Kriegsbüchlein
für unsere Kinder
Von
Agnes Sapper
1914
Meinen lieben Enkeln
Theo
Otto
Eduard
gewidmet im Kriegsjahr 1914
Inhaltsverzeichnis
Heimkehr aus Österreich
Der 4. August
Das Pfarrhaus in Ostpreußen
Die Konservenbüchsen
Zu welcher Fahne?
Der kleine Franzos
In Gefangenschaft
Der junge Professor
Allerlei Kriegsbilder
Die Heimreise aus Österreich
„Ist das ein köstlicher Friede hier oben! Kinder, wie haben wir's gut, wie wollen wir die vier Wochen genießen!“ Frau Lißmann stand auf der Altane eines kleinen Bauernhauses in einem weltentlegenen österreichischen Dörfchen. Sie war am Vorabend mit ihren zwei jüngsten Kindern hierher in die Sommerfrische gekommen. Die Kinder--ein Knabe von zehn und ein Mädchen von zwölf Jahren sahen auch aus, als ob sie eine Erfrischung brauchten. Beide hatten im Frühjahr Scharlachfieber gehabt und sich schwer davon erholt; auch die Mutter war angegriffen durch die Pflege. So hatte Herr Lißmann, der in München Lehrer an einer Kunstschule war, für diese drei Glieder seiner Familie einen stillen Sommeraufenthalt in den Tiroler Bergen ausgewählt. Er selbst hatte Ende Juli eine Studienreise nach Paris angetreten. Sein ältester Sohn Ludwig war in Passau, wo er sein Einjährigenjahr abdiente. Es blieb noch Philipp, der siebzehnjährige, der Gymnasiast, zu versorgen. Der wäre wohl gerne mit Mutter und Geschwistern ins Gebirge gereist; allein er war ein etwas leichtsinniger Schüler und hatte im Schuljahr so wenig gearbeitet, daß er in den Ferien lernen mußte. So übergaben ihn die Eltern einem Lehrer, der alljährlich eine Anzahl Ferienschüler aufnahm, und Philipp mußte sich darein ergeben, statt nach Tirol oder gar nach Paris nach Hinterrohrbach zu reisen!
Wieviel hatten all diese Pläne zu überlegen gegeben, und welche Mühe war es gewesen, für die nach verschiedenen Richtungen Abreisenden alles Nötige herbeizuschaffen und die Koffer zu packen! Und dann die große Wohnung abzuschließen und alles gut zu versorgen für die lange Ferienzeit! Kein Wunder, daß Frau Lißmann jetzt, nachdem all das hinter ihr lag, aufatmete und mit Wonne in die stille Landschaft blickte.
„Herrlich ist's!“
Auf diesen Ausruf der Mutter waren beide Kinder herbeigeeilt und auf die Altane getreten. Wie schön war's, die Mutter für sich zu haben, die Mutter, die nun Zeit und Ruhe hatte und so beglückt in die schöne Landschaft hinausschaute.
Ja, es war herrlich; zwar regnete es die ersten Tage, und in dem Dörfchen wurden die Wege bodenlos; aber man war doch traulich beisammen, konnte sich recht ausruhen und erholen. Nur eins vermißten unsere Sommerfrischler: Nachricht von den fernen Lieben. Man war wie von den Menschen abgeschlossen, in diesem von der Bahn weit abliegenden Örtchen, in das nur zweimal wöchentlich ein Postbote kam.
Eines Morgens brach die Sonne durch, wärmte, trocknete und vertrieb die Nebel. Die bisher verhüllten Bergspitzen hoben sich vom tiefblauen Himmel ab und lockten hinaus. So wurde denn auch für den nächsten Tag ein großer Ausflug geplant, und am frühen Morgen brachen sie auf, die Mutter, Karl und Lisbeth mit Bergstöcken bewaffnet, mit Rucksäcken versehen. Ihr Ziel war der Bergpaß, von dem aus man hinübersehen konnte in die Gletscher der Venedigergruppe. Gute Fußgänger machten das leicht in einem halben Tag, aber sie wollten sich einen ganzen Tag dazu nehmen und auf der Paßhöhe übernachten, wo eine einfache Unterkunft für Sommergäste war und von wo aus sie am nächsten Morgen den Sonnenaufgang sehen konnten. „Wenn es uns gar zu gut gefällt dort oben, bleiben wir vielleicht zweimal über Nacht, also haben Sie keine Sorge um uns,“ sagte die Mutter noch beim Abschied zu der freundlichen Bäuerin, bei der sie wohnten.
Wie war das schön für unsere drei Sommerfrischler, auf dem Bergsträßchen, das sachte anstieg, immer weiter hinter in das enge Tal, immer näher auf die hohen Berge zu zu marschieren! Hie und da traf man auch andere Wanderer, die den schönen Tag benützten. Gegen Mittag wurde im Freien getafelt und nach einer längeren Rast ging es mit frischen Kräften vorwärts. Die Straße wurde steiler, der Anstieg mühsamer. „Nur sachte voran,“ mahnte die Mutter, „wir haben viel Zeit vor uns. Schaut euch um, es wird immer schöner.“
Je höher sie kamen, um so mehr neue Bergspitzen stiegen auf, und plötzlich--die Paßhöhe war erreicht--leuchtete das große Schneefeld des Venedigers vor ihnen auf. Ein paar Schritte noch, und man stand an der Unterkunftshütte und hatte vor sich das herrlichste Gebirgspanorama.
So großartig und erhebend war der Anblick, daß sie wie aus einem Mund riefen: „Da bleiben wir, o da gehen wir nicht so schnell wieder herunter!“
Und so kam es auch. Als einzige Gäste der munteren Sennerin, die allein die Hütte bewirtschaftete, brachten sie zwei Tage in der stillen, friedlichen Bergeinsamkeit zu. Nichts war zu sehen, als die erhabene Gebirgswelt, nichts zu hören von dem, was tief unter ihnen die Menschen in ihren Städten beschäftigte.
Am dritten Tag umwölkte sich der Himmel, die hohen Berge waren verhüllt, das erleichterte den Abschied. Mutter und Kinder traten den Heimweg an, und hochbefriedigt von diesem ersten Ausflug planten sie weitere für die nächsten Wochen.
Als gegen Abend in der Ferne das Dörfchen erschien, freuten sie sich doch wieder auf dieses Heim. Endlich mußten ja auch Nachrichten eingetroffen sein von den Lieben, die so weit zerstreut waren. Wie oft hatten sie sie herbeigewünscht, fast am meisten den siebzehnjährigen Philipp, den lustigen Jungen, der nach Hinterrohrbach verbannt war und arbeiten sollte, während sie durch die herrliche Gebirgswelt streiften. Nun kamen sie am ersten Häuschen vorbei; unter der Türe standen der Bauer, seine Frau und die Kinder und vor ihnen zwei Burschen, jeder mit einem Militärkoffer in der Hand. Sie hatten voneinander Abschied genommen. „B'hüt Gott, b'hüt Gott, kommt g'sund wieder,“ riefen ihnen die Dorfbewohner nach. Der eine der Burschen wandte sich noch einmal um und rief fröhlich zurück: „Eine jede Kugel, die trifft ja nicht!“
„Hast du gehört, Mutter?“ rief Karl, „die ziehen in den Krieg!“
„Ja, offenbar,“ sagte die Mutter, „aber es hieß doch, die Tiroler müßten nicht einrücken. Bloß die Regimenter an der Grenze sollten gegen Serbien ziehen.“
Sie gingen weiter, kamen wieder an einem Haus vorbei, an dem eine Gruppe von Leuten beisammen stand, die lebhaft miteinander sprachen. Im Vorbeigehen hörten sie sagen: „In Kufstein ist es schon vorgestern angeschlagen gewesen.“
„Was denn?“ fragte Frau Lißmann und trat zu den Leuten.
