie versucht hat? Mein Herr hatte, als er herkam, die feste Hoffnung, mit einer jungen Frau zurückzufahren, bekommt aber nun keinen besseren Lohn als ein Säckchen voll Geld. Nun, Geld ist oft besser als ein böses Weib.« Der Schatzmeister sagte höhnisch: »Schade, daß du keine Schaufel mitgebracht hast, das würde die Arbeit abkürzen, denn mit der Hand den Sack zu füllen ist doch langweilig, zumal wenn der Sack so groß ist.« Der Baumlupfer entgegnete: »Mein seliger Vater sagte oftmals scherzweise: Wenn ein Mann weder Kanne noch Schöpfkelle hat, so muß er entweder aus dem Rande des Kübels oder aus dem Spundloch abschlürfen.« Mit diesen Worten hob er die erste Goldtonne auf wie ein Körbchen voll Daunen, bat, die Oeffnung des Sackes auseinander zu halten und schüttete dann das Geld hinein, daß es klirrte. Jetzt wurde dem Schatzmeister schon bange, als es aber der zweiten und dritten Tonne nicht besser erging, da wurde das Männlein bleich wie eine getünchte Wand. Nach einer Weile waren alle Goldtonnen geleert, der Sack war aber noch nicht einmal zur Hälfte voll. Der Träger fragte: »Hat euer König denn keinen größeren Schatz?« »Gold in Barren findet sich noch hinten in Kasten, es ist aber eben noch nicht geprägt.« »Nun her damit!« sagte der Baumlupfer und leerte die Kasten ebenso rein aus wie vorher die Tonnen. Als dann alle Ecken und Winkel leer waren, nahm er den Sack auf den Rücken und schritt zurück nach dem Gasthofe.

Das Zuschließen machte dem Schatzmeister diesmal keine Sorge, darum lief er, wie von einer Bremse gestochen, dem Könige das Unglück zu melden. Der alte König erschrak nicht minder, als er den Vorfall hörte, ließ die Tochter holen und rief: »Sieh nun, was für ein Unglück deine halsstarrige Widersetzlichkeit angerichtet hat. Aller Geldvorrath ist dahin, der Freier hat mich kapp und kahl gemacht wie eine Kirchenmaus. Was für ein König bin ich jetzt? Ein Herrscher ohne Geld hat weder Hand noch Fuß, seinen Feinden die Spitze zu bieten. Wenn die Soldaten hören, dass ich nichts mehr habe, um ihnen ihre Löhnung zu zahlen, so laufen sie auseinander.« Da sagte die Tochter: »So kann die Sache nicht bleiben; wir müssen mit List oder Gewalt ihnen den Schatz wieder zu entreißen suchen.« Aber noch ehe sie Zeit hatten, irgend eine List zu versuchen, kam schon Botschaft, daß der Königssohn die Stadt verlassen habe. »Jetzt müssen wir Gewalt brauchen«, sagte die Tochter. »Lasset augenblicklich das ganze Heer zusammenrufen und dem spitzbübischen Freier nachjagen, der ja doch mit seiner schweren Last nicht schnell vorwärts kommen kann.« Der Befehl wurde sofort vollzogen. Am andern Tage war das Heer beisammen; man brach auf, dem das Geld fortführenden Manne nachzusetzen, voran die Reiterei, darauf das Fußvolk und zuletzt der König mit seiner Tochter in einer Kutsche. Ein Drittel des Goldes aus dem Schatze, der dem feindlichen Freier wieder abgenommen werden sollte, wurde den Kriegsleuten zum Geschenke versprochen, damit sie desto hitziger verfolgen möchten.