„Daß die Russen den Krieg erklärt haben.“
„Nein, wirklich?“ sagte Frau Lißmann zweifelnd; „es wird ein falscher Lärm sein.“
Nun redeten alle zusammen: „Gestern ist's bekannt gemacht worden: Allgemeine Mobilmachung.--Es geht nicht nur gegen die Serben, nein auch gegen die Russen; die stecken dahinter. Ja, jetzt wird's ernst.“
Ein Mädchen stand dabei, das schlug die Schürze vor die Augen und ging weinend ins Haus zurück. Ihre Eltern sahen ihr nach: „Es ist hart für sie, am Sonntag hätte die Hochzeit sein sollen, nun muß er in den Krieg.“
Frau Lißmann konnte kaum glauben, was sie hörte. „Kommt, Kinder, kommt heim; vielleicht ist ein Brief da oder eine Zeitung, ich habe noch keine gesehen, seit wir hier sind; es wäre ja schrecklich, wenn dies alles wahr wäre!“
Sie eilten; wenn sie nur irgend eine Nachricht vorfänden! Als sie sich dem Häuschen näherten, kam ihnen die Bäuerin schon entgegen: „Küß die Hand, gnä' Frau! Gottlob, daß Sie da sind! Wir haben alleweil nach Ihnen ausgeschaut. Daß Sie nur nicht erschrecken: zweimal ist der Telegraphenbote da gewesen. Zwei Telegramme hat er für Sie gebracht. Es wird halt alles wegen dem Krieg sein. Droben auf dem Tisch liegt alles beisammen.“
Nun eilten sie die Treppe hinauf. Telegramme, Zeitungen, einen ganzen Pack, fanden sie vor. Das erste Telegramm, das Frau Lißmann öffnete, kam von dem Lehrer in Hinterrohrbach und lautete: „Bin einberufen, muß Philipp heimschicken.“ Die Mutter und die Geschwister waren bestürzt! Heimschicken! Das Heim war ja verschlossen!
Nun das zweite Telegramm, das kam vom ältesten Sohn Ludwig, von dem Einjährigen: „Unser Regiment kommt an die französische Grenze! Ich komme noch für einen Tag nach Hause.“
Ja, war denn nicht nur mit Serbien und Rußland Krieg? Und nicht nur Österreich, auch Deutschland machte mobil? „Die Zeitungen her, Kinder!“ Sie griffen alle drei gierig danach; da stand es ja in großen Buchstaben über das ganze Blatt: Krieg mit Rußland! Krieg mit Frankreich! Entsetzt stand Frau Lißmann. Krieg nach beiden Seiten! Und vom Vater, der eben nach Paris gereist war, von ihm keine Nachricht? Und der älteste Sohn mußte sofort mit in den Krieg! Und der jüngere, wo trieb der sich herum?
Einen Augenblick stand sie wie niederschmettert von all diesen Nachrichten, die so viel Sorgen auf einmal brachten; und auch die Kinder verstummten. Krieg! Das war etwas, von dem man nur in der Geschichtsstunde gehört hatte, und nun trat das plötzlich herein, ins eigene Leben, in die Familie! Die Mutter raffte sich auf: „Kinder, wir müssen heimreisen so rasch wie möglich!“--„Ja, Mutter, schnell, schnell,“ rief Lisbeth ängstlich. „Die Brüder können ja gar nicht ins Haus herein!“ Karl war nicht so schnell gefaßt. „Jetzt sollen wir schon wieder abreisen? Einen einzigen Spaziergang haben wir erst gemacht! Können wir nicht wenigstens morgen noch an den Schwarzsee? Kommt es denn auf einen Tag an?“
Aber die Mutter antwortete darauf kaum. Sie faßte sich mit beiden Händen an den Kopf, alle Gedanken mußte sie zusammennehmen. Sie holte den Fahrplan, aber sie war kaum imstande, die kleinen Zahlen pünktlich anzusehen. Krieg! Krieg! Das schreckliche Wort, das so aufdringlich vorne in der Zeitung stand, raubte ihr die Besinnung. Sie konnte es noch gar nicht fassen, daß sie so ahnungslos, so vergnügt und glücklich in den Bergen herumgestiegen war, während ein so grenzenloses Unglück über das Vaterland hereinbrach. Aber sie mußte nun handeln, mußte packen, abreisen! Es war sechs Uhr abends; wenn sie den Wagen bestellte, der sie von der Bahnstation hiehergebracht hatte, so konnte sie noch den Nachtzug nach München erreichen. „Lisbeth, fange an einzupacken; wie es kommt, nur schnell! Ich gehe mit Karl ins Wirtshaus, um den Wagen nach der Bahn zu bestellen.“
In der Dorfstraße, an einem Scheunentor, war ein großes Plakat angeschlagen. „Sieh, Mutter,“ sagte Karl, „vom Kaiser von Österreich: ‚An meine Völker!‘ Das möchte ich lesen.“--„So lies, ich gehe zum Wirt.“ Der Wirt aber war mit den Pferden fort. Er hatte einen Leiterwagen voll einberufener Burschen zur Station fahren müssen und konnte erst nachts zurückkommen. Andere Pferde gab's nicht--vor dem nächsten Morgen war nichts zu machen. „Aber dann gewiß?“ fragte Frau Lißmann. „Um wieviel Uhr können wir wohl abfahren?“ Die Wirtin konnte dies nicht sagen, sie müßte erst mit ihrem Manne sprechen. Sie lasse dann durch einen Burschen Bescheid sagen. „Um neun Uhr vielleicht.“--„So spät?“--Ja, die Pferde müßten doch ausruhen und ihr Mann auch; der Knecht sei schon einberufen, und ihre zwei Söhne, ihre einzigen Kinder, auch. Die Tränen traten ihr in die Augen. Bekümmert verließ Frau Lißmann das Haus.
Karl hatte inzwischen den Ausruf des Kaisers gelesen, mit der begeisterten Aufforderung, in den Krieg zu ziehen, der dem Vaterland aufgezwungen war. Und unter dem Ausruf war ein Telegramm angeschlagen, das besagte, daß auch Deutschland, als treuer Bundesgenosse Österreichs, seine ganze Heeresmacht mobil mache. Da fühlte der Junge, was das Großes bedeute; er spürte keine Lust mehr, spazieren zu gehen. Nein, er begriff, daß der Mutter der Boden unter den Füßen brannte und daß sie unglücklich war, nicht heim zu können, wo man sie so nötig brauchte. Aber man mußte sich bis zum nächsten Morgen gedulden. Die Koffer wurden gepackt und alles zur Abreise gerichtet--daran sollte es wenigstens nicht fehlen! Dann kam die Nacht. Sie brachte doch den Müden Schlaf; sie konnten sich ihm ja auch ruhig überlassen, wenn doch vor neun Uhr keine Möglichkeit war, fortzukommen.
Aber um fünf Uhr morgens klopfte die Hausfrau. Die Wirtin schicke her; ihr Mann müsse Burschen zum Frühzug fahren, im Leiterwagen; wenn sie aufsitzen wollten, es wäre noch Platz. Aber sie müßten gleich kommen, es sei schon angespannt.
Keinen Augenblick besann sich Frau Lißmann. „Jawohl, wir kommen, der Wirt soll doch ganz gewiß warten!--Auf, auf, Kinder! Nicht waschen, nicht kämmen! Nur Kleider und Stiefel anziehen!“ Die Kinder fuhren aus den Betten und waren gleich munter. Sie lachten: Nicht waschen, nicht kämmen? So ein Befehl von der Mutter? Nur so vom Bett aus fort und mit Bauernburschen auf einen Leiterwagen!
Solch ein Abenteuer! Und wie die Mutter alles zusammenraffte und in die Reisetasche stopfte und wie sie sich alle den Mund verbrannten an der frisch abgekochten Milch, die die Bäurin schnell brachte! Und wie sie dann, noch mit dem Frühstücksbrot in der Hand, über die Dorfstraße dem Wirtshaus zuliefen und die Bäurin ihnen noch nachsprang mit Schwamm und Kamm, die sie vergessen hatten!
Als sie vor dem Wirtshaus ankamen, stand da der Leiterwagen, aus dem fünf Bauernburschen ihnen neugierig entgegen sahen und der Wirt saß schon oben, die Peitsche in der Hand, stieg aber noch einmal ab, als er sah, wie Frau Lißmann ratlos am Wagen stand und nicht wußte, wie man den erklettern mußte. Er half kräftig nach und so saßen sie bald alle drei nebeneinander auf quer herüber gelegtem Brett und die Fahrt ging los. Mit viel Jauchzen und Winken, das aus allen Fenstern erwidert wurde, verließen die Burschen das Dörfchen. Sie waren aus benachbarten Höfen und Weilern zusammengekommen, lauter große, kräftige Leute; guten Muts fuhren sie hinaus in den Krieg.
Die Zeit drängte, die Pferde wurden tüchtig angetrieben und der Leiterwagen stieß, daß unsere drei leichten Städter, die noch nie in einem Wagen ohne Federn gefahren waren, ordentlich in die Höhe flogen und gar nicht wußten wie ihnen geschah. Lisbeth hielt sich krampfhaft fest an den Brettern. Sie hatte noch immer Schwamm und Kamm in der Hand und traute sich nicht loszulassen. Karl lachte und hatte seinen Spaß an dem „Hopsen“. Der Mutter war es weniger zum Lachen; das Stoßen tat ihr weh. Einer der Burschen mußte es ihr anmerken. Neben dem Wirt lag eine Pferdedecke, die langte er herunter. „Frau,“ sagte er, „da setzen Sie sich drauf und das kleine Fräulein auch.“
Sie nahmen es dankbar an und nun war Freundschaft geschlossen zwischen den Reisenden, ohne viel Worte, denn die holperige Fahrt machte das Verstehen schwer.
„Mein Sohn muß auch mit in den Krieg,“ sagte Frau Lißmann und sah die jungen Leute warmherzig an, als künftige Kriegskameraden ihres Sohnes.
„Muß er sich in Wien stellen?“
„Nein, wir sind Deutsche, aber wir halten ja mit den Österreichern.“
„Wohl, wohl; gegen den Russen und den Franzos. Das gibt Arbeit! Ein Volk allein könnt's nicht ausrichten, aber Deutschland und Österreich zusammen, die können's machen!“
Auf der Straße sah man einen Burschen mit dem Militärkoffer in der Hand. Vom Wagen aus wurde er angerufen: „Steig ein, Kamerad!“ Der Wirt murrte: „Sind so schon genug!“ Aber er fuhr doch langsamer und mit einem Satz sprang der Soldat auf; sie rückten kameradschaftlich zusammen und nun ging's weiter im Galopp; denn der Wirt sah manchmal bedenklich auf seine Uhr, ob es wohl noch bis zum Zugabgang reichen würde. Als endlich die Stadt sichtbar wurde und der Leiterwagen über das Straßenpflaster holperte, stimmten die künftigen Krieger ein Soldatenlied an, wodurch die Leute an ihre Fenster gelockt wurden und mit lauten Zurufen und Winken grüßten. Unsere drei Reisenden winkten ebenso eifrig, man hielt sie natürlich für die Angehörigen dieser Burschen, so galten auch ihnen die Grüße.
Das Aussteigen war wieder ein Kunststück, aber die Burschen kannten sich jetzt schon aus und einer, der ein besonders großer, stämmiger Kerl war, hob ohne weiteres zuerst die Kinder, dann die Mutter herunter, die sich ganz elend und zerschlagen fühlte von dieser Fahrt im Leiterwagen. Aber sie achtete nicht darauf; wenn es nur nicht zu spät war!
Ein furchtbares Getriebe war am Bahnhof; eine Menschenmenge drängte sich an den Schalter, wie es diese kleine Stadt vielleicht noch nie erlebt hatte; zum Teil waren es Einberufene, zum größeren Teil aber Sommerfrischler, die alle des Krieges wegen heimreisen wollten. Mitten in das Drängen und Drücken der Leute, die fürchteten zu spät zu kommen, klang jetzt der Ruf eines Bahnbeamten: „Nichts zu eilen, der Zug hat drei Stunden Verspätung!“
Das war eine Nachricht! Allgemeiner Schrecken und Entrüstung! „Nun, das geht gut an! Ja, da erreicht man ja den Schnellzug nicht mehr! Ist das ein Unfug, eine Rücksichtslosigkeit!“ Da erhob ein älterer Herr mitten im Gedränge den Arm, man sah unwillkürlich auf ihn und da das Murren etwas verstummte, sprach er mit ernster Stimme: „Meine Herren, das ist kein Unfug, das ist der Krieg. Wir werden noch ganz andere Dinge erleben müssen als das!“
Da schwiegen die Leute und ergaben sich; holten sich ruhig nach einander die Karten und suchten sich da und dort ein Plätzchen zum Ausruhen, eine Gelegenheit zur Stärkung, eine Zeitung mit neuen Nachrichten. Sie zerstreuten sich, aber es zog sie doch alle bald wieder an die Bahn. Jeder ahnte, daß es schwierig sein würde, im Zug Platz zu bekommen. Auch Frau Lißmann stand bald wieder mit ihren Kindern im dichten Gedränge. In ihrer Nähe bemerkte sie die Gruppe der jungen Leute, mit denen sie gefahren war, und es überkam sie das Verlangen, diesen ins Feld ziehenden Burschen noch eine Freundlichkeit zu erweisen. Welch' schweren Zeiten mochten sie entgegen gehen! Ihr junges, gesunden Leben mußten sie einsetzen fürs Vaterland. Hätte sie doch früher daran gedacht, wenigstens ein paar Zigarren zu kaufen! Sie sagte es den Kindern. Die nahmen den Gedanken eifrig auf.
„Mutter, es dauert ja noch eine Viertelstunde, wir haben noch Zeit! Draußen, am Obststand, waren auch Zigarren zu kaufen!“ Sie drängten, baten um das Geld, wollten durchaus noch einkaufen. Da gab die Mutter nach. Es war schwierig, gegen den Strom der Menschen nach rückwärts zu drängen. Mit Mühe schoben sie sich durch und erwarben die Zigarren. Aber dann gelang es ihnen nicht mehr, ihren früheren Platz in der Nähe der Burschen zu erobern; andere hatten sich vorgedrängt.
„Allein käme ich schon durch,“ versicherte Karl.
„So nimm die Zigarren, gib sie ab und sage einen Gruß; wir wünschten ihnen von Herzen Glück in den Krieg!“ Der Knabe schlängelte sich geschickt zwischen den Leuten zu den Burschen hindurch. Die Mutter sah von ferne, wie sie überrascht waren und einer nach dem andern dem jungen Überbringer freundlich dankte. Der fand sich auch glücklich wieder zurück und sie freuten sich zusammen über die kleine Liebesgabe, die sie übergeben hatten. Es war vielleicht eine der ersten von den Tausenden, ja Millionen, die im Laufe des Krieges gespendet wurden.
Endlich--es war heiße Mittagszeit geworden--kam der Zug an! Aus allen Fenstern johlten Burschen denen entgegen, die am Bahnhof standen und ein unbeschreiblicher Lärm, ein beängstigendes Drängen entstand. Die Wagen wurden von den Männern gestürmt, Frauen und Kinder blieben zurück, und wo sie hinein wollten, hieß es: „Voll, übervoll!“
Die Beamten trösteten: „In drei Stunden kommt wieder ein Zug.“
Aber wer wollte noch einmal warten, und wer wußte, ob es dann mehr Platz gäbe? Frau Lißmann mit den Kindern lief hin und her, überall standen die Leute bis an die Trittbretter und wollten niemand mehr einlassen. Da plötzlich hörte sie eine Stimme: „Nur herein, es geht schon noch!“ Ein starker Arm streckte sich ihr entgegen und ehe sie wußte, wie es zugegangen, stand sie mit den Kindern eingekeilt in dem schmalen Gang eines Wagens dritter Klasse, obwohl sie Karten zweiter Klasse gelöst hatte. Der Zug fuhr ab, eine Menge verzweifelter Leute zurück lassend. „Gottlob!“ rief Frau Lißmann, sie zitterte noch vor Erregung. „Wo ist denn mein Hut?“ fragte Karl, „man hat ihn mir vom Kopf gerissen!“ „Macht nichts,“ tröstete die Mutter, „das ist der Krieg, hat der Herr gesagt. Gottlob, daß wir alle drei im Zuge sind. Irgend jemand hat uns geholfen, sonst wären wir nicht herein gekommen.“
„Das war ja der große Soldat, der uns aus dem Leiterwagen gehoben hat, hast du ihn denn nicht erkannt, Mutter?“
„Nein, ich habe nur einen Arm gesehen, der sich nach uns ausgestreckt hat. Ich konnte ihm auch gar nicht dafür danken.“
Ein Mitreisender hatte das Gespräch gehört, er mischte sich ein: „Da ist nichts zu danken. Sie sind Deutsche, wir sind Österreicher; wir sind Verbündete und helfen einander. Ich werde Ihnen jetzt einen Sitzplatz schaffen“ und er nahm seinen Handkoffer und stellte ihn auf den Boden des Ganges. „So, nun nehmen Sie Platz,“ sagte er freundlich. „Für das Töchterl bleibt auch noch ein Eckerl und der Bub, der will doch auch einmal Soldat werden, der übt sich einstweilen im Stehen.“
Langsam fuhr der überfüllte Zug. An jeder Station gab es längeren Aufenthalt; eine Menge Einberufene drängten noch herein und immer wurden sie mit fröhlichen, heiteren Zurufen begrüßt. Ein Wiener Zug, schon voll eingekleideter Soldaten, die ins Feld zogen, fuhr vorbei. Aus den Güterwagen schauten die Bursche Kopf an Kopf, ihnen wurde besonders lebhaft zugejubelt. Allerlei Aufschriften, mit Kreide an den Wagen angeschrieben, bezeugten die fröhliche Stimmung der Krieger. An einem war zu lesen:
Serbien
Du mußt sterbien!
Und unter dem Briefschalter des Postwagens stand: ‚Hier werden noch Kriegserklärungen angenommen.‘ Unter Lachen und lautem „Heil, Heil“ rufen, fuhr man an dem Zug vorüber.
So verging Stunde um Stunde; immer dumpfer und drückender wurde es in dem Wagen. Ein kleines Kind schrie unablässig; seine blasse Mutter entschuldigte sich: sie kam schon aus Italien, fuhr seit zwei Tagen ununterbrochen. Einer Frau wurde es schlecht; ein Bub stieß des Vaters volles Bierglas um, das zum Fenster herein gereicht worden war; klebrig und übelriechend wurde der Boden. Aber niemand klagte--es war ja Krieg--man mußte sich in alles fügen, mußte froh sein, daß man überhaupt noch fahren durfte; vom nächsten Tag an wurden nur noch Soldaten befördert.
Gegen Abend kam man an die Grenzstation: Zoll, neuer Sturm auf einen ebenso überfüllten Zug.
Wie ein Traum erschien es Frau Lißmann, als sie endlich spät abends in den Münchner Bahnhof einfuhren. Eingekeilt in die Menge ließen sich unsere müden Reisenden vom Strom treiben, dem Ausgang zu. Nicht wie sonst warteten hier die Angehörigen; der Zutritt war für jedermann gesperrt. Um so dichter stand die Menge an den Ausgangstoren des Bahnhofgebäudes und hier war es, wo plötzlich eine Stimme, eine liebe, bekannte, fröhliche Stimme rief: „Mutter, grüß dich Gott, endlich kommt ihr! Gebt nur euer Gepäck her! Hergeben, Lisbeth, ich trage alles! Nur her, Karl!“
„Philipp!“ riefen sie alle erstaunt, „ja woher hast du denn gewußt, daß wir jetzt kommen?“
„Einmal habt ihr doch kommen müssen! Siebenmal habe ich euch schon erwartet, vorgestern, gestern und heute; ganz heimisch bin ich geworden am Bahnhof. Warum seid ihr so spät gekommen, habt ihr meinen Brief nicht erhalten?“
„Nein, keinen Brief, auch nicht vom Vater.“
„Der Vater kommt morgen. Hat telegraphiert. Auch Ludwig kommt morgen. Das wird sein, wenn wir erst alle beisammen sind, Mutter. Jetzt kommt nur heim, ihr seht gar nicht aus, als ob ihr aus der Sommerfrische kämt. Aber daheim ist schon der Tisch für euch gedeckt. Nämlich schon seit zwei Tagen.“
„Wie bist du denn ins Haus gekommen, es ist doch alles gesperrt?“
„Es gibt ja Schlosser! Ich habe dir alles geschrieben, Mutter, aber es scheint, die Briefe gehen nicht mehr nach Österreich. Die ganze Haushaltung habe ich in Gang gebracht, die Kathi herbeigeholt, ihr werdet staunen. Dürft euch nur aufs Sofa setzen und es euch wohl sein lassen.“
Ja, es wurde ihnen jetzt schon wohl bei der freundlichen Aussicht. „Aber weißt du, daß Krieg ist?“ fragte Karl. Philipp lachte hell auf. „Besser als du. Wißt ihr schon das Neueste? England hat uns den Krieg erklärt!“
Die Mutter blieb mitten auf der Straße stehen: „England! Kinder, das ist ja schrecklich! England auch! England mit den Slaven gegen uns? Ist es denn amtlich mitgeteilt?“
„Amtlich, an allen Ecken kannst du das Telegramm lesen. Aber Mutter, nur keine Angst, du wirst sehen, wir werden mit allen fertig. Aber wir müssen auch alle zusammenhelfen. Jetzt heißes: Alle Mann auf Deck! Du hast also meinen Brief nicht bekommen? Ich habe dir geschrieben, Mutter, daß ich mich als Freiwilliger gemeldet habe.“
Wieder stand die Mutter vor Schrecken still: „Philipp, du mit deinen siebzehn Jahren!“
„Mit siebzehn wird man angenommen. Mutter, du warst nicht da und der Vater nicht, da habe ich nicht lange fragen können. Ich habe mich gemeldet, gleich wie ich hier angekommen bin. Und, Mutter, denke nur, ich sei der erste, der sich hier gemeldet hat als Freiwilliger, sagte der Kommandeur. Er war sehr freundlich, es hat ihn sichtlich gefreut.“
„Aber er muß doch nach der Eltern Erlaubnis gefragt haben?“
„Freilich, das hat er getan. Ich habe gesagt: Der Vater ist in Paris, die Mutter in Österreich, da kann ich natürlich nicht warten, bis sie heimkommen. Ich bringe aber den Erlaubnisschein, sobald sie da sind. Das war ihm recht. Dann fragte er nach dem ärztlichen Zeugnis. Das habe ich mir auch einstweilen verschafft. Auch einen Kriegskoffer, wie man ihn so braucht, habe ich gekauft. Ich habe nicht mehr warten können, sie gehen reißend ab, sind schon kaum mehr zu haben.“
„Aber Philipp, alles ohne unsere Zustimmung!“
Bei diesem Vorwurf traten aber beide Geschwister auf einmal für den Bruder ein. „Er hat doch geschrieben, wir haben nur keine Briefe mehr bekommen!“
Philipp aber griff nach der Mutter Hand, seine Worte klangen jetzt ruhiger, ernster, als es sonst seine Art gewesen: „Mutter, es ist eben Krieg! Und was für ein Krieg! Da leidet es keinen zu Haus, der kämpfen kann. Der Vater wird's begreifen, Ludwig auch!“
„Ich auch,“ „und ich,“ riefen die Geschwister. Die Mutter schwieg einen Augenblick, dann sagte sie nachdenklich: „Die Engländer auch--eine Welt von Feinden! Philipp, ich will dich nicht zurückhalten!“
* * * * *
Eine Weile später saßen sie beisammen am gedeckten Tisch. Die Mutter sah Philipp nach, der hin und her ging und für die erschöpften Reisenden in liebevollster Weise sorgte. Ihr Philipp, ihr unnützer Schlingel; nein, ihr Philipp, der künftige Soldat, der sein Leben geben wollte fürs Vaterland; der zum Mann wurde durch den Krieg!
Der 4. August
Die Mutter und ich sind schon seit drei Wochen auf dem Landgut der Großeltern. Der Vater hat uns hieher begleitet, mußte aber gleich wieder abreisen. Wir sollen wegen der Mutter Gesundheit über die ganzen Ferien hier bleiben.
Es ist herrlich hier bei den Großeltern. Die Großmutter hat mir ein reizendes Mädchenstübchen eingerichtet und der Großvater, der im siebziger Krieg als Offizier dabei war, erzählt uns viel und kann alle Kriegsnachrichten fein erklären. Aber noch lieber hätten die Mutter und ich doch diese Kriegszeit mit dem Vater erlebt und darum waren wir ganz überglücklich, als er uns neulich telegraphierte, er würde uns auf der Heimreise von Berlin besuchen. Heute ist er wieder abgereist, aber wir sind noch ganz erfüllt von seinem Besuch und ich will mir alles ausschreiben, was er uns erzählt hat; ich möchte garnichts davon vergessen; denn ich bin stolz und glücklich, daß der Vater so Großes miterlebt hat, und während er uns erzählte, kamen mir vor Begeisterung fast Tränen.
Der Vater kam also von Berlin; denn der Reichstag war wegen des Krieges zu einer außergewöhnlichen, ganz kurzen Tagung einberufen.
Schon das Wiedersehen mit all den Reichstagsabgeordneten muß ganz anders gewesen sein als in gewöhnlichen Zeiten. Der Vater sagt, jedem habe man angesehen, daß er die Wichtigkeit dieser Tage empfinde. Fast vollzählig waren sie da, aber doch nicht ganz, weil einige schon zu ihrem Regiment einberufen waren.
Um ein Uhr, glaube ich, war die feierliche Eröffnung im Weißen Saal des königlichen Schlosses. Der Reichskanzler, die Mitglieder vom Bundesrat, Generale und andere Offiziere und die Reichstagsabgeordneten versammelten sich. Die Kaiserin, die Kronprinzessin und die Prinzessin Eitel Friedrich saßen in der Hofloge. Das war, glaube ich, alles nicht viel anders, als es jedesmal bei der Eröffnung des Reichstags ist. Aber das war dann anders, und der Vater sagt, das mahnte gleich so ernst an den Krieg, daß der Kaiser in der grauen, feldmarschmäßigen Uniform erschien und auch der Kronprinz und die fünf andern Prinzen, alle in Felduniform. Der Kaiser schritt die Stufen des Thrones hinauf, bedeckte sein Haupt mit dem Helm und las die Thronrede, laut, mit tief bewegter Stimme. Er rief die Welt zum Zeugen auf, daß wir durch Jahrzehnte unermüdlich bestrebt waren, den Frieden zu erhalten und daß nur mit schwerem Herzen der Befehl zu mobilisieren ergangen sei. Dann sprach er von unserer Bundestreue gegen Österreich und von der Feindschaft im Osten und Westen, und der Vater sagt, man fühlte bei dem begeisterten, stürmischen Beifall, wie sehr er all den Anwesenden aus dem Herzen kam. Am Schluß bat der Kaiser, der Reichstag möchte doch einmütig und schnell die nötigen Beschlüsse fassen.
Nach dem Vorlesen der Thronrede geschah etwas ganz Ungewöhnliches: der Kaiser sprach noch frei einige persönliche Worte. Davon habe ich mir das gemerkt, was mir besonders gut gefiel, er sagte: „Ich kenne keine Parteien mehr, ich kenne nur Deutsche.“ Und dann bat er die Vorstände der Parteien, ihm in die Hand zu geloben, daß sie mit ihm durch dick und dünn, durch Not und Tod zusammen halten wollten.
Da traten die Präsidenten und die Parteivorstände, zu denen ja auch der Vater gehört, vor, und gelobten es durch Händedruck. Ich weiß nicht, ob der Vater dadurch dem Kaiser noch treuer gesinnt ist, als er schon vorher war, aber ich bin's, das kann ich für ganz gewiß sagen.
Und ich begreife so gut, daß alle Anwesenden nach dem „Hoch“ auf den Kaiser, das sonst immer das letzte war, diesmal die Nationalhymne angestimmt haben und alle mitsangen. Ich möchte nur gerne wissen, wer den ersten Ton angestimmt hat, aber der Vater weiß es nicht; er sagt, man hatte den Eindruck, als hätten es alle zugleich getan.
Die Sozialdemokraten waren ja bei dieser ganzen Feier nicht dabei; das ist schade; aber später waren sie sehr nett, das kommt nachher. Vorher muß ich noch was Lustiges erzählen.
Als nämlich die Feierlichkeit vorbei war und die Hymne gesungen, verließ der Kaiser den Saal. Im Vorbeigehen gab er noch einigen der Herrn, wie z.B. dem Reichskanzler, dem Grafen Moltke und andern die Hand. Unter diesen Herrn war auch ein Abgeordneter, ein Professor, der trug nicht wie die Mehrzahl der Abgeordneten den schwarzen Gehrock oder den Frack, sondern wie manche andere seine Uniform, ich glaube als Major der Garde-Landwehr. Das fiel wohl dem Kaiser auf; er sah ihn einen Augenblick an, drückte ihm die Hand und dann machte er mit der geballten Faust eine drohende Geberde wie einen Hieb nach unten und sagte zu dem Herrn: „Nun aber wollen wir sie dreschen!“
Dies kräftige Wort hat ganz Deutschland so gefreut, daß es zur Losung für den Krieg geworden ist und auf allen möglichen Postkarten sieht man, wie wir uns das „Dreschen“ ausmalen können.
Nachmittags um drei Uhr war dann die erste Reichstagssitzung.
Schon gleich der Anfang war großartig. Von all den umständlichen Vorbereitungen, die sonst immer die ersten Stunden des Reichstags so unerquicklich ausfüllen, wollten die Abgeordneten diesmal gar nichts wissen. Kein Namensaufruf, keine Neuwahl von Präsident und Schriftführern. Das war ihnen jetzt alles Nebensache. Einmütig standen die Abgeordneten aller Parteien auf zum Zeichen, daß ihnen der frühere Präsident und seine Mitarbeiter recht seien. Dann erhob sich der Reichskanzler. Der Vater sagt, es sei bei seinen ersten Worten im ganzen Haus eine Stille eingetreten, die man nicht mit einem lauten Atemzug hätte stören mögen. Die ersten Worte des Reichskanzlers waren: „Ein gewaltiges Schicksal bricht über Europa herein.“ Dann legte er dar, wie es nur durch die Schuld unserer Feinde zum Krieg gekommen sei. Wie die Russen sich so heimtückisch benommen hätten und wie die Franzosen ohne Kriegserklärung in die Reichslande eingedrungen seien, so daß wir nicht länger zuwarten konnten und nach Belgien hinein mußten, weil uns sonst die Franzosen von dieser Seite angegriffen hätten. Wir könnten mit reinem Gewissen in den Krieg ziehen, in dem wir unser Höchstes verteidigen müssen.
Im Lauf der Rede gab es immer mehr begeisterte Zurufe. Ganz hinreißend sei der Schluß gewesen, als der Reichskanzler mit erhobener Stimme rief: „Unsere Armee steht im Felde, unsere Flotte ist kampfbereit, hinter ihr ist das ganze deutsche Volk!“ Da brauste es durch den großen Saal und von den dicht gefüllten Tribünen; der Beifall wollte garnicht enden und der Reichskanzler wiederholte noch einmal die Worte: „das ganze deutsche Volk!“ Dabei machte er eine Handbewegung, mit der er über die Sozialdemokraten hinwies, die ebenso stürmisch Beifall riefen, wie alle andern Parteien.
Bei der zweiten Sitzung, die noch am Abend gehalten wurde, ging's ebenso großartig zu. Ich weiß aber nur noch das eine, daß alles, was die Regierung beantragt hatte, einmütig ohne irgend einen Widerspruch durchging; so z.B. wurden gleich 5 Milliarden für die Kriegsausgaben bewilligt. Das ist doch eine Riesensumme, aber keine Partei, nicht einmal die Sozialdemokraten, erhoben irgend einen Widerspruch; im Gegenteil, einer der Sozialdemokraten, der Abgeordnete Haase, sagte: „Wir lassen in der Stunde der Gefahr das Vaterland nicht im Stich.“
Das freute mich am allermeisten. Am Schluß der Sitzung dankte der Reichskanzler im Namen des Kaisers dem Reichstag und es gab noch einmal einen stürmischen Beifall, als er sagte. „Was uns beschieden sein mag, der 4. August 1914 wird bis in alle Ewigkeit einer der größten Tage Deutschlands sein.“
Der Vater war selbst ganz bewegt, als er uns von diesem Tag erzählte. Er sagte, den größten Sieg hätten wir schon errungen, den über unsere eigene Uneinigkeit; jetzt könnten wir guter Zuversicht sein. Der Kaiser hat es ja auch in dem Ausruf: „An mein Volk“ gesagt: „Noch nie ward Deutschland überwunden, wenn es einig war.“
Die Eltern sprachen dann noch davon, wie sich all unsere Feinde ärgern werden, wenn sie in den Zeitungen die Berichte über diesen Reichstag lesen. Sie rechnen immer auf unsere Uneinigkeit, das haben sie schon im Jahr 1870 getan. Aber sie verrechnen sich. Wir sind einig gegen sie; wir streiten nur untereinander, wenn es nach außen nichts zu streiten gibt, und das finde ich ganz natürlich.
Der Vater ist noch ein paar Tage in Berlin geblieben, er hatte noch einige Besprechungen, über die er aber nichts mitteilen darf. In diese Tage fiel die Kriegserklärung der Engländer. Diese taten, als müßten sie Belgien schützen und leider deshalb in den Krieg ziehen.
Aber der Vater sagt, man hätte gleich gewußt, daß das nur ein Vorwand sei und England habe sich durch diese Ausrede nur verächtlich gemacht. Es sei eine große Schande, daß sie sich mit den Russen verbünden und sie würden dieses Unrecht schwer büßen müssen.
Für den Vater gibt es jetzt vermehrte Arbeit und wir werden ihn nicht viel für uns haben, wenn wir heimkommen. Aber die Mutter kann ihm wenigstens manches helfen, manches schreiben, was er den Schreibern nicht gern anvertraut.
Wenn ich nur schon 18 Jahre alt wäre statt 13, dann würde ich vielleicht auch in manches eingeweiht. Statt dessen muß ich in die Schule gehen, als wenn kein Krieg wäre. Die Mutter versteht, daß ich keine Lust dazu habe; als ich es aber vor dem Vater sagte, kam ich nicht gut an. Er sah erstaunt auf mich und sagte: „Ich hoffe doch von meinem Mädel, daß es dasselbe tut, wie unsere Soldaten!“ Ich verstand nicht gleich, was er damit meinte, bis er sagte: „Die Soldaten tun ihre Pflicht; mancher tut sogar noch mehr. Wenn du in diesem Schuljahr noch mehr lernen willst, als nur das Nötige, so soll es mich freuen.“
Da schwieg ich über die Schule. Es ist ja auch einerlei; denn ob man zu Hause ist, oder in der Schule, bei den Großeltern auf dem Land oder bei den Eltern in der Stadt, man denkt doch an gar nichts anderes, als an den Krieg und man hat keinen andern Wunsch, als daß wir Deutsche siegen!
Das Pfarrhaus in Ostpreußen.
In Ostpreußen waren die Russen eingebrochen. Das herrliche, blühende Land, das an das riesige russische Reich grenzt, mußte den ersten Anprall der Feinde aushalten. Wohl kämpften die todesmutigen preußischen Grenadiere gegen den eindringenden Feind und hinderten ihn, weiter nach Deutschland vorzurücken; aber Ostpreußen war der Kampfplatz und ehe das Volk nur recht wußte, daß der Krieg erklärt sei, begann schon die Verwüstung des Landes.
Ein Teil der Bewohner war noch rechtzeitig geflohen, aber wer Haus und Hof, Äcker und Vieh besitzt, verläßt nicht so leicht die Heimat.
Da lag ein Pfarrdorf friedlich in fruchtbarer Gegend. Mit Entsetzen hörten die Einwohner von der nahen Gefahr, aber sie flohen nicht. „Wir können nicht,“ sagten sie zueinander, „wie sollten wir das machen? Wohin? Wovon sollen wir uns ernähren? Was mit den Kranken anfangen, und wo das Vieh unterbringen? Nein, es geht nicht.“
Vom Nachbarort hatte man freilich gehört, daß viele Familien geflüchtet waren, auch der Pfarrer.
„Unser Pfarrer wird auch gehen,“ sagten sie zu einander, „er hat seine Mutter in Danzig. Dorthin wird er seine Frau und seine Kinder bringen; da sind sie gut aufgehoben und bekommen ihr Brot umsonst. Wir wollen ins Pfarrhaus gehen und hören, was der Herr Pfarrer meint.“
Der Pfarrer saß am Schreibtisch und hatte die Zeitung aufschlagen vor sich. Seine junge Frau lehnte neben ihm und sah zugleich in das Blatt, aus dem er ihr die Kriegsnachrichten vorlas.
Jetzt wurden Schritte laut vor dem Studierzimmer. Die Pfarrfrau öffnete die Türe. Eine ganze Anzahl Männer und Frauen standen da. Sie sagten, daß sie des Herrn Pfarrers Meinung hören wollten, ob man fliehen sollte.
Der Pfarrer riet zur Flucht: „Morgen schon können die Feinde hier sein,“ sagte er, „und wir wissen ja, wie sie hausen. Wir Männer sind unseres Lebens nicht sicher, Frauen und Kinder sind ihren Schandtaten preisgegeben. Jetzt können wir noch flüchten; die Landsleute in Westpreußen und in der Mark werden uns barmherzig aufnehmen, das bin ich überzeugt.“
„Also wollen Sie gehen, Herr Pfarrer?“
„Wenn ihr geht, ja.“
„Und wenn wir nicht gehen?“
„Dann werde ich bei euch bleiben.“
Einer sah den andern an, sie waren still und überlegten. Die Pfarrfrau, die neben ihrem Manne stand, hatte noch kein Wort gesprochen; aber jetzt unterbrach sie das Schweigen und sagte fast bittend mit erregter Stimme: „Warum wollt ihr denn nicht fort? Ihr könnt ja doch Haus und Hof nicht schützen, rettet doch wenigstens das Leben! Ach wir wollen fliehen, gleich heute, sonst ist es zu spät!“
Da wandte einer der Bauern sich an sie: „Frau Pfarrer, ich glaube es nicht, daß die Russen hier durchkommen; unser Ort liegt nicht an der großen Straße; die Russen wollen doch auf Berlin marschieren, nach Sudehnen werden sie schwerlich kommen. Wenn wir unsere Heimat verlassen, dann geht sie uns verloren, denn allerhand Raubgesindel treibt sich herum in solcher Zeit. Und in der Fremde werden wir alle ins bitterste Elend kommen. Ich meine, wir sollten bleiben.“
Die Andern stimmten zu. Die Pfarrfrau erblaßte. Wohl legte ihr Mann den Leuten noch mit der Landkarte in der Hand die Gefahr dar, aber sie fühlte: es ist umsonst, was er redet, sie können sich nicht trennen von ihrer Heimat.
So kam es auch; die Leute verabschiedeten sich: „Wir danken auch, daß Sie bei uns bleiben, Herr Pfarrer.“
Sie gingen hinaus durch den Pfarrgarten. Dort spielten noch die Kinder der Pfarrleute. Der Kleine saß in der Schaukel, das fünfjährige Fickchen kam zutraulich heran, sie kannte fast alle die Leute. Im Fortgehen deutete einer der Männer auf die Kinder: „Die haben wir auf dem Gewissen, wenn sie in die Hände der Kosaken fallen. Was die Frau Pfarrer betrifft, die wäre gern geflohen.“--„Ja, und der Herr Pfarrer war auch dafür.“
„Kein Wunder; den Herrn Pfarrer Amelung aus Tenlauken sollen die Kosaken erstochen haben, weil er ihnen nicht sagen konnte oder mochte, wo die deutschen Truppen stehen.“
Mit schwerem Herzen gingen sie heim; zur Sorge kam noch die innere Unruhe, ob sie recht taten. Sie hatten den Pfarrer um Rat gefragt und dann doch beschlossen, gegen seinen Rat zu handeln.
Die Leute hatten kaum das Studierzimmer verlassen, so zog der Pfarrer seine Frau an sich mit großer, innerer Bewegung: „Wir müssen uns trennen, Luise, du und die Kinder sollt in Sicherheit kommen.“
„O Johannes!“ rief sie, „warum hast du ihnen versprochen zu bleiben! Ich habe im stillen schon angefangen die Koffer zu packen, wir wollten doch zu deiner Mutter!“ Sie weinte bitterlich. Er drückte sie innig an sein Herz: „Du sollst auch zur Mutter, sollst fort mit den Kindern; nur ich kann nicht, unmöglich. Ich darf doch meine Gemeinde in dieser schweren Zeit nicht verlassen. Denke dich hinein! Sie hätten keinen Gottesdienst, keinen Zuspruch in Unglück, Krankheit und Todesnot. Keine Einsegnung auf dem Friedhof, wenn einer stirbt. Luise, denke an den Spruch: Sei getreu bis in den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben. Ich will mein Amt treu verwalten; mache mir's nicht schwer, jetzt, wo wir uns trennen müssen.“
„Trennen?“ sagte sie, „wenn du bleibst, bleiben auch wir. Du hast das rechte Wort gesagt. Sei getreu bis in den Tod. Auch ich bleibe bei dir bis in den Tod.“
Es gelang ihm nicht, sie zu überreden, daß sie sich mit den Kindern flüchtete. Von dieser Stunde an klang es immer in dem Herzen der Pfarrfrau: „Sei getreu bis in den Tod.“ Ruhig und mutig sah sie dem entgegen, was kommen sollte; die Angst war von ihr gewichen.
Ein Tag und eine Nacht waren vergangen und ein strahlend schöner Sonntag war angebrochen. Die Kirche füllte sich wie an einem hohen Festtag. Jeder wollte im Gotteshaus beten, jeder wollte die Predigt des Pfarrers hören, der treu bei seiner Gemeinde ausharrte. Nie hatte so stille Andacht die ganze Kirche erfüllt wie heute. Als nach dem Gottesdienst der Pfarrer im Talar dem nahen Pfarrhaus zuging, sah er von ferne eine Anzahl Leute von der Landstraße her auf das Dorf zurennen. Schon von weitem hörte man ihren Schreckensruf: „Die Kosaken kommen! Ein ganzer Trupp ist hinter uns her!“
Der Pfarrer eilte zu seiner Frau. „Luise, es wird ernst! Die Feinde kommen! Gott sei uns gnädig!“ Er wollte den Talar ablegen.
„Behalte ihn an,“ bat seine Frau, „vielleicht achten sie dies Gewand!“
„Meine gute, kluge Frau!“ rief er und drückte sie an sein Herz, „was wird nun über uns kommen?“
„Was sollen wir tun?“ fragte sie dagegen, „das Hoftor und die Haustüre schließen?“
„Das hat keinen Wert; sie schlagen die Türen ein und dringen dann schon in feindlicher Stimmung ins Haus. Nein, wir wollen sie wie Einquartierung behandeln, gutwillig geben, damit sie keine Gewalt brauchen. Trage auf, was du irgend Gutes im Haus hast und zeige keine Furcht.“ Er rief seinen beiden Kleinen, die noch ahnungslos im Nebenzimmer spielten: „Kinder, es kommen Soldaten ins Dorf, wahrscheinlich kommen auch welche zu uns zum Mittagessen.“
„Keine Feinde, gelt Vater?“ sagte Fickchen, als es des Vaters ruhige Worte hörte.
„Hungrige Soldaten,“ erwiderte dieser ausweichend. „Hilf der Mutter den Tisch decken, Stühle herbei tragen; so ist's recht, meine Kleine.“
Die Pfarrfrau breitete ein frisches Tafeltuch auf und richtete den Tisch wie für Gäste.
In diesem Augenblick kam aus der Küche Maruschka, das Mädchen, totenblaß herein; sie hatte vom Fenster aus in der Ferne russische Reiter traben sehen und konnte vor Schreck kaum stammeln.
„Still, Maruschka, still; wir bekommen wahrscheinlich Einquartierung. Sieh, daß das Essen recht gut ausfällt. Man muß den hungrigen Soldaten gut zu essen und zu trinken geben. Geh in die Küche, ich komme gleich nach.“
„Ei, Mutti,“ sagte Fickchen, „ich glaube, Maruschka ist bange vor den Soldaten. Ich gar nicht, ich habe gern Einquartierung.“
Eine Weile herrschte tiefe Stille im Ort; kein Mensch wagte sich auf die Straßen, alle verkrochen sich in Todesangst in ihre Häuser.
Dann plötzlich hörte man von ferne Pferdegetrabe, hörte ein Signal, die Kosaken hielten im Dorf. Ihr Anführer ließ in deutscher Sprache ausrufen, daß keiner der Einwohner den Ort verlassen dürfe. Bei Todesstrafe sei es verboten, durch Signale, durch Glockenläuten oder sonst auf irgend eine Weise die Anwesenheit der Kosaken zu verraten. Nach dieser Androhung stiegen sie vom Pferd und zerstreuten sich im Ort.
Es dauerte nicht lange, so hatten sie das schöne Pfarrhaus, obwohl es abseits lag, entdeckt. Ein Trupp von vier Mann kam mißtrauisch um sich schauend durch den Garten auf die Haustüre zu; voran einer, der der Anführer zu sein schien. Der Pfarrer kam ihnen zuvor und machte die Türe weit auf. Als seine große Gestalt im langen, schwarzen Talar plötzlich vor ihnen auftauchte, stutzten die Kosaken einen Augenblick. Der Pfarrer machte eine einladende Handbewegung und sagte ruhig und furchtlos in russischer Sprache: „Kommt herein, der Tisch ist schon für euch gedeckt!“
Sie folgten ihm. Es war ein freundlicher Anblick, dieses Wohnzimmer mit dem großen weißgedeckten Eßtisch. Die Kosaken mochten in solchem Raum noch nicht oft gewesen sein. Eine Christusfigur an der Wand, die Hände segnend ausgebreitet, schien die Eintretenden willkommen zu heißen. Die Frau des Pfarrers mit den Kindern stand gerade unter der Figur.
„Das ist meine Frau und meine Kinder,“ sagte der Pfarrer ruhig. Die beiden Kleinen traten zutraulich heran. „Meine Frau kann nicht russisch, aber sie kann gut kochen. Bringe du das Essen selbst auf den Tisch, Luise,“ fügte er in deutscher Sprache hinzu.
Neugierig sahen die Kinder zu, wie die Soldaten nun ihr Gepäck ablegten. Der eine warf das seinige auf das Sopha; da bedeutete ihm der Anführer, es auf den Boden zu legen. In der feinen Umgebung, bei der gastlichen Aufnahme, wollten sie auch nicht die rohen Kerle sein. Und nun trug die Pfarrfrau das Essen auf, die Kinder traten an den Tisch und falteten die Hände. Der Pfarrer sprach das Tischgebet, die Kosaken taten mit, sie waren ganz im Bann des Pfarrhausfriedens.
Was draußen in der Küche Maruschka zitternd und bebend zubereitet hatte, was sie aus dem Keller herausgeholt, das schmeckte den Kosaken aufs beste.
Während des Essens besorgte Maruschka eifrig, was ihr die Pfarrfrau aufgetragen: die schönen Betten im Gastzimmer überzog sie mit frischer Wäsche. Nach Tisch geleitete der Pfarrer die müden Soldaten hinauf und lud sie ein, es sich behaglich zu machen. Die Pfarrleute atmeten erleichtert auf; der Pfarrer wagte den Talar abzulegen, seine Frau sorgte voraus für das Abendessen und hatte die gute Zuversicht, daß die Kosaken in den weichen Betten wohl bis zum Abend schlafen würden.
So kam es auch; aber nach dem Essen gingen die Soldaten fort und suchten ihre Kameraden im Wirtshaus auf. Dort war ein wüstes Treiben; das ganze Wirtshaus lag voll Kosaken, die aßen und tranken bis tief in die Nacht hinein, und zuletzt brach Streit aus. Der Wirt wollte den Kellerschlüssel nicht ausliefern, den die Kosaken verlangten. Er weigerte und wehrte sich; plötzlich zog einer der Soldaten die Pistole und schoß den Wirt nieder.
Noch in der Nacht kam die Nachricht von der Gewalttat ins Pfarrhaus und am frühen Morgen, während die Russen noch schliefen, schickte die Wirtin einen Buben zum Pfarrer, er möchte doch den Toten beerdigen, den die Soldaten nicht im Haus dulden wollten.
Der Pfarrer ließ sagen, man möge das Grab richten, er werde den Toten beerdigen, aber es müsse in aller Stille und Heimlichkeit geschehen, um die Feinde nicht zu weiterer Gewalttat zu reizen.
Vom Dorf aus brachten vier Träger den Sarg mit dem Toten. Niemand als seine Frau und seine Kinder begleiteten ihn. Am Eingang des Friedhofs trat der Pfarrer zu ihnen und ging dem Zug voraus. Als sie durch das Tor des Friedhofs traten, wurde, wie es der Brauch war, das Friedhofglöcklein geläutet. Der Pfarrer blieb bestürzt stehen: „Wer läutet? Wißt ihr nicht, daß die Kosaken auch das Läuten bei Todesstrafe verboten haben?“
„Ach, Herr Pfarrer,“ sagte die Frau erschreckt, „es ist ja nur das Sterbeglöckchen! Ich habe den Meßner gebeten, daß er läutet. Das werden die Unmenschen doch erlauben. Mein Mann soll doch nicht ohne Geläute zu Grabe getragen werden.“
Der Pfarrer hörte kaum auf sie, er wandte sich an ihren ältesten Buben: „Spring zum Meßner! Er soll das Läuten sein lassen, es kann ihm das Leben kosten!“
Der kleine Leichenzug war am Grab; der Sarg wurde eingesegnet und versenkt. Aber in das Gebet, das der Pfarrer in tiefem Ernst über dem Grab sprach, drang von ferne wildes Geschrei. Die Kosaken waren beim ersten Glockenton vom Lager aufgefahren, sie hielten sich für verraten. Im Nu war ein ganzer Schwarm beisammen. Wütend stürmten ein paar von ihnen nach der Kirche. Der Glöckner wurde in einem Augenblick überwältigt und lag tot im Glockenturm. Nun suchten sie nach dem Pfarrer, denn der hatte gewiß das Zeichen zum Verrat gegeben. Sie drangen in den Friedhof ein, der hinter der Kirche lag. Beim Anblick der wilden Rotte liefen die Sargträger und die Wirtin mit ihren Kindern unter lautem Geschrei davon. Der Pfarrer allein blieb, das Kruzifix in der Hand, an dem noch offenen Grab stehen. Er deutete hinein. „Ich habe nur getan was meines Amtes ist,“ sagte er zu ihnen in ihrer Sprache, „das Läuten der Sterbeglocke geschah gegen meinen Willen.“ Da wechselten sie ein paar Worte mit einander und beschlossen, den Pfarrer gefesselt fortzuführen. Im Augenblick waren ihm die Hände auf den Rücken gebunden. Dabei riß einer der Kosaken ihm das Kruzifix aus der Hand. „Versündige dich nicht,“ sagte der Pfarrer, „lege es dem Toten auf sein Grab,“ und der Kosak gehorchte seinem Gefangenen.
Sie führten den Gefesselten durch das Dorf. Die Straßen waren leer, niemand traute sich hinaus, denn alle Bewohner waren in Todesangst. Aber hinter ihren Fenstern schauten sie auf die Straße und mit Entsetzen sahen es viele, wie ihr Pfarrer gefesselt auf den Platz vor dem Wirtshaus geführt wurde, auf dem sich die Kosaken sammelten.
Nur die Pfarrfrau wußte nichts von allem, was geschehen. Zwar über das Läuten war sie erschrocken; aber sie hatte keine Zeit, darüber nachzusinnen. Ihre Kosaken, oben im Gastzimmer, waren auf einmal munter geworden; sie hörte sie lebhaft reden und eilte, Frühstück für sie zu bereiten. So früh hatte sie sie nicht erwartet. Und sie wollte sie doch wieder durch gastliche Behandlung in gute Stimmung versetzen. Eilig trug sie auf, hoffte auch jeden Augenblick, daß ihr Mann wieder vom Friedhof zurück käme.
Schwere Tritte kamen jetzt die Treppe herunter; sie mußte sich wohl darein finden, die Kosaken allein am Tisch zu haben; wenn sie nur ihre Sprache gekonnt hätte! Sie öffnete die Türe; aber die Soldaten schienen nicht vor zu haben, zum Frühstück zu kommen, sie gingen auf die Haustüre zu.
„Tee?“ fragte die Hausfrau und deutete auf das Zimmer. Durch die offene Türe war der einladende Teetisch zu sehen. Einen Augenblick zögerten bei diesem verlockenden Anblick die Kosaken und wechselten ein paar Worte; dann traten sie ein, setzten sich aber nicht, sondern schoben nur in Eile in ihre Taschen alles, was da stand an Brot und Speck, an Käs und Eiern, und verschwanden dann eiligst durch den Garten auf die Straße. Sie konnte sich dies sonderbare Benehmen nicht erklären, ging hinauf in das Gastzimmer, um nachzusehen, ob die Kosaken wohl all ihr Gepäck mitgenommen hatten. Ja, das war so. Also mußten sie wohl heute früh schon wieder weiter ziehen? Waren vielleicht schon verspätet und deshalb so eilig? O Wonne, diese Gäste glücklich los zu sein!
Vom Gastzimmer aus konnte man hinüber blicken nach dem Friedhof. Der lag still und verlassen. Aber wo war dann nur ihr Mann? Wohin konnte er so früh gegangen sein? In das Trauerhaus zu der Wirtin? Mit dem Talar? Ja, vielleicht; in dieser Kriegszeit tat man manches, was vorher unmöglich schien.
Es war so ruhig im ganzen Haus und nach all den Aufregungen hatte diese Stille etwas Bedrückendes. Es fröstelte sie. Sie ging wieder hinunter in die Wohnstube. Ihr Blick fiel auf die große Teekanne. Ja, eine Tasse Tee würde ihr jetzt gut tun; und dann die Teekappe über die Kanne, daß der Tee schön heiß bliebe, bis ihr Mann endlich käme. So saß sie ganz allein an dem großen gedeckten Tisch und trank langsam, weil sie immer wartete auf ihren treuen Gefährten, der doch auch noch kein Frühstück hatte.
Jetzt endlich hörte sie Schritte, rasch kamen sie durch den Garten, durch die Flur; die Wohnzimmertüre ging auf--ihr Mann stand vor ihr.
„So, endlich!“ sagte sie und streckte ihm die Hand entgegen, „jetzt komme nur gleich, der Tee wird kalt!“
Er aber war sprachlos. Er, der sich schon im Geist nach Sibirien transportiert gesehen hatte, er, der seine Frau in Jammer und Verzweiflung vorzufinden glaubte, fand sie ruhig am Teetisch mit der einzigen Sorge: der Tee würde kalt.
Sie sah jetzt seine Erregung. „Was ist denn geschehen?“ fragte sie ängstlich.
„Du weißt wohl von gar nichts?“
„Nein, wo warst du denn?“
„Nun, ich war in russischer Gefangenschaft! Freilich nur eine Viertelstunde; aber eine Viertelstunde, die ich nie vergessen werde. Gefesselt bin ich vom Friedhof herein geführt worden, ganz nahe an unserem Haus vorbei. Luise, wie mir da zu Mute war! Ich mag dir's gönnen, daß du mich nicht gesehen hast! Sie haben das Läuten der Sterbeglocke für Verrat gehalten; dem Glöckner hat es das Leben gekostet, mich wollten sie fortschleppen. Sieh die roten Striemen an meinen Handgelenken! Aber du wirst ganz weiß, Luise; es ist nichts mehr zu fürchten. Du siehst ja, ich bin wieder frei, dank unserer Einquartierung. Unsere vier Leute sind für mich eingetreten, haben für mich gesprochen, bis man mich losgebunden hat. Und jetzt ist die ganze Horde abgezogen, Gott Lob und Dank!“
„Ja, Gott Lob und Dank!“ Die Pfarrfrau war so erschüttert, sie konnte sich gar nicht fassen. Freilich für diesmal war die Gefahr überstanden; aber noch heute konnten größere feindliche Heere das Land überfluten.
Aus der Ferne hörte man noch Pferdegetrabe, die Kosaken waren abgezogen.
Und nun trauten sich die Leute wieder auf die Straße und wieder kamen sie in großer Menge ins Pfarrhaus; aber jetzt waren sie anders gesinnt. Sie wollten flüchten; alle waren einig, so schnell wie nur möglich; keinen zweiten Einfall wollten sie abwarten. Der Tod des Wirtes, des Glöckners, das Bild ihres gefesselten Pfarrers, das alles hatte ihnen einen Schreck eingeflößt, so daß es von Mund zu Mund ging:
„Nur fort, nur fort!“
Die Pfarrfrau packte ihre Koffer, das ganze Dorf trug seine Habseligkeiten zusammen, Wagen um Wagen wurden gefüllt, Kranke und Kinder auf Betten gelegt, ja auch Hunde, Kanarienvögel u. dgl. durften mit. Das Vieh wurde losgebunden und mitgetrieben.
Unterwegs stieß man auf Leidensgenossen, bei denen die Russen ganz anders gehaust und Greuel verübt hatten, bei deren Bericht man schauderte. Ein unabsehbarer Zug bewegte sich landeinwärts; ängstliche, bekümmerte Leute, die mit bitterem Schmerz ihre Heimat verließen und mit schwerer Sorge in die Zukunft sahen.
Als unsere Pfarrfamilie in Danzig ankam, sah sie Scharen von solchen geflohenen Familien. Eine endlose Flucht. Von Wagen erfüllte die Straßen und Plätze, ganze Herden heimatlosen Viehs stauten sich brüllend in den engen Straßen.
Aber es wurde Ordnung geschafft und mit rührender Nächstenliebe wurden in kurzer Zeit all die armen Flüchtlinge untergebracht, wurde Dach und Fach, Arbeit und Verdienst für sie geschafft.
Am besten hatten es freilich solche, die wie unser Pfarrer mit Frau und Kindern von der Mutter mit offenen Armen aufgenommen wurden. Aber auch sie trauerten um das schöne Land, das vom feindlichen Heer verwüstet wurde, und um die unglückseligen Opfer russischer Grausamkeit. Keiner konnte froh sein, wenn auch ihm selbst nichts abging; alle Deutschen Ostpreußens hatten ein gemeinsames Leid, eine gleiche Sehnsucht. Und sie warteten Tag um Tag, Woche um Woche, ob die Heimat nicht aus der Hand der Feinde gerettet würde.
Und der große Tag kam; der Retter Ostpreußens erschien: Generaloberst von Hindenburg, der die Russen bei Tannenburg und an den masurischen Seen besiegte und dadurch das Land wieder befreite.
Was war das für ein Jubel im ganzen deutschen Vaterland!
Am Abend, da diese herrliche Nachricht durch ein Telegramm des Generalquartiermeisters von Stein bekannt worden war, gingen unser Pfarrer und seine Frau in jedes Haus, wo Leute aus ihrer Gemeinde untergebracht waren. Sie wollten sie selbst sehen, die armen Flüchtlinge, die nun mit leuchtenden Augen davon sprachen, daß sie bald wieder in die geliebte Heimat zurück könnten. Alles Schwere, alles Leid versank, jetzt galt nur die Siegesfreude und die Dankbarkeit gegen Gott, der dem Leid ein Ende gemacht.
Freilich, noch lange wird es dauern, bis alle wagen dürfen zurückzukehren, denn noch immer können sich feindliche Einfalle an der Grenze wiederholen. Inzwischen ist der Winter gekommen und bringt harte Not für die Flüchtlinge, die all ihr Hab und Gut verloren haben. Wir wollen an sie denken und ihnen Gaben schicken, wir alle, die wir so glücklich sind, weit weg vom Feind zu wohnen. Unsere Heimat blieb verschont, erbarmen wir uns der Heimatlosen!
Die Konservenbüchsen.
In der Mittagsstunde stand der Sattlermeister Krauß unter seiner Ladentüre und sah die Straße hinunter, immer nach einer und derselben Ecke. Offenbar erwartete er jemand von dorther. In dem Haus gegenüber sah eine Frau durchs Fenster, ebenso beharrlich nach derselben Ecke, und sie rief dem Nachbar zu: „Kommt sie noch nicht?“--„Sie muß gleich kommen.